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    GLEISENAU

    Wort zum Sonntag: Gotte möchte keine Blutrache für Abels Tod

    Volkmar Gregori Foto: Photographer: Rottmann Wolfgang

    In den evangelischen Gottesdiensten am Wochenende geht die Predigt über eine sehr bekannte biblische Erzählung, eine der Urgeschichten der Bibel: Altes Testament, 1. Buch Mose, Kapitel 4, Verse 1 bis 16. Es ist die Geschichte von Kain und Abel, die Geschichte vom Brudermord, eine Geschichte über Neid und seine Folgen, über Schuld und Strafe, über die Frage: Gott, warum? Es ist eine vielschichtige Geschichte.

    Beide Brüder bringen Gott Opfer dar, Kain „von den Früchten des Feldes“, Abel „von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett“. Auf diese Weise bitten sie Gott, dass er ihnen auch künftig beruflichen Erfolg schenkt. Die Herden Abels entwickeln sich prächtig. „Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer.“ Die Früchte auf den Äckern Kains jedoch gedeihen schlecht. „Kain und sein Opfer sah der Herr nicht gnädig an.“ Abel geht es gut, Kain geht es schlecht. „Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.“ Er „erhob sich wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.“

    Sie stimmen mir zu, dass Gewalt, vor allem tödliche Gewalt, kein Mittel sein darf, auf Enttäuschungen, gleich welcher Art, zu reagieren. Gewalt muss aufhören. Kann man auch von Gewalt gegen Pflanzen, Wasser, gegen die Luft und den Boden reden? Wir sollten es unbedingt tun! Gewalt hat tausenderlei Ursachen und Fratzen. Mich belastet der Gedanke, dass meine Enkelkinder und deren Kinder den Folgen der Gewalt, die auch durch mich, wissentlich oder unwissentlich, geschieht, ausgesetzt sein werden.

    Die aufwühlende Geschichte von Kain und Abel kann Anstöße geben, Gewalt zu überwinden. Sie steht nicht nur in der Bibel. Sie findet sich auch im Koran, der heiligen Schrift des Islam (Sure 5, 27 bis 32). Leider wird im Koran nicht erzählt, wie Gott Kain bestraft. Er vertreibt ihn von seinem Acker und schützt ihn vor Rache, aber er tötet ihn nicht. Auch der Mörder bleibt Mensch. „Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.“

    Wie können wir drohende Gewalt abwenden und wie auf angewandte Gewalt reagieren? Wie muss sich der Kain in mir und der Abel in mir ändern? Ich möchte mich nicht dazu verleiten lassen, verbal aufzurüsten, wie ich es immer öfter erlebe. Warum kommen klärende Gespräche so oft auch bei uns nicht zustande, wie schon zwischen Kain und Abel nicht? Und überhaupt: Warum fällt Gott Kain nicht in den Arm?

    Immer wieder muss ich es neu lernen: Ich bin selbst verantwortlich, vor Gott und meinem Nächsten, für das, was ich tue oder unterlasse. Ja, Gott will es so, dass ich meines Bruders Hüter bin. Abel soll leben!

    Wir leben geschwisterlich kraft der herrlichen Liebe Gottes. Wenn Sie an diesem Wochenende einen Gottesdienst mitfeiern, egal ob evangelisch oder katholisch, dann möge Ihnen diese Liebe mit dem Brot und dem Wein am Tisch des Herrn in Fleisch und Blut übergehen. Wenn Sie sich umsehen in der Kirche, werden Sie vor allem Abels sehen – Gottesdienstbesucher, die, wie wohl auch Sie, zu den Bevorzugten gehören. Wir müssen auf unsere Verantwortung gegenüber den Benachteiligten immer wieder hingewiesen werden. Es soll uns nicht eines Tages wie Abel ergehen. Abel soll leben – und Kain auch! Foto: W. Rottmann

    Von Volkmar Gregori Evangelischer Pfarrer in Gleisenau

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