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    KITZINGEN

    DaWanda schließt: Kreative müssen sich neu orientieren

    Mit der Geburt des ersten Kindes 2006 hat alles begonnen: das Interesse am Nähen, die Begeisterung für Stoffe, der erste Verkauf von handgefertigter Kleidung. Es folgten 2008 die Anmeldung bei der Online-Plattform DaWanda, das eigene Gewerbe 2012 und der Wandel von der Vollzeit-Angestellten zur Mutter – und Unternehmerin. Alexandra Zimmermanns Geschichte steht beispielhaft für DaWanda, wo zuletzt 70 000 Verkäufer ihre handgefertigten Produkte angeboten haben.

    Besser gesagt: Verkäuferinnen. Denn 90 Prozent der Shop-Betreiber und Kunden waren weiblich, der Großteil zwischen 20 und 50 Jahre alt. Doch das ist Geschichte, das Portal schließt zum 30. August (wir berichteten).

    Schockiert sei sie vom Ende DaWandas schon gewesen, sagt Zimmermann, „weil's für die Kundschaft echt blöd ist“. Allerdings dürfe man sich sowieso nicht nur auf ein Bein stellen. Die Frau aus Großlangheim (Lkr. Kitzingen) hat sich zuhause ihren Arbeitsplatz und kleinen Verkaufsraum eingerichtet, betreibt einen eigenen Online-Shop. Die 39-Jährige ist sicher: „Es geht woanders weiter.“

    Do-It-Yourself ist nach wie vor Trend

    Neue Plattformen, die DaWanda ersetzen wollen, schießen laut der Mutter von zwei Kindern derzeit aus dem Boden (siehe Infokasten). Sie hat sich mit ihrem Geschäft „Fabinos Welt“ für productswithlove.de entschieden und ist guter Dinge, auch dort ihre Pumphosen, Mützen oder CD-Hüllen aus Stoff einem breiteren Publikum präsentieren zu können.

    Genau das ist DaWanda in den zwölf Jahren seines Bestehens gelungen. 2006 in Berlin gegründet, bot es eine Art Marktplatz im Internet für Do-It-Yourself-Produkte. Galt früher selbst genähte oder gestrickte Kleidung noch als uncool, ist der Trend zu Kleidung, Accessoires oder Deko-Unikaten aus Handarbeit seit Jahren ungebrochen. Und das bietet allen voran kreativen Müttern, die sich die Zeit neben der Familienarbeit frei einteilen möchten, eine Chance auf selbstbestimmtes Arbeiten.

    Mit DaWanda in die Selbstständigkeit

    So war es auch bei Elzbieta Gebicki. Sie hat seit fünf Jahren in Kitzingens Fußgängerzone ein kleines Geschäft namens „Winkel – Vintage & Handgefertigtes“. 2009 eröffnete die gebürtige Polin, die seit 29 Jahren in Deutschland lebt, ihren DaWanda-Shop. Dort verkaufte sie Schmuck sowie Material zu dessen Herstellung. „Anfangs war das vor allem Spaß, aber die Selbstständigkeit hat mit DaWanda angefangen“, sagt die 56-Jährige.

    Inzwischen gehe der Laden längst vor, aber ihre Produkte wie Deko, Silberschmuck, Bilderrahmen oder Lampen auch im Internet zu verkaufen, hält sie heutzutage für unabdingbar. Neben dem eigenen Online-Shop bietet die Mutter von drei erwachsenen Kindern ihre Waren nun unter anderem bei Etsy an. „Aber ich mag diese Plattform nicht“, schiebt die Kitzingerin schnell hinterher. Sie sei zu groß und zu unübersichtlich. Die Gebühr ist zwar niedriger dort, „aber das bringt ja nichts, wenn einen niemand findet und man nichts verkauft“, sagt Gebicki.

