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    Kitzingen

    Aus dem Gericht: Die Polizei sitzt im Wartezimmer

    Wegen Erpressung wurde ein Mann in Kitzingen verurteilt (Symbolfoto). Foto: Oliver Berg

    Für den Mann war alles ein großes Missverständnis, für das Gericht Diebstahl und versuchte Erpressung: Weil ein 38-Jähriger einen auf der Straße vergessenen Koffer mit einem medizinisches Gerät mitgenommen und versucht hat, Finderlohn zu erpressen, hat ihn das Amtsgericht zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt – auf Bewährung.

    Damit ist der Einspruch des Mannes gegen einen Strafbefehl nach hinten losgegangen. Der hatte eine Geldstrafe in Höhe von 120 Tagessätzen zu 15 Euro  (1800 Euro) vorgesehen. Am Ende war daraus eine Freiheitsstrafe geworden. Weil der Mann zum ersten Mal vor Gericht stand, gab es Bewährung. "Damit die nicht wie ein Freispruch zweiter Klasse rüberkommt", so das Gericht, muss der Mann 1250 Euro zahlen, plus die Kosten des Verfahrens.

    Angeklagter wollte Finderlohn

    Auch wenn der 38-Jährige weder etwas mit dem Diebstahl und schon gar nichts mit einer Erpressung zu tun haben wollte: Das Gericht war überzeugt, dass der Mann einen in der Innenstadt vergessenen Koffer mit einem Intubator mitgenommen hat. Den Koffer hatte ein Narkoseteam vergessen, das in einer Kitzinger Praxis im Einsatz war. Daheim fand der Mann im Internet heraus, dass das Gerät einem Wert von rund 4000 Euro hat. Danach ging er in eine Arztpraxis und erkundigte er sich, ob ein Koffer vermisst wird.

    Als klar war, wohin das "hochwertige medizinische" Gerät gehört, forderte er "einen ordentlichen Finderlohn". "Ich lasse mich nicht mit einem kleinen Finderlohn abspeisen", hat er einer Angestellten gesagt. Als ihm die Klärung der Frage zu lange dauerte, verschwand er wieder. Wenig später bot die Praxis auf einem Flyer einen Finderlohn von 1000 Euro an. "Und plötzlich war er wieder da", sagte eine Zeugin. Es wurde ein Termin zur Übergabe des Geräts ausgemacht. Dann aber wartete nicht das Geld, sondern die Polizei im Wartezimmer. Das Verfahren nahm seinen Lauf.

    Dass es eine Freiheitsstrafe wurde, lag am Angeklagten. Der sah alles ganz anders. "Ich habe nie vorgehabt, das Gerät zu behalten", sagte er.  Er habe den Koffer nur genommen, damit er nicht "wirklich gestohlen" wird. Die Frage der Richterin, warum er ihn – wie ein normaler Finder – nicht gleich in der Praxis oder im Fundbüro abgegeben hat, erklärte er mit gesundheitlichen Problemen. Ein grippaler Infekt, eine Magen-Darm-Geschichte habe ihn geplagt. Zudem habe er Einkäufe machen und ein Geburtstagsgeschenk besorgen müssen. "Der Koffer hat für ihn da nicht die erste Priorität gehabt", versuchte die Verteidigung zu erklären. Auch vom Erpressen eines Finderlohns wollte der Mann nichts wissen.

    Probleme hat der Angeklagte genug

    Aber genau so waren seine Auftritte in der Praxis angekommen, die Zeugen als "selbstbewusst", aber auch als "irgendwie komisch" bezeichnet hatten. Für das Gericht waren sie "dreist" und "ein starkes Stück". Weil der Mann weit von einem Geständnis oder gar von Reue und Einsicht entfernt war, forderte der Staatsanwalt sieben Monate Freiheitsstrafe. Die Verteidigung bat "um ein Urteil mit Augenmaß". Sechs Monate stehen im Urteil.

    Das trifft einen Mann, der nach Angaben seiner Verteidigerin "schwer gezeichnet" ist. Er ist Schmerzpatient,  arbeitslos und dabei, einen Hartz IV-Antrag zu stellen. Er hat also Probleme genug. Jetzt hat er noch eines mehr, wenn das Urteil rechtskräftig wird.

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