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    Kitzingen

    2008: Als in Kitzingen gegen Genmais gekämpft wurde

    Der Landkreis Kitzingen war spätestens 2008 so etwas wie ein bundesweites Versuchslabor für Genmais. Das erzeugte erbitterten Widerstand – und jede Menge Schlagzeilen.
    Ende Juni 2008 auf einem Feld bei Biebelried (Lkr. Kitzingen): Nach der Erstürmung und Zerstörung von Genmais-Pflanzen holen Polizisten 56 Aktivisten vom Feld – mitunter auch im Schlepptau.
    Ende Juni 2008 auf einem Feld bei Biebelried (Lkr. Kitzingen): Nach der Erstürmung und Zerstörung von Genmais-Pflanzen holen Polizisten 56 Aktivisten vom Feld – mitunter auch im Schlepptau. Foto: Robert Haaß

    Ein Hinterzimmer in Mainbernheim. Das Strafgesetzbuch liegt auf dem Biertisch. Die schwarzen Roben sitzen. Der Prozess kann beginnen. Der Staatsanwalt erhebt sich und rammt dabei fast den Tischkicker. 14 junge Leute, alle Mitte 20, sind an diesem Samstag Anfang Dezember 2008 im Landkreis Kitzingen zu einem Rollenspiel zusammengekommen. Mit einem gemeinsamen Ziel: Sie wollen lernen, wie genau eine Gerichtsverhandlung funktioniert. Wer sitzt wo? Worauf ist zu achten? Wie verteidigt man sich? Wie ist das mit dem letzten Wort? Auftreten und Argumentieren im Gerichtssaal mit dem Tischkicker in Reichweite: Justiz-Wissen als Schnellkurs.

    Motorsense im Einsatz

    Was da geprobt wird, hängt mit einem Vorfall zusammen, der sich ein halbes Jahr zuvor einige Kilometer entfernt abspielte. Es war am letzten Juni-Wochenende, als ein - schon länger - verbissen geführter Kampf seinem Höhepunkt entgegen strebte. Das Kitzinger Land war ein bundesweiter Hotspot für den Anbau von Genmais. Kaum ein Landstrich, auf dem sich mehr Genmais-Versuchsfelder fanden. Über 100 Hektar sollen es gewesen sein - und damit der größte Feldversuch weit und breit. 

    Genmais-Gegner machten im Landkreis Kitzingen immer wieder mit Demos mobil.
    Genmais-Gegner machten im Landkreis Kitzingen immer wieder mit Demos mobil. Foto: Robert Haaß

    Das blieb nicht ohne Gegenwehr. Beschränkte sich der Widerstand zunächst überwiegend auf Mahnwachen und Demos, tauchten zunehmend Meldungen wie diese auf: „Genmais-Feld komplett zerstört“. Es erwischte Versuchspflanzungen des Saatgut-Konzerns Monsanto in Düllstadt. Immer wieder musste die Polizei wegen Zerstörungen in Genmais-Anpflanzungen ermitteln. In Großlangheim beispielsweise machten Unbekannte gleich zwei Hektar mit einer Motorsense nieder. Die Botschaft war klar: Nicht mit uns!

    Auf dem Gemnais-Acker bei Westheim (Lkr. Kitzingen) wird ein „Feldbefreier“ festgenommen. 
    Auf dem Gemnais-Acker bei Westheim (Lkr. Kitzingen) wird ein „Feldbefreier“ festgenommen.  Foto: Robert Haaß

    Höhepunkt der Auseinandersetzungen sollte ein Acker in dem Biebelrieder Ortsteil Westheim werden. Aktivisten der bundesweiten Organisation "Gendreck-weg" hatten sich ein bewachtes Genmais-Feld ausgeguckt, um es an einem Sonntagmorgen kurz nach 6 Uhr aus einem Wald heraus zu stürmen und die Genmais-Pflanzen kaputt zu machen. Wobei dies aus Sicht der Ökoaktivisten weniger eine Zerstörung denn eine "Feldbefreiung" war, die vorher öffentlichkeitswirksam angekündigt wurde. Vorbereitet hatte man sich darauf ebenfalls in Seminaren. Modul eins: Die Polizei narren, um auf die Felder zu gelangen. Modul zwei: Widerstandslos verhaften und wegtragen lassen, wenn einen die Polizei dann doch erwischt hat.

