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    Bamberg

    Reflections of hope: Eine verstörend schöne Kompositon

    Die Bamberger Symphoniker setzten die Komposition ihres Kollegen sozusagen im Home-Office in Töne um. Ein Bild von der Facebook-Seite des Orchesters.
    Die Bamberger Symphoniker setzten die Komposition ihres Kollegen sozusagen im Home-Office in Töne um. Ein Bild von der Facebook-Seite des Orchesters. Foto: Marion Krüger-Hundrup

    Eduard Resatsch wohnt in Bamberg in der Hölle. So heißt zwar wirklich ein Sträßlein bei der Oberen Pfarre. Doch durch die Hölle ist der Cellist der Bamberger Symphoniker in der akuten Phase des Corona bedingten Lockdowns im übertragenen Sinne tatsächlich gegangen. Der Ausnahmezustand war für ihn ein Schock und "schrecklich", wie Resatsch sagt.

    Als Reaktion darauf hat sich der mehrfach preisgekrönte Musiker in einem „Zehn-Tage-Marathon“ daran gemacht, die Erfahrungen mit der Pandemie in Töne zu kleiden. Herausgekommen ist ein künstlerisches Dokument dieser Zeit, für das er seine Orchesterkollegen samt Chefdirigent und Management gewinnen konnte: Eduard Resatschs Komposition „Reflections of hope“ reüssiert als erste rein digitale Uraufführung der Bamberger Symphoniker. Rund 230 000 Aufrufe verzeichnet der Videoclip bisher auf Facebook: „Meine Komposition verbreitet sich wie das Virus bis nach Japan“, sagt der 48-jährige gebürtige Ukrainer lächelnd.

    86 Symphoniker haben das Stück im jeweiligen Wohnzimmer aufgenommen

    86 Symphoniker haben das Werk in ihren jeweiligen Wohnzimmern aufgenommen. Denn zusammen auftreten dürfen sie ja wegen der Hygienevorschriften nicht. Der Münchner Tonmeister Georg Obermayer hat die digitalen Dateien übereinander gelegt und damit ein Konzerterlebnis geschaffen, das ins 21. Jahrhundert passt. Zumal der renommierte Filmemacher Michael Wende die Komposition von Eduard Resatsch in großartige Bilder umgesetzt hat. Da tauchen zwischen den Musikern Schlagzeilen zu Corona aus internationalen Zeitungen auf. Ärzte und Pflegepersonal in Schutzkleidung. Oder Wissenschaftler an Mikroskopen und Reagenzgläsern, die nach einem Impfstoff forschen.

    Eduard Resatsch an seinem Cello im heimischen Innenhof.
    Eduard Resatsch an seinem Cello im heimischen Innenhof. Foto: Marion Krüger-Hundrup

    Eine Besonderheit der Komposition ist der gesprochene Mittelteil, in dem die Orchestermitglieder jeweils in ihrer Muttersprache aktuelle Begriffe wie Atemschutzmaske, Fallzahlen, Covid 19 rezitieren. In mehr als 20 Sprachen wird gemurmelt, gesprochen und geschrien: „Je nachdem, wie jeder einzelne Musiker auf Corona reagiert“, sagt Cellist Resatsch. Im Flüstern oder Schreien steigert sich die Komposition zu einer Verdichtung geteilter Erfahrungshorizonte. Es sind Emotionen pur, die auch in der Musik von Eduard Resatsch zum Ausdruck kommen. Etwa in den langen, klagenden Tönen der Querflöten, die von Einsamkeit, Leere, Unfreiheit künden. In nachhallenden Paukenschlägen und zu Herzen gehenden Geigen.

    Ein siebenminütiges Hör- und Seherlebnis, das verstört – und hoffen lässt

    Die sieben Minuten Hör- und Seherlebnis verstören. Lassen persönliche Interpretationen und Gefühle zu. Doch am Ende steht Hoffnung – „hope“ eben. Hoffnung, dass die Pandemie vorübergeht, und die Welt nach Corona eine bessere wird.

    Für Eduard Resatsch war das Komponieren dieser symphonischen Antwort auf das zerstörerische Virus „ein Akt der Befreiung davon“. Er ist allen an der Uraufführung Beteiligten dankbar für ihr Mitmachen. Damit hätte das Orchester gezeigt, dass es gemeinsam etwas Neues erschaffen und den ungewohnten Umständen durch Zusammenhalt trotzen kann. Resatsch denkt auch weiter: „Ich wünsche mir, dass es zu einer Aufführung von Reflections of hope in wieder normalen Zeiten kommt.“

    Der Videoclip steht im Netz unter: youtube.com/watch?v=2yyDjnt6bHM

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