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    MÜNSTERSCHWARZACH

    Anselm Grün: "Werte können nicht verfallen"

    Alles dreht sich schneller, die Digitalisierung treibt die Entwicklung voran – und ständig ist von Fake News die Rede. Wie beobachtet und verfolgt Benediktinerpater Anselm Grün die gesellschaftlichen Veränderungen? Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Benediktinermönch aus Münsterschwarzach (Lkr. Kitzingen) mit kultureller Gesinnung, Orientierung in der Gesellschaft, Menschlichkeit, Politik, Machtgehabe, Leistungsdruck, Wachstum, Nachhaltigkeit – und Verantwortung. Caroline Münch, die aus Dettelbach kommt und in Mainz Publizistik studiert, hat Anselm Grün zum Interview getroffen.

    Frage: Wie hat sich in Zeiten der Digitalisierung der Wert „Wahrheit“ verändert? Jeder kann im Internet ungeprüft Theorien für alles aufstellen, Fake News machen die Runde. Wie wirkt sich das auf den Glauben aus?

    Anselm Grün: Der Glaube gibt sicher Halt, aber der Glaube muss auch hinterfragt werden, denn wir haben auch einen Verstand, den wir befriedigen müssen. Glaube und Zweifel gehören zusammen. Der Zweifel zwingt uns immer, wieder neu zu fragen, was glaube ich wirklich und was heißt: „Gott ist da, Christus hat uns erlöst?“ Das muss man sich immer wieder neu formulieren. Aber Wahrheit ist ein ganz wesentlicher Wert für mich. Die eigentliche Wahrheit, die ist Gott. Die Sätze, die wir über Gott sprechen, versuchen diese Wahrheit darzustellen. Aber wir müssen immer wissen, wie relativ das ist. In unserer Gesellschaft sind diese Fake News eine Verdrehung der Wahrheit. Wenn man in der Öffentlichkeit etwas schreiben kann, was falsch ist, dann ist das eine große Gefahr. Wir sehnen uns nach wahrhaftigen Menschen, wo wir spüren: Das, was sie sagen, ist wahr, das stimmt überein mit ihrem Leben, das glauben sie auch wirklich.

    In Ihrem Buch „Von Wahrheit und Wahrhaftigkeit“ schreiben Sie: „Wahrheit braucht also das demütige Hinhorchen, um den Dingen gerecht zu werden.“ Bleibt in einer Gesellschaft, in der der Wille nach ständiger Erreichbarkeit und Flexibilität dominiert, noch Zeit für Spiritualität?

    Grün: Ich denke, es ist ganz wichtig, dass wir uns zurückziehen, dass wir still werden, dass wir uns Zeit lassen. Viele Psychologen sprechen auch davon, dass wir achtsam sein sollen im Augenblick. Dieses ständige kurzweilige Hin und Her, das tut der Seele nicht gut. Wir brauchen inneren Raum, um überhaupt mit der inneren Quelle in Berührung zu kommen. Burnout hängt nicht nur mit der Menge der Arbeit zusammen, sondern auch immer mit der inneren Einstellung, dass wir uns ständig selber unter Druck setzen. Wir müssen alles wissen und überall Bescheid wissen, sind neugierig und haben Angst, wir könnten etwas versäumen.

    Die Ursache für Burnout liegt also nicht nur in der Arbeit?

    Grün: Ja, es gibt zwei Ursachen. Das eine sind die systemischen und objektiven: zu viel Arbeit, zu schnelle Arbeit, mangelnde Anerkennung, Sinnlosigkeit der Arbeit, Mobbing am Arbeitsplatz. Die anderen sind subjektive Ursachen: zum Beispiel, dass ich aus trüben Quellen schöpfe, dem Perfektionismus beispielsweise, oder dass ich nicht aus der eigenen inneren Mitte heraus arbeite und nur die Erwartungen der anderen erfüllen will. Die Erwartungen zerreißen mich ja. Wenn ich alle Erwartungen erfüllen will, dann werde ich überfordert.

    Auch der Wert Individualität hat sich gewandelt. Heutzutage will jeder aus der Masse herausstechen. Doch der Mensch lässt es auch zu, dass ihm Individualität abgenommen wird durch Roboter. Stichwort künstliche Intelligenz: Widerspricht sie dem Schöpfungsauftrag „Macht euch die Erde untertan“?

