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    KITZINGEN

    "Bauchgrimmen" bei Ärzten wegen neuer Gesundheitskarte

    Techniker Krankenkasse startet elektronische Gesundheitsakte
    Deutschlands Patientendaten werden digital. In diesem Jahr sollen alle ärztlichen Praxen in Deutschland internetunabhängig miteinander vernetzt werden. Dafür bekommen sie ein Gerät, mit dem die Daten auf elektronischen Gesundheitskarten lesbar und versendbar werden. Zukünftig sollen auf Gesundheitskarten auch Diagnosen und Medikationspläne gespeichert werden. Dafür hat die Techniker Krankenkasse bereits eine App entwickelt, die Patienten erlaubt, selbst zu entscheiden, welche Daten gespeichert werden sollten. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

    Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit werden derzeit Deutschlands Arztpraxen und Zahnarztpraxen über die sogenannte Telematik-Infrastruktur miteinander vernetzt. Bis Ende dieses Jahres müssen alle Ärzte ihre Praxen an diese internetunabhängige Kommunikationsstruktur anbinden – ansonsten drohen ihnen Sanktionen in Form von Honorarkürzungen. So jedenfalls ist es im sogenannten E-Health Gesetz geregelt. Viele bayerische Ärzte sind über die Vorgabe alles andere als glücklich.

    Daten von 80 Millionen Versicherten auf einem Server

    „2500 Jahre lang waren Ärzte Hüter der intimsten Geheimnisse ihrer Patienten. Das ändert sich jetzt“, sagt Dr. Petra Reis-Berkowicz aus Gefrees in Oberfranken. Sie ist Schriftführerin des Bayerischen Hausärzteverbands und Expertin für Digialisierung. Reis-Berkowicz zufolge wollen die Hausärzte natürlich gern weiter „die intimen Geheimnisse ihrer Patienten“ bewahren – sie können aber nicht in dem Sinn wie früher Geheimnis-Hüter sein. Denn ab 2019 lägen die Daten der Patienten nicht mehr länger nur bei den von einem Patienten besuchten Ärzten, sondern seien „zusammen mit den Daten von 80 Millionen anderen Versicherten auf einen Server gepresst“, sagt Reis-Berkowicz.

    In Zukunft: Ganze Gesundheitsakten auf Karte gespeichert

    Voraussetzung für die Digitalisierung der Gesundheitsdaten ist die bereits von den Kassen an viele deutsche Patienten ausgegebene elektronische Gesundheitskarte G2. Auf ihr liegen derzeit nur Daten über Alter, Anschrift und Kassenzugehörigkeit des Patienten; in naher Zukunft sollen auf der Karte aber auch Diagnosen, Medikationspläne und ganze Patientenakten gespeichert werden.

    Gesundheitsdaten gelten als lukrativ

    Was die Sicherheit dieser Daten angehe, hätten Bayerns Hausärzte „Bauchgrimmen“, erklärt Reis-Berkowicz. Sie begründet das Bauchgrimmen mit Entwicklungen im Nachbarland Österreich, das mit „Elga“ bereits über ein elektronisches Patientendatensystem verfügt. Österreichs Regierung hatte im April ein Gesetz angekündigt, das die Freigabe von sensiblen Gesundheitsdaten der Bürger für Forschungszwecke vorsieht. Österreichs Ärzte reagierten entsetzt, warnten vor Missbrauch. „Gesundheitsdaten sind wertvoller als Kreditkartendaten und gelten als sehr lukrativ. Ein Zugriff darauf ist für uns ein absolutes Tabu“, hatte etwa Österreichs Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres betont. Dass in Zukunft die gesammelten Daten von 80 Millionen Deutschen Begehrlichkeiten wecken und anonymisiert oder in Teilen weitergegeben oder verkauft werden, hält die Digitalisierungsexpertin des Bayerischen Hausärzteverbands für nicht ausgeschlossen.

    Zugriff von Hackern nicht ausgeschlossen?

    Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern hält die elektronische Gesundheitskarte für „alles andere als ein Erfolgsprojekt“, wie Sprecherin Birgit Grain auf Anfrage mitteilt. Auch Bayerns Fachärzte sind nicht gerade gut auf das teure Mammutprojekt zu sprechen. „Grundsätzlich sind wir nicht gegen Digitalisierung“, erklärt der Kitzinger Neurologe Gunther Carl, Vorsitzender des Bayerischen Neurologenverbands sowie Mitglied der Bayerischen Landesärztekammer sowie des Gemeinsamen Bundesausschusses in Berlin. Aber auch Carl glaubt nicht an absolute Datensicherheit. „Wenn das Pentagon ausspioniert werden kann, dann werden Kriminelle wohl auch die elektronische Patientenakte knacken können“, meint er.

    Fachärzte zweifeln Funktionalität an

    Auch von der Funktionalität der Telematik-Infrastruktur sind Carl zufolge Bayerns Fachärzte nicht begeistert. Sei der Konnektor _ also das Gerät, mit dem elektronische Gesundheitsdaten gelesen und verschickt werden können _ einmal in der Arztpraxis installiert, könnten die Kassen damit derzeit lediglich die Stammdaten abgleichen. Das nütze, sagt Carl, den Kassen, nicht aber den Ärzten oder Patienten. Auch was den geplanten Notfalldatenabgleich per Gesundheitskarte angeht, ist Carl skeptisch. „Nehmen wir einmal an, wir haben einen medizinischen Notfall und ein Patient braucht dringend eine Bluttransfusion. Bekäme er das falsche Blut, könnte er daran sterben. Also wird jeder verantwortungsbewusste Arzt auch im Notfall zunächst eine Kreuzprobe machen _ und sich niemals nur auf die Blutprobenangabe auf einer Karte verlassen“. Zweifel hegt Carl auch daran, dass die Weitergabe von sensiblen Behandlungsdaten auf der Karte in Zukunft so klappt wie sich die Planer das vorstellen. „Vorgesehen ist, dass der Patient ein Passwort bekommt, das er eingibt, wenn er zulassen will, dass ein neuer Arzt seine Daten liest. Aber wie soll das funktionieren etwa bei dementen Patienten, die ihre Passwörter vergessen?“

    Verzögerung im Zeitplan

    Noch ist die Weitergabe von Behandlungsdaten aber nicht möglich. Mit der flächendeckenden Installation der Telematik-Infrastruktur ist man erheblich im Rückstand. Nach Informationen des Bundesministeriums für Gesundheit sind erst zwölf Prozent der deutschen Arztpraxen telematisch vernetzt – von Apotheken ganz zu schweigen, deren Vernetzung auch in diesem Jahr hätte stattfinden sollen.

    Zu den Zweiflern gehört auch der Bundesgesundheitsminister

    Gerade hat die FDP-Bundestagsfraktion gefordert, die Frist für die Umsetzung des Mammutprojekts um mindestens sechs weitere Monate zu verlängern. Derweil mehren sich die Stimmen jener, die das Mammutprojekt „elektronische Gesundheitskarte/elektronische Krankenakte“ vor dem Start schon für überholt halten und stattdessen auf intelligente Smartphone-Gesundheitsapps setzen. Zu den Zweiflern gehört übrigens auch der neue Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

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