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    Kitzingen

    Ausstieg und Einstieg: Wenn sich das Leben nach Leben anfühlt

    Den sinnlos gewordenen Job an den Nagel hängen und in ein neues Leben losmarschieren: Christof Jauering hat das getan. Er erzählt davon am 4. März in Kitzingen.
    Ein buddhistischer Mönch sitzt geradezu stoisch im strömenden Tropenregen. Eine Szene, die im Vortrag von Christof Jauernig eine entscheidende Rolle spielt.
    Ein buddhistischer Mönch sitzt geradezu stoisch im strömenden Tropenregen. Eine Szene, die im Vortrag von Christof Jauernig eine entscheidende Rolle spielt. Foto: Christof Jauernig

    "Gedanken verloren –  Unthinking" lautet ein Vortrag am Mittwoch, 4. März, ab 19 Uhr in der Alten Synagoge Kitzingen. Christof Jauernig, ehemaliger Betriebswirt aus Frankfurt, erzählt auf Einladung der Kitzinger Volkshochschule zum Start des Frühjahrssemesters, wie er ein neues Leben anfing – eine Aufbruchsgeschichte in Worten, Fotografien und mit Pianoklängen.

    Frage: Der Moment, als klar war: Das war es für mich mit meinem Job?

    Christof Jauernig: ... war der, als ich es nach überlangem Festhalten an diesem für mich ungesund gewordenen Job endlich geschafft habe, auf mein Bauchgefühl zu hören: Als ich mir lebhaft vorstellte, zu kündigen, quittierte mir mein Organismus das mit einem überwältigend starken Gefühl von wohliger Wärme in meiner Brust – und mir war klar, dass der Schritt dran war.

    Wie sah der Job aus?

    Jauernig: Als Analyst einer Unternehmensberatung war ich mit Bankenthemen befasst: Marktstudien schreiben, Analysen verfassen, eine sehr kopflastige Arbeit. Dazu das raue Arbeitsumfeld, das Vermissen von Sinnhaftigkeit – ich habe mich immer fremder gefühlt an meinem Schreibtisch.

    Christof Jauernig
    Christof Jauernig Foto: Christof Jauernig
    War es ein schleichender Prozess oder gab es einen Anlass?

    Jauernig: Die Entfremdung verlief eher langsam, mit einem hohen Maß an Leidensdruck am Ende, als letztlich heilsamer Entscheidungshilfe.

    Sind Sie zwischendurch über sich erschrocken?

    Jauernig: Nein. Ich habe mich gefreut.

    Hinwerfen, Vollbremsung – wie viel Mut braucht das?

    Jauernig: Das ist unterschiedlich. Ich habe keine Kinder, deswegen war ein so radikaler Schritt – kündigen, noch ohne Plan für danach – für mich einfacher, als er für andere wäre. Ich habe Ehrlichkeit mir selbst gegenüber fast als schwieriger und wichtiger erlebt als Mut: mir einzugestehen, dass es einen Wandel braucht. Mir selber nichts mehr vorzumachen.

    Sehen Sie sich als Aussteiger?

    Jauernig: Nein. Eher als Einsteiger. In ein Leben, das mir jetzt sehr viel mehr entspricht. Sich authentischer und sehr viel lebendiger anfühlt.

    Rucksack nehmen und einfach loslaufen – das macht man ja auch nicht mal eben so ...

    Jauernig: Gelaufen bin ich gar nicht so viel, dafür ist es in Südostasien dauerhaft zu heiß. Aber im Ernst: Für mich war jetzt einfach dran, mein Hamsterrad ausrollen zu lassen, in die Ruhe zu kommen. Das kann man gut, wenn man reist.

    Warum Südostasien?

    Jauernig: Die Region mochte ich schon lange, war dort auch nicht zum ersten Mal, aber erstmals mit ganz viel Zeit. Die besagte Ruhe, das Meditative, das kann man dort wirklich finden.

    Was ist dort genau passiert?

    Jauernig: Die Reise war nicht spektakulär im üblichen Sinn, eher ein Treibenlassen. So wurden vordergründig unscheinbare Momente zu den prägendsten. Wie zum Beispiel, als ich einmal im burmesischen Yangon einen Mönch beobachtete, der anderthalb Stunden lang meditierend auf dem Boden saß – in einem unfassbaren Monsunregen. Er hat mir gezeigt, wie äußeres Ungemach seine Macht verlieren kann, wenn man in wirklich tiefe Verbindung mit sich selbst gelangt.

    Wie bedrohlich war die Sinnkrise?

    Jauernig: Vor meiner Kündigungsentscheidung: sehr! Samt den üblichen Ängsten: Dass ich keinen anderen Job finden würde, der Scheu vor Veränderung und dem Unbekannten.

    Wo war die Abzweigung, an der es aus der Sinnkrise hinaus ging?

    Jauernig: Das war schon die Kündigungsentscheidung, nach der sich alles so richtig anfühlte. Da hat sich das Bedrohliche fast aufgelöst. Zurück blieb eine starke Zuversicht.

    Ruhe finden: Ein junger Mönch auf dem Mandalay Hill in Myanmar.
    Ruhe finden: Ein junger Mönch auf dem Mandalay Hill in Myanmar. Foto: Christof Jauernig
    Was machen Sie heute?

    Jauernig: Ich toure mit viel Herzblut durchs Land und erzähle von meiner Reise durch Asien, aber auch von meiner inneren Reise. Mit dem Format versuche ich, das Publikum an der Ruhe von unterwegs teilhaben zu lassen.

    Ihre Botschaft?

    Jauernig: Dass es wichtig ist, innere Wahrheiten und Wünsche wahr- und ernst zu nehmen. Nicht dauerhaft gegen sie anzuleben. Und dass es lohnt, auf das Beflügelnde zu vertrauen.

    Der Mensch Jauernig von früher und der Mensch Jauernig von heute – wo sind die Unterschiede?

    Jauernig: Früher: sehr kopfgesteuert, relativ ängstlich und bestrebt, mein Leben möglichst kontrolliert ablaufen zu lassen. Heute: bewusst planlos unterwegs, aber mit einer verlässlichen Verbindung zum gesunden Bauchgefühl. Sehr viel lebensfroher und erfüllter.

    Was vermissen Sie an Ihrem alten Leben?

    Jauernig: Sehr, sehr wenig! Manchmal etwas mehr finanziellen Spielraum. Große Reisen zum Beispiel sind gerade nicht drin. Aber auch das wird sich geben, da bin ich zuversichtlich.

    Eine Idee, wohin Sie Ihr Weg noch führen wird?

    Jauernig: Langfristig: nicht wirklich, aber ich lasse mich gerne überraschen. Mittelfristig nimmt gerade ein zweites Tourprogramm Gestalt an. Zumindest das Thema steht schon fest: Glückszutaten.

    Karten gibt es an der Abendkasse ab 18 Uhr.

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