    Grün: Natürlich hat die Technik viele Möglichkeiten und auch die Roboterentwicklung muss man jetzt nicht einfach stoppen. Aber man muss sehr sensibel damit umgehen und man darf sich auf gar keinen Fall in die Unfreiheit begeben. Aber was Sie angesprochen haben, dass man sich selbst als besonders darstellen muss, also Selbstoptimierung. Die Psychologen sprechen dabei vom erschöpften Selbst. Menschen sind deshalb erschöpft, weil sie ständig sich selbst als etwas Besonderes darstellen müssen. Das ist die eine Gefahr und das andere ist, dass wir uns total abhängig machen, also von der Digitalisierung oder der Technik mit Robotern. Die Freiheit ist schon ein wichtiger Wert. Die freie Entscheidung gehört wesentlich zum Menschen und, wenn man diese den Maschinen überlässt, geben wir etwas Wesentliches von der menschlichen Würde ab. Deswegen sehe ich auch autonomes Fahren kritisch. Wer hat da die Verantwortung?

    In einer Gesellschaft, die sich zur Leistungs- und Konsumgesellschaft entwickelt hat, werden Beziehungen eingegangen, nur um etwas zurückerwarten zu können. Stichwort Nächstenliebe – wie haben Sie da in den vergangenen Jahren Veränderungen wahrgenommen?

    Grün: Gut, Jesus sagt, du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst und früher haben sich Menschen damit manchmal überfordert, weil sie nicht an sich gedacht haben, sondern nur an den Nächsten, und die eigenen Bedürfnisse völlig übersprungen haben. Sie sind dann irgendwann bitter geworden; das ist das eine Extrem. Das andere ist, dass man nur noch auf sich achtet und den Nächsten nur liebt, wenn er einem selber nutzt. Das führt aber, so sagen die Psychologen, zur Egoismusfalle. Man ist dann irgendwann isoliert und nicht glücklich, denn wenn alle nur mir dienen, bin ich irgendwann leer. Auch Liebe braucht ja immer eine Gegenseitigkeit, dass etwas fließt. Wenn ich jedoch den anderen nur benutze für mich, dann fließt nichts und ich fühle mich irgendwann leer und sinnlos. Also Liebe und Glück, dass ich jemandem etwas schenken kann und beschenkt werde, das gehört zum Menschen.

    Der heilige Martin hat seinen halben Mantel abgegeben, nicht seinen ganzen. Hat Humanität Grenzen?

    Grün: Natürlich hat Humanität Grenzen. Wir sind ja nicht Gott, wir können nicht aus dem Vollen schöpfen. Wichtig ist, dass ich immer auf meine Gefühle achte. Solange es mir Spaß macht und es fließt, kann ich mich auf den anderen einlassen. Aber wenn ich bitter werde, wenn ich mich ausgenutzt fühle oder wenn ich aggressiv werde, ist eine Grenze erreicht. Aggression ist immer ein Zeichen, dass ich auch für mich sorgen muss. Zum Beispiel Frauen, die für ihre alten Eltern sorgen und sie pflegen. Das ist wunderbar, aber manchmal überfordern sie sich damit und machen sich dann Vorwürfe, weil sie aggressiv gegenüber ihrer Mutter sind. Die Aggression zeigt, dass sie auch für sich sorgen müssen, damit sie sich weiterhin gut um die Mutter kümmern können. Es muss immer im Gleichgewicht bleiben. Insofern muss man beim Thema Humanität die eigene Würde und die des anderen beachten.

    Sehen Sie als Managercoach in der Globalisierung eher eine Chance – oder stärkt sie nur die Starken und schwächt die Schwachen?

    grün: Die Globalisierung ist sicher eine Chance. Viele Firmen sind multinational und multikulturell. Das ist eine Chance, dass wir zusammenwachsen. Aber ich sehe es natürlich auch kritisch, vor allem in den großen Firmen und im amerikanischen Kapitalismus, der nur auf den eigenen Vorteil schaut und alle anderen ausnutzt. Das ist dann eine Gefahr der Globalisierung. In Deutschland haben wir die soziale Marktwirtschaft. Aber wir brauchen nicht nur eine Wirtschaft für ein Land, sondern eine Wirtschaft, die Verantwortung für alle übernimmt. Denn wenn ich nur die schwächeren Länder ausnutze, ist das zwar heute vielleicht von Vorteil, aber letztlich schade ich langfristig nicht nur den Ländern dort, sondern auch mir selber. Verantwortung ist heute ganz wichtig. Nicht nur, dass ich verantwortlich bin für mein Tun, sondern dass ich überlege: Was hat mein Tun für die Zukunft für Auswirkungen und für die Schöpfung, aber auch für die anderen Länder. Also ich denke, wir müssen heute in unseren Wirtschaften immer alle berücksichtigen.

