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    Landkreis Haßberge

    Jobserie: Welche Aufgaben hat der Sekretär des Richters?

    Serie "Was würdest du tun?": Marcel Gärtner macht eine Ausbildung zum Verwaltungsfachwirt am Gericht. Seine Tätigkeit bereitet ihm oft Kopfschmerzen.
    Marcel Gärtner macht eine Ausbildung zum Verwaltungsfachwirt im mittleren Dienst und arbeitet in Arbeits- und Sozialgerichten. Er bezeichnet sich selbst als Sekretär des Richters. Die Pflege von Akten gehört zu seinen Hauptaufgaben.
    Marcel Gärtner macht eine Ausbildung zum Verwaltungsfachwirt im mittleren Dienst und arbeitet in Arbeits- und Sozialgerichten. Er bezeichnet sich selbst als Sekretär des Richters. Die Pflege von Akten gehört zu seinen Hauptaufgaben. Foto: smolaw11/getty images

    In unserer Serie "Was würdest du tun?" stellen wir regelmäßig Menschen aus dem Landkreis Haßberge vor, die erzählen, wie sie arbeiten, was sie verdienen und was sie tun würden, wenn sie nicht arbeiten müssten. Hier berichtet der 18-jährige Marcel Gärtner.

    Mein Job

    Beruf: Ich absolviere eine Ausbildung zum Verwaltungsfachwirt im mittleren Dienst und bin in Arbeits- und Sozialgerichten tätig. Vereinfacht gesagt, bin ich der Sekretär des Richters. Daher beschäftige ich mich vor allem mit der Pflege und Anforderung von Akten. Protokolle zu führen, macht ebenso einen großen Teil meiner Tätigkeit aus.

    Ich passe meinen Arbeitsablauf oftmals der Arbeit des jeweiligen Richters an. So kommt es manchmal vor, dass ich den ganzen Tag in einer Sitzung oder Gerichtsverhandlung sitze. In der Ausbildung arbeite ich in mehreren Kammern mit verschiedenen Richtern. Danach werde ich fester Bestandteil einer Kammer sein. An meinem aktuellen Gericht gibt es 47 Kammern.

    Mir gefällt es, strukturiert zu arbeiten und einen festen Plan für den Arbeitstag zu haben. Zudem kann ich mir die Zeit frei einteilen und bin innerhalb meines Aufgabengebiets sehr selbstständig. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Arbeitsmentalität im Gericht recht gut ist. Die meisten meiner Kollegen machen ihren Job gerne.

    "Gerade zu Beginn der Ausbildung dachte ich nach der Arbeit oft über schwierige Fälle nach. Das belastete mich sehr."
    Marcel Gärtner, Verwaltungsfachwirt in Ausbildung

    Während ich im Arbeitsgericht von Anfang an problemlos mit den Themen zurechtkam, bereiten mir die Fälle im Sozialgericht auch heute noch Kopfschmerzen. Ob Vergewaltigung oder Körperverletzung: Die Probleme der Menschen bekomme ich hautnah mit. Ich muss noch lernen, damit besser umzugehen. Gerade zu Beginn der Ausbildung dachte ich nach der Arbeit oft über schwierige Fälle nach. Das belastete mich sehr. Ich versuche nun, Mitleid zu zeigen und gleichzeitig die Probleme anderer nicht zu sehr an mich herankommen zu lassen.

    Im Gegensatz dazu gehen mir manche Kläger auf die Nerven. In der Regel werden alle Kosten am Sozialgericht vom Staat übernommen. Es gibt eine kleine Gruppe von Querulanten, welche das ausnutzt und sich Gründe ausdenkt, um zu klagen. Denen geht es oft nur um das Geld. Viele von diesen Leuten zeigen keine Einsicht und klagen immer weiter. Das kostet unnötigerweise Steuergeld und enorm viel Zeit. In solchen Fällen würde ich gerne mehr Zeit für die wirklich wichtigen Verfahren aufwenden. Ich muss aber darauf hinweisen, dass die überwältigende Mehrheit der Kläger seriöse Gründe vorweisen kann.

    Die Arbeitsbelastung ist sehr unterschiedlich. Aufgrund von Personalmangel in großstädtischen Gerichten habe ich in ländlichen Gerichten weniger Stress. Zudem können große Skandale zu mehr Arbeitsaufwand führen. Beispielsweise kam durch den Diesel-Abgas-Skandal im Arbeitsgericht ein deutlicher Mehraufwand zustande. Von Überlastung kann ich jedoch bis jetzt nicht sprechen.

    Durch Corona wurden viele Gerichte nahezu lahmgelegt – der Arbeitsbetrieb wurde auf ein absolutes Minimum heruntergefahren. Einige meiner Kollegen helfen gerade in Gesundheitsämtern aus, ich werde gerade aber nicht benötigt. Im Moment kann ich über das Internet auf die Skripte meiner Berufsschule zugreifen und Aufgaben lösen. Das läuft ganz gut, ist aber nicht ideal. Das Lernen fällt so schwerer.