    Prozesstraining für den Ernstfall

    56 Festnahmen gab es an dem Morgen auf den erstürmten Feldern. Es folgten Ermittlungsverfahren wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruchs, die schließlich Geldstrafen in Form von Strafbefehlen nach sich zogen. Doch in aller Stille die Geldstrafe zahlen - jeweils um die 20 bis 40 Tagessätze und damit im unteren Bereich - wollte die Mehrheit der damaligen "Feldbefreier" nicht. Vielmehr soll der Gerichtssaal genutzt werden, um erneut auf die Gefahren genmanipulierter Lebensmittel hinzuweisen. Und so rollte eine Prozess-Lawine mit rund 30 Verfahren auf das Kitzinger Amtsgericht zu. Nicht jedoch, ohne vorher in dem Mainbernheimer Hinterzimmer ein wenig Prozess-Training für das gemacht zu haben, was sich später über Monate im Sitzungssaal 102 in Kitzingen abspielen sollte.

    Die Justiz arbeitete ab dem Sommer 2009 sachlich die Übergriffe ab. Auf den erstürmten Feldern, auf denen gentechnisch manipulierter Mais MON 810 wuchs, hielt sich der Schaden mit 900 Euro in Grenzen. Die Angeklagten nutzten wie eingeübt die Bühne, sprachen vom großen Ganzen, von zivilem Ungehorsam und davon, dass ihrer Meinung nach Gentechnik-Firmen wie Monsanto auf die Anklagebank gehörten. Am Ende waren es gut zehn Verhandlungen mit rund 30 Angeklagten, die alle verurteilt wurden. 

    Schmierereien an der Fassade des Kitzinger Amtsgerichts - der Kampf gegen Genmais wurde im Landkreis Kitzingen besonders verbissen geführt.
    Schmierereien an der Fassade des Kitzinger Amtsgerichts - der Kampf gegen Genmais wurde im Landkreis Kitzingen besonders verbissen geführt. Foto: Frank Weichhan

    Mitunter setzten die Angeklagten ihre Ausrufezeichen so laut, dass schon mal der Sitzungssaal geräumt und der eine oder andere Platzverweis ausgesprochen werden musste. Und eines unschönen Morgens war zudem die Fassade des Amtsgerichts großflächig verschmiert. Der Schaden von 2000 Euro stand sinnbildlich für die Heftigkeit des Kampfes, den die Genmais-Gegner bereit waren zu führen. Und es blieb jederzeit öffentlichkeitswirksam: Einmal wurde der Kitzinger Marktplatz zum Gerichtssaal, als von einem Bulldog-Anhänger herunter erneut eine Gerichtsverhandlung nachgestellt wurde - Schauprozess wurde hier wörtlich genommen. 

    Aus Überzeugung ins Gefängnis

    Einer der Akteure ging dafür sogar ins Gefängnis: Während die meisten in Kitzingen Verurteilten am Ende ihre Geldstrafen doch bezahlten, weigerte sich ein 34-jähriger Berliner beharrlich. Die Folge: Der Mann saß seine 45 Tagessätze nun 45 Tage lang ab.

    Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Vor gut zehn Jahren verbot die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner den Anbau des Genmais MON 810 in Deutschland – auf den Feldern zog wieder Ruhe ein. Gentechnisch veränderte Raps-, Weizen- und Kartoffelsorten auf den Feldern im Landkreis Kitzingen – für viele eine Horrorvorstellung, die sie auf die Barrikaden gehen ließ.

    Und das, was nicht zuletzt auch in einem Mainbernheimer Hinterzimmer seinen Anfang nahm, endete schließlich im Kitzinger Kreistag mit einem klaren Signal: Der bundesdeutsche Gentechnik-Hotspot nennt sich seither nicht ohne Stolz "Gentechnikfreier Landkreis Kitzingen“.

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    Am 24. November 1945 erschien im zerstörten Würzburg die erste Ausgabe der Main-Post. Zum Medienhaus gehören inzwischen auch das Schweinfurter Tagblatt, Volkszeitung und Volksblatt, der Bote vom Haßgau, das Haßfurter Tagblatt sowie das Obermain-Tagblatt. Der 75. Geburtstag der Main-Post ist ein Grund für die Redaktion, zurückzuschauen. Wir veröffentlichen deshalb das ganze Jahr Geschichten aus dieser Vergangenheit.
    Quelle: mp
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