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    Falscher Offizier? Göller spendet Bier doch nicht an Bundeswehr

    Weil 400 Bierfässer drohen abzulaufen, will der Juniorchef der Zeiler Brauerei den Gerstensaft der Bundeswehr spenden - und gerät an einen mutmaßlichen Betrüger.
    Das Herzstück des Dramas: Rund 400 bereits vor Wochen abgefüllte Bierfässer im Kühlhaus der Brauerei Göller in Zeil (Lkr. Haßberge).
    Das Herzstück des Dramas: Rund 400 bereits vor Wochen abgefüllte Bierfässer im Kühlhaus der Brauerei Göller in Zeil (Lkr. Haßberge). Foto: René Ruprecht

    Die Geschichte vom Fassbier der Zeiler Brauerei Göller im Landkreis Haßberge ist ein Drama in drei Akten. Weil der Juniorchef seinen Gerstensaft aufgrund der Corona-Pandemie nicht los wird, meldet ein vermeintlicher Oberstleutnant der Bundeswehr Bedarf an. Das Bier soll gespendet werden und den in der Krise tätigen Soldaten ein Zeichen der Anerkennung sein. Doch wie ein Sprecher der Bundeswehr auf Anfrage dieser Redaktion bestätigt, handelt es sich bei dem vermeintlichen Offizier um kein Mitglied der Streitkräfte. Die Erzählung eines Dramas, das nur Verlierer kennt.

    Erster Akt: Hunderte Liter Bier müssen vernichtet werden 

    Ausgangspunkt war ein Bericht dieser Redaktion. Der Text, veröffentlicht nach dem Verbot von Großveranstaltungen bis zum 31. August, beschäftigte sich mit der Frage, was mit dem bereits abgefüllten Fassbier heimischer Brauereien passieren werden wird. Dazu bezog Max Göller, Juniorchef der Brauerei Göller, Stellung: Die etwa 400 schon im Februar und März abgefüllten Fässer werden wahrscheinlich nach und nach, immer wenn eine Charge das Mindesthaltbarkeitsdatum erreichen wird, in die Kanalisation geleitet werden müssen. Es wäre keine leichtfertige Entscheidung des Brauingenieurs gewesen, die 15 000 Liter in den Gully zu kippen. Eine unumgängliche aber allemal.

    Den Inhalt zurück in den Produktionskreislauf führen, um das Bier in Flaschen abzufüllen? "Geht nicht, zudem wäre das definitiv nicht unser Verständnis von Qualität." Das Bier an Gastronomen abgeben, in der Hoffnung auf eine baldige Lockerung der Beschränkungen? "Wann Gastwirte wieder ausschenken dürfen, steht in den Sternen. Wenn es soweit ist, wollen wir unsere Kunden aber mit guter Qualität beliefern. Nicht mit Produkten, die kurz vor dem Ablaufdatum sind." Die Fässer vergünstigt an Privatkunden abgeben? "Es sind 30- und 50-Liter-Fässer, also viel zu viel Bier für Privathaushalte. Wir wollen Leute durch den Verkauf auf keinen Fall zu Corona-Partys animieren. Diese Frage hat sich uns gar nicht erst gestellt." Zudem handelt es sich ausschließlich um Keg-Fässer, die eine Zapfanlage mit externer Kohlendioxid-Zufuhr benötigen - Technik, über die kaum ein Privathaushalt verfügt.

    Zweiter Akt: Medien spitzen die Situation zu

    Veranlasst durch den Bericht der Main-Post kamen weitere Medien auf Göller zu. Welche Wellen das schlagen würde, war dem 28-Jährigen, der den Betrieb mit seinen beiden Brüdern in der vierten Generation führt, da nicht bewusst. Göller kritisierte die fehlenden Hintergründe und teils reißerischen Überschriften. Online kommentierten Hunderte, äußerten ihr Unverständnis. Tenor: "Was für eine Verschwendung! Spinnen die in Zeil denn?" Ein Beitrag des Bayerischen Rundfunks in Facebook hatte bis Donnerstag Nachmittag etwa 900 Kommentare. Wohlwollend waren die wenigsten.

    Viel geschlafen hat der Juniorchef nicht, das ist ihm anzusehen. Zu den spöttischen Kommentaren kamen in den vergangenen 24 Stunden noch dutzende Interviewanfragen und Anrufe - das alles neben dem Tagesgeschäft, das der gesamten Branche in dieser Krisenzeit sowieso schon alles abverlangt. "Es stört mich extrem, dass wir auf diese Fassbiervernichtung reduziert werden und die Leute kein Verständnis haben, sich nicht über die Hintergründe informieren. Uns tut auch das Herz weh, aber es geht nicht anders. Und wir sind nicht die einzigen mit diesem Problem. Das geht der ganzen Branche so."