    Ich mag meinen Beruf sehr gerne, aber ich möchte mich weiterentwickeln. Mir fehlt der persönliche Umgang mit Menschen. Ich setze mich zu viel mit Akten statt direkt mit den Menschen auseinander. Ob ich langfristig in der Verwaltung bleibe, weiß ich noch nicht.

    Berufsentscheidung: In der Schule sprach ich mit der Bundesagentur für Arbeit. Diese empfahl mir, am Auswahlverfahren für den mittleren Dienst teilzunehmen. Ich erhielt relativ schnell eine Zusage. Ich wollte auf jeden Fall in der Verwaltung arbeiten. Struktur und Ordnung sind mir wichtig. Das Beamtenverhältnis gibt mir darüber hinaus finanzielle Sicherheit.

    Ausbildung: Die Dauer beträgt zwei Jahre. Ich halte mich neun Monate in Gerichten und 15 Monate in der Schule auf. Die Schule befindet sich in Wasserburg am Inn, meine Arbeitsstelle liegt in München. Der Unterricht in der Schule hilft, ein gewisses Verständnis für die Praxis zu entwickeln. Jedoch gibt es ein paar Themengebiete, die mir als praxisfern erscheinen.

    Tipps: Man sollte Büroarbeit und selbstständiges Arbeiten mögen. Oftmals sitze ich alleine mehrere Stunden vor den Akten. Darauf sollte man sich einstellen. Darüber hinaus ist ein Gespür für rechtliche Fragen sehr wichtig. Ich würde Interessenten definitiv empfehlen, vorher ein Praktikum zu machen.

    Wöchentliche Arbeitszeit: Am Sozialgericht arbeite ich 40 Stunden in der Woche in Gleitzeit. Die Wochenstunden im Arbeitsgericht sind etwas weniger: Hier arbeite ich von 8 bis 16 Uhr mit einer Stunde Pause.

    Bedingungsloses Grundeinkommen: Wenn ich ohne Voraussetzungen 1500 Euro im Monat erhalten würde, würde ich vor allem viel reisen. Generell Lateinamerika, Südafrika oder Kuba wären meine Ziele. Eventuell würde ich einen sozialen Beruf ergreifen. Eigentlich wollte ich das von Anfang an machen, aber meine Eltern waren dagegen. Auf jeden Fall würde ich nach ein paar Reisen weiterarbeiten, sonst wäre mir zu langweilig.

    Meine Einnahmen

    Bruttoeinkommen: Ich verdiene im ersten Ausbildungsjahr 1310 Euro brutto. Als Weihnachtsgeld erhielt ich zuletzt 315 Euro brutto.

    Nettoeinkommen: Netto komme ich auf 1257 Euro.

    Meine Ausgaben

    Wohnkosten: Ich wohne in München in einem Hostel. Die Kosten übernehmen zu 100 Prozent meine Eltern.

    Lebensmittel: Da ich auf keine Küche zurückgreifen kann, gehe ich oft Essen. So gebe ich 400 Euro im Monat fürs Essen aus.

    Handy und Internet: Meinen Handyvertrag zahlen meine Eltern, das WLAN wird bei den Hostelkosten berücksichtigt.

    Mobilität: Ich besitze kein Auto.

    Versicherungen: Für eine Berufsunfähigkeitsversicherung zahle ich 52 Euro im Monat.

    Kleidung und Körperpflege: Ich gebe etwa 30 Euro im Monat für Kleidung aus.

    Freizeit: Für Bars und Discos gebe ich circa 75 Euro im Monat aus. Für sonstige Freizeitaktivitäten wie Eis essen oder Kinobesuche zahle ich etwa 200 Euro. Ich bleibe aber auch viel zuhause. Gerade wenn ich in München bin, spiele ich viel Computer oder Playstation mit meiner Freundin.

    So viel bleibt am Ende übrig

    Ohne das Weihnachtsgeld komme ich am Ende des Monats auf ungefähr 470 Euro.

    Was würdest du tun?

    In unserer Serie befragt Felix Schwarz Menschen aus dem Landkreis Haßberge, für welches Geld und unter welchen Umständen sie arbeiten und was sie tun würden, wenn sie nicht auf diese Art des Broterwerbs angewiesen wären. Die Befragten bleiben auf Wunsch anonym, der Redaktion liegen aber die Namen und Adressen vor. 
    In Teil eins unserer Serie kam eine Augenoptikerin zu Wort. Dieser folgten eine Ergotherapeutin, die Leiterin eines Kindergartens und ein Zerspanungsmechaniker, ein Polizist, ein Verwaltungsbeamter, ein Mechatroniker, ein Sozialpädagoge und eine Produktdesignerin, eine Einzelhandelskauffrau, eine Ingenieurin für Landschaftspflege, ein Maschinenbauingenieur und eine Krankenschwester in Ausbildung. Im 14. Teil hat sich Felix Schwarz nun mit einem Verwaltungsfachwirt in Ausbildung unterhalten.
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