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    Haßberge: Warum hunderte Liter Bier in die Kanalisation müssen

    Die Lager der Brauereien im Landkreis Haßberge sind voll mit bereits vor Wochen abgefülltem Fassbier. Doch statt im Krug landet der Großteil davon nun im Gully.
    Das meiste kommt in die Kanalisation: Viele Brauereien bleiben aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie auf ihrem bereits abgefüllten Fassbier sitzen. Hier ein Blick in den Fasskeller der Brauerei Göller in Zeil am Main.
    Das meiste kommt in die Kanalisation: Viele Brauereien bleiben aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie auf ihrem bereits abgefüllten Fassbier sitzen. Hier ein Blick in den Fasskeller der Brauerei Göller in Zeil am Main. Foto: Max Göller

    Ob im Glas- oder im Steinkrug, da scheiden sich die Geister. An einem Ort wollen Bierliebhaber ihren Gerstensaft aber sicher nicht sehen, und doch wird er literweise dort landen: in der Kanalisation. Was die Brauereien im Landkreis Haßberge noch vor wenigen Wochen befürchtet haben, ist nun bittere Realität. Weil wegen des Coronavirus bis Ende August keine Großveranstaltungen stattfinden dürfen, die Weinfeste in Zeil und Sand sowie das Pfingstfest in Königsberg abgesagt werden mussten, bleiben die Brauereien im Haßbergkreis nun auf ihrem Fassbier sitzen.

    Bei der Brauerei Göller sind die Lager voll. Etwa 300 bis 400 fertig abgefüllte Fässer stehen bei den Zeilern im Lager, bereit für ihren Einsatz in Biergärten, Maifesten und Hochzeitsfeiern. "Es hilft alles nichts, die meisten unserer Fässer werden definitiv ablaufen", erzählt Juniorchef Max Göller am Telefon. "So bitter es ist: Das Bier kommt in den Gully." Wird der ganze Fassbierbestand unbrauchbar, wären das rund 15 000 Liter, also 30 000 volle Krüge.

    Keg-Fässer sind für zu Hause ungeeignet

    Die meisten Fässer fassen 50 Liter, doch füllen die Brauereien auch 30- und 20-Liter-Fässer ab. Selbst das kleinste entspräche also 40 Bierkrügen - selbst bei ambitionierten Biertrinkern zu viel für den Privatverbrauch. Zudem ist der heutige Standard das Keg-Fass, aus dem der Inhalt mit Hilfe von Kohlendioxid in Richtung Zapfhahn getrieben wird. Diese Technik ist in der Gastronomie längst üblich, im eigenen Heim hat eine solche Anlage aber kaum jemand. Es gibt also keine Abnehmer für die Fässer.

    "Die Lage ist hart. Dass die Feste abgesagt worden sind, tut uns extrem weh", sagt Göller. "Es wäre gelogen, zu sagen, dass wir diese Einbußen so einfach wegstecken." Diesem Eingeständnis folgen jedoch optimistische Durchhalteparolen des Brauingenieurs, gefolgt von Solidaritätsbekundungen. "Es geht ja allen in der Branche so." Während sich das Fasslager in Zeil leeren wird, bleiben die Gerätehallen voll. Rund 15 Lieferwägen der Göllers wären jetzt eigentlich im Einsatz, um insgesamt 800 Garnituren im Landkreis aufzustellen. Der erste Mai ist üblicherweise Großkampftag, in diesem Jahr wird keine einzige Bierbank aufgeklappt werden.

    Stattdessen bieten die Zeiler in ihrer Gastwirtschaft auch an diesem Wochenende Speisen zum Mitnehmen an. Das sei, was den Umsatz angeht, zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Trotzdem ist der Juniorchef froh, immerhin das anbieten zu können. "Das ist vor allem für den Kopf sehr gut. Es ist schön, dass unsere Mitarbeiter etwas zu tun haben. Und noch schöner ist es, mit unseren Gästen in Kontakt zu kommen. Die signalisieren uns immer wieder ihre Unterstützung, das ist grandios."

    Rund 200 Fässer hat Michael Raab in seinem Lager. Das sind nicht ganz so viele wie bei seinem Kollegen im Maintal, aber immer noch viel zu viel. Ablaufdatum: Juli/August. Dass sich in diesen drei Monaten noch etwas ändern wird, darauf hofft man in Hofheim. Vielen Entscheidungen seien noch nicht getroffen, vielleicht dürfen zumindest Biergärten unter strengen Auflagen öffnen - so Raabs Hoffnung, seinen Stoff noch an den Mann zu bringen.

    Raab trauert "Rock im Wald"-Festival nach

    Für die Privatbrauerei sind es nicht die Weinfeste im Maintal, sondern das Musikfestival "Rock im Wald" in Humprechtshausen, das die größte Lücke in der Umsatzbilanz hinterlässt. Wie hoch die Ausfälle dadurch seien, lasse sich nicht genau beziffern. Doch kombiniert mit abgesagt Maifesten und Hochzeiten steht Raab genau wie seine Kollegen vor erheblichen Einbußen. "Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu hoffen", sagt der Brauereichef. Der Flaschenverkauf laufe normal bis leicht steigend, doch würde das bei weitem nicht den Verlust durch die Veranstaltungsabsagen aufholen.

    Deutlich beschaulicher geht es beim Adler-Bräu zu. Etwas mehr als zehn Fässer haben die Stettfelder in ihrem Lager - und sie verkaufen sogar noch welche. "Ab und an kommt schon noch jemand, der ein Zehn-Liter-Fass will", erzählt Elisabeth Merklein. Sie führt den Betrieb zusammen mit ihrem Mann. Das sei jedoch nur möglich, weil bei Merkleins noch in traditionell bayerische Bierfässer abgefüllt wird. Hahn rein, Hammer drauf - prost.

    Merklein zeigt Mitleid mit der Gastronomie

    Zwar würden sich die Festabsagen auch bei der Adler-Brauerei bemerkbar machen - hier sind vor allem das Backofenfest in Steinbach sowie das Limbacher Flößerfest zu nennen - doch steige dafür der Glasabsatz an. Das Geschäft laufe ganz gut, die Mitarbeiter der Brauerei sind noch nicht in Kurzarbeit. "Wir dürfen wirklich nicht jammern", sagt Merklein. "Da geht es anderen viel schlimmer. Vor allem mit den vielen Wirten, die nicht öffnen dürfen, habe ich Mitleid." 

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