    Freie Fahrt für Flaschen: Der Glasabsatz liegt aktuell über dem Durchschnitt.
    Freie Fahrt für Flaschen: Der Glasabsatz liegt aktuell über dem Durchschnitt. Foto: René Ruprecht

    Die Zeiler Brauerei existiert seit 1514, seit 1908 führt die Familie Göller den Betrieb. 15 000 Liter Bier wegschütten, das gab es in der Firmengeschichte bislang noch nicht. Gemessen am Gesamtausstoß ist der Verlust der 400 Fässer aber fast schon zu verkraften. Jährlich 55 000 Hektoliter Bier füllt das Unternehmen ab, der Inhalt der Fässer im Lager ist während der Hochsaison das Werk einer Arbeitswoche. Die Menge, die aufgrund der Beschränkungen gar nicht erst abgefüllt werden wird, schmerzt den Brauer viel mehr. "Da sind andere Betriebe aber noch schlimmer dran. Überhaupt will ich klar stellen: Es ist eine schwere Zeit, aber wir schaffen das. Wir haben keinen Grund zu jammern, wir sitzen alle im selben Boot."

    Dritter Akt: Mutmaßlicher Betrüger lässt das Bier-Drama eskalieren

    Besserwisserische Ratschläge, was Göllers denn mit ihrem Fassbier anstellen sollten, trudelten zuhauf ein. Brauchbar waren die wenigsten. Bis der Anruf eines vermeintlichen Bundeswehrsoldaten den Zeiler Juniorchef hellhörig werden ließ. Der angeblich im Allgäu stationierte Oberstleutnant bestätigte im Telefonat mit dieser Redaktion, Interesse am Bier bekundet zu haben. Namen und Kaserne möchte er im Verborgenen lassen. Nur so viel: Der Offizier sei in der Heereslogistik tätig, möchte das Bier seinen im Einsatz gegen das Coronavirus tätigen Streitkräften als Anerkennung zukommen lassen.

    Göller willigt ein. Der Oberstleutnant habe eigenen Aussagen zufolge die Mittel, die Fässer abholen zu lassen. In den verschiedenen Kasernen seien die zum Zapfen notwendigen Systeme vorhanden. Und in den Krügen der Streitkräfte, die laut Angaben des Offiziers Desinfektionsmittel produzieren, bei mobilen Teststationen helfen oder die Auslieferung medizinischer Utensilien übernehmen, sieht der Zeiler Juniorchef sein Bier viel lieber als in der Kanalisation. Die Fässer werden gespendet, einzig der Zeitpunkt ist noch unklar.

    Was nach Happy-End klingen mag, nimmt im Laufe des Donnerstagnachmittags eine dramatische Entwicklung. Aufgrund des enormen Medienechos ist das Thema inzwischen auf dem Radar der Bundeswehr gelandet. Nach einigen Telefonaten zwischen Göller und Ernst Andersch, Stabsoffizier für Öffentlichkeitsarbeit beim Landeskommando Bayern, ist klar: Die Anfrage wegen des Fassbiers kommt nicht aus den Reihen der Bundeswehr. "Die Bundeswehr käme niemals auf die Idee, wegen einer Bierspende anzufragen", bestätigt Andersch. Schenkungen jeglicher Art seien absolut untersagt. "Wir dürfen nicht einmal einen Bleistift annehmen."

    Welche rechtlichen Folgen dieser üble Scherz haben wird, ist derzeit unklar. Sollte sich der Verdacht des Betrugs und der Amtsanmaßung bestätigen, könnten die Konsequenzen erheblich sein. Bei einem zweiten Telefonat dieser Redaktion mit dem angeblichen Oberstleutnant blieb dieser weiterhin dabei, Teil der Bundeswehr zu sein - räumte jedoch ein, die Anfrage als Privatmann gestellt zu haben. Für Andersch hatte derweil etwas anderes Priorität: "Mir tut Herr Göller wahnsinnig leid. Die Brauer haben aktuell ganz andere Probleme, und dann kommt da so ein..." Was genau der Stabsoffizier von seinem angeblichen "Kameraden" hält, behält er dann doch lieber für sich.

    Und so hat das Drama um die bestimmungslosen Bierfässer aus Zeil nur Verlierer. Einerseits den gestressten Zeiler Juniorchef, der eigentlich nur ein gutes Produkt anbieten will, und beim Versuch zu spenden einem üblen Scherzkeks auf den Leim geht. Andererseits einen mutmaßlichen Hochstapler, der nicht nur kein Bier bekommt, sondern vielleicht auch rechtliche Folgen zu erwarten hat. Und zuletzt etwa 400 Bierfässer, deren Inhalt nun doch nicht in Bierkrügen landen wird. Zumindest vorerst - denn spenden will der Juniorchef das Bier trotzdem.

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    Kommentare (8)

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