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    Volkach

    Biowinzer ruft zum "Agrarsturm" auf Berlin auf

    Der Pfälzer Gerhard Hoffmann fährt mit dem Traktor nach Berlin. Auf seiner Route macht er Station in Unterfranken – und rührt die Werbetrommel für sein Herzensanliegen.
    Zwei Biowinzer im Gespräch in den Volkacher Weinbergen: Gerhard Hoffmann (links) aus Göcklingen in der Pfalz macht Station bei Hermann Dumbsky.
    Zwei Biowinzer im Gespräch in den Volkacher Weinbergen: Gerhard Hoffmann (links) aus Göcklingen in der Pfalz macht Station bei Hermann Dumbsky. Foto: Andreas Ruhsert

    Gerhard Hoffmann ist das, was man sich unter einem Pfälzer Original vorstellt: humorvoll, fleißig und doch gemütlich – und er ist ein echter Bio-Pionier. Bereits im Jahr 1987 stellte er seinen Weinbau komplett auf Biobetrieb um, wofür er anfangs wenig Verständnis erntete. „Ich wurde als langhaariger Bombenleger beschimpft“, erinnert er sich.

    Bereut hat er es nie. Trotzdem blickt er mit Sorge auf die Zukunft seiner Branche. „In der Wertschätzung gegenüber der heimischen Landwirtschaft muss sich grundlegend etwas ändern", stellt Hoffmann fest. "Irgendwann ist es einfach genug, das System ist das Problem“ Der Bio-Winzer aus der Pfalz erinnert sich an seinen letzten Besuch im Supermarkt. „Da wurden Bio-Karotten aus Ägypten günstiger angeboten als heimische Produkte. Es ist traurig, wie viele Lebensmittel am Ende im Müll landen. Nahrungsmittel sind scheinbar nichts mehr wert.“

    In drei Tagen quer durch Deutschland

    Nun hat er sich mit dem Traktor nach Berlin aufgemacht, um für die Zukunft der Landwirtschaft und die Rolle des Landwirts zu kämpfen. Mit seiner Aktion "Agrarsturm" streitet Hoffmann deshalb gleichermaßen für Biobetriebe wie für konventionelle Landwirte. Seine Reise durch Deutschland führt ihn an zwei Tagen durch Unterfranken. Seine Route führt ihn durch Tauberbischofsheim, Kleinrinderfeld, Geroldshausen, Winterhausen, Kitzingen, Schwarzach am Main, Volkach (wo seine erste Etappe endete), Kolitzheim, Schwebheim, Gädheim und Hofheim. Unterwegs besuchte er Kollegen aus der gesamten Breite der Landwirtschaft: Ackerbau, Viehhaltung sowie Gemüse-, Obst- und Weinbau.

    287 Kilometer legte Hoffmann auf der ersten Tagesetappe seiner Deutschlandreise zurück, knapp 800 sind es von Göcklingen in der Pfalz nach Berlin. Die dritte Station seines ersten Tages führt ihn zu Hermann Dumbsky auf dessen Weingut in Volkach. Die beiden Biowinzer stellen viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Weinbau in der Pfalz und an der Mainschleife fest. Beiderorts gliedern sich die Weinberge oft in viele kleine Parzellen. „Unsere Lagen sind meist noch steiler als die in der Pfalz, was gerade den Bio-Weinbau erschwert“, erklärt Hermann Dumbsky.

    Winzer Dumbsky: Bio ist für jeden erschwinglich

    Der Volkacher wünscht sich, dass noch mehr seiner Nachbarn und Kollegen auf Bio umstellen. Sein Betrieb ist seit 2011 bio-zertifiziert. Mittlerweile gäbe es fundierte Fachberatung für Bio-Landwirtschaft, alle könnten aus den Erfahrungen der Bio-Pioniere schöpfen. Angst vor zu viel Konkurrenz auf dem lokalen Bio-Markt hat Dumbsky dabei keine und hofft vielmehr auf ein Umdenken in der Bevölkerung: „Bio kann sich jeder leisten, der es wirklich will. Die Preise entsprechen oft denen des konventionellen Anbaus.“

    "Die 40-Stunden-Woche haben wir meist Mittwochabend voll."
    Biowinzer Gerhard Hoffmann

    Ob konventionell oder ökologisch, viele Probleme betreffen alle kleineren Betriebe. Um sich in der Landwirtschaft zu halten, muss man heute Alleskönner sein. „Wissen über Pflanzen, Tiere, Technik, Finanzen und Vermarktung sind mehr gefragt denn je", meint Dumbsky. "Wenn Subventionen primär nach Anbaufläche verteilt werden, ziehen die Kleinbetriebe, die man eigentlich damit halten möchte, den Kürzeren“, erklärt er. Landwirt sein funktioniere heute nur mit Leidenschaft und vollem Eifer. „Die 40-Stunden-Woche haben wir meist Mittwochabend voll“, sagt Hoffmann und lacht.

    Beide Biowinzer freuen sich über die Mitarbeit ihrer Kinder im Betrieb. Auch wenn sie damit der Tradition der Familien folgen, sind sich dabei beide einig: Ob die kommende Generation weiter von der Landwirtschaft im Haupterwerb leben kann und möchte, das soll diese sich gut überlegen. Mit der Aktion "Agrarsturm" ist ein erster Schritt in die richtige Richtung getan, resümiert Hoffmann.

    Die Kampagne zieht Medien an und führt zu Reaktionen 

    Die Idee des Pfälzer Biowinzers entwickelte sich zu einer medienwirksamen Kampagne: Hörfunk, Fernsehenund Zeitungen begleiten seine Reise durch Deutschland. Auf einem Facebook-Blog teilen Hoffmann und sein Team täglich spannende Eindrücke des Agrarsturms. Schon vor der Abreise erreichten ihn viele Zuschriften von Landwirten, die ihn in seiner Aktion bestätigen. Angekommen in Berlin wird der Biowinzer die gesammelten Anliegen an diesem Donnerstag bei Thomas Gebhardt, Parlamentarischer Staatssekretär im Gesundheitsministerium und Michael Stübgen, Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft vortragen.

    Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner – 1995/96 selbst Deutsche Weinkönigin – wird ihm diese Woche nicht für einen persönlichen Termin zur Verfügung stehen. Doch die Anliegen des Agrarsturms sind zu ihr durchgedrungen, ist sich Biowinzer Hoffmann sicher. Und das persönliche Gespräch mit der Ministerin aus Rheinland-Pfalz wird nachgeholt – wenn nicht in Berlin, dann eben dort.

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    Bearbeitet von Andreas Ruhsert

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