    Globalisierung heißt weltweite mediale Vernetzung, Infrastruktur, Schnelligkeit. Was bedeutet das für die Gesellschaft? Hat sich daran weiterentwickelt oder nur höhere Ansprüche gestellt, Angst geschürt oder Druck verbreitet?

    Grün: Diese Vernetzung hat sicher Vorteile. Ich selbst schreibe auch gerne Mails, früher musste man ein Manuskript hinschicken, jetzt geht das alles schneller. Aber bei jeder modernen Technik braucht es auch eine Ethik. Ich kenne viele Firmen, die leiden darunter. In großen Firmen will jeder eine Rundmail schreiben und wenn das alle lesen würden, würde man 30 Prozent der Arbeitskraft verschwenden. Ich kenne junge Firmen, die haben beschlossen, auf dem gleichen Gang dürfen keine Mails mehr verschickt werden. Da muss man zum anderen hingehen und alles sagen. Das ist letztlich effektiver. Bei einer Mail muss ich mich erst fragen, was will der Verfasser von mir und da brauche ich viel länger, um zu überlegen, was schreibe ich. Wenn ich den anderen persönlich anspreche, dann merkt er an meiner Stimme und an meinem Äußeren, dass das kein Problem ist und alles ernst gemeint ist.

    Sie plädieren also für Begegnung.

    Grün: Wir dürfen eine Beziehung nicht nur virtuell auffassen. Die Emotionen gehen über die Sprache, über das Gesicht sowie über die Stimme, und das dürfen wir nicht unterschätzen. Es braucht auch die Kunst, Nein sagen zu können. Bei den Griechen galt das als Training. So müssen wir uns trainieren, sonst werden wir zu Sklaven in den Neuen Medien. Diese werden aber auch oft missbraucht, zum Beispiel durch Hackerangriffe. Da bekomme ich auch manchmal Mails von Leuten, bis ich merke, komisch, das hat er gar nicht selbst geschrieben.

    Welcher Wert hat sich aus Ihrer Sicht am gravierendsten verändert oder wird sich stark wandeln?

    Grün: Die Psychologen sagen, Werte können nicht verfallen, Werte wandeln sich. Heute stehen die Erlebniswerte im Mittelpunkt und nicht so sehr die Pflichtwerte, also Verpflichtungen, Verantwortung, Treue und Pünktlichkeit. Diese Werte werden heute nicht mehr so geachtet wie früher, aber eine Gesellschaft kann auch nicht ohne diese Werte leben. Die klassischen Werte sind ja Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, ich denke schon, dass da ein Gespür ist, und Tapferkeit.

    Tapferkeit?

    Grün: Tapferkeit ist heute auch ein Thema wegen des Populismus, der herrscht. Jeder richtet sich nur nach Zustimmungswerten und hat keinen Mut, auch mal gegen den Strom zu schwimmen. Auch das richtige Maß ist ein Wert, der sich gewandelt hat. Die Maßlosigkeit nicht nur in der Menge des Konsums, sondern es gibt auch maßlose Selbstbilder, dass man immer perfekt sein muss, immer gut drauf sein muss. Die Seele rebelliert dann dagegen. Der Psychologe Daniel Hell sagt, die Depressionen sind ein Hilfeschrei der Seele gegen maßlose Selbstbilder. Insofern denke ich, dass nicht alle Werte verfallen sind, aber sie werden teilweise vernachlässigt und es ist wichtig, sie wieder neu in das Bewusstsein zu heben. Die Menschen haben diese Werte in sich, aber dann werden wir oft verführt, gerade von Medien, anderen Werten nachzulaufen zur eigenen Bedürfnisbefriedigung. Werte machen das Leben wertvoller, Werte haben etwas mit Würde zu tun. Sie schützen die Würde des Menschen. Das lateinische Wort für Wert heißt ja „virtus“. Werte sind auch Kraftquellen, aus denen wir schöpfen können.

    Pater Anselm Grün, 1945 im fränkischen Junkershausen geboren, wurde mit 19 Jahren Benediktinermönch. Er studierte Philosophie, Theologie und Betriebswirtschaft und war von 1977 bis 2013 wirtschaftlicher Leiter der Abtei Münsterschwarzach (Lkr. Kitzingen) und verantwortlich für rund 300 Mitarbeiter in über 20 Betrieben. Seit vielen Jahren zählt Anselm Grün zu den meistgelesenen christlichen Autoren.

    Gerade ist wieder ein neues Buch erschienen: „Geschwisterbande – eine ganz besondere

    Beziehung“, 192 Seiten, 18 Euro,

    bene!Verlag und Vier-Türme-Verlag

    Caroline Münch

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