    Gutes Handwerk wurde geschätzt

    Genau das macht auch Barbara Zschiesche aus Würzburg Sorgen. Etsy findet sie „total chaotisch“. Sie liebäugelt mit dem Umzug ihres Shops „Taufmoden Barlidona“ zu Amazon Handmade. Die 61-jährige Oma hat ihre handgefertigten Taufkleider und Accessoires erst seit gut zwei Jahren bei DaWanda verkauft, das aber so erfolgreich, dass sie mit deren Produktion ausgelastet war. „Die Kunden dort haben gutes Handwerk sehr geachtet“, sagt die gebürtige Dresdnerin. Sie habe viele nette Nachrichten bekommen.

    Genau die wird auch Andrea Pfaff-Bretscher aus Maibach (Lkr. Schweinfurt) vermissen. „Ich fand DaWanda super, total persönlich“, sagt die 47-Jährige. Sie hat dort seit 2011 in ihren beiden Shops „Schmuckhunde“ und „Glücksmarken“ alles rund um den Hund verkauft: personalisierte Halsbänder, gravierte Marken. Sie sei zwar zu Etsy umgezogen, „aber das ist halt riesengroß, da geht man unter“.

    Ähnliche Bedenken äußert Marita Scheublein aus Münnerstadt (Lkr. Bad Kissingen). Die 53-jährige betreibt dort mit ihrer Geschäftspartnerin Brigitte Brinke den Laden „Pri-Ma“, ein Geschäft für Stoffe, Wolle, Handgemachtes und Geschenkartikel. Stoffe auch bei DaWanda anzubieten, lief nebenbei, machte aber immerhin rund zehn Prozent des Umsatzes aus. Das Ende der Plattform überraschte die beiden Frauen sehr: „DaWanda hat uns schon sehr bekannt gemacht.“

    Schockiert vom Aus

    Noch deutlicher drückt es Julia Rau aus: „Für mich war es echt ein Schock. DaWanda war wie ein Arbeitgeber für mich.“ Die 42-Jährige hat Modedesign studiert und sich 2007 selbstständig gemacht. Dank DaWanda (ab 2009) florierte das Geschäft mit der Damenmode, geschneidert im eigenen Atelier in Feuerbach (Lkr. Kitzingen). So sehr, das sie zuletzt sogar eine Auszeit von der Plattform machte.

    Sie habe das Glück, sagt Rau, mittlerweile viele Stammkundinnen zu haben, die direkt bei ihr bestellen. Dennoch werde auch sie „mit Zähneknirschen“ zu Etsy umziehen, um möglichst breit aufgestellt zu sein. Sie hoffe, sagt Rau, dass sich auf der US-amerikanischen Plattform eine deutsche Gemeinschaft entwickelt. Das könne dann natürlich auch eine neue Chance sein.

    Die Modedesignerin macht sich vor allem Sorgen um die vielen Frauen und Mütter, die noch keinen so großen Kundenstamm aufgebaut haben: „Ich denke, das Aus von DaWanda wird einige Existenzen kosten.“

    Selbstgemachtes im Internet: Alternativen zu DaWanda

    Das Ende des Online-Marktplatzes DaWanda zum 30. August hat viele überrascht. Die Plattform war in Deutschland, Österreich und der Schweiz Marktführer für handgemachte Produkte und Unikate. Zuletzt hatte die 2006 gegründete Plattform für Handgemachtes nach eigenen Angaben 70 000 aktive Verkäufer mit 4 Millionen Produkten und 2 Millionen aktiven Käufern. Regionalisierte Zahlen gibt es laut DaWanda-Pressesprecherin Wenke Heuts nicht, aber auch überall in Mainfranken haben Kunsthandwerker ihre genähten, gebastelten, geschnitzten oder gemalten Artikel über die Plattform verkauft. Die Firma begründete das Aus mit mangelndem Wachstum, obwohl sie 2017 – erstmals in den 12 Jahren – schwarze Zahlen schrieb. Die Provision lag seit 2017 bei 9,5 Prozent (vorher 5 Prozent), die Einstellgebühr bei 10 bis 30 Cent.

    DaWanda wirbt offensiv für einen Wechsel zum US-amerikanischen Vorbild namens Etsy. Diese Plattform hat 1,9 Millionen aktive Verkäufer, 50 Millionen Produkte und über 33 Millionen Käufer. Provision: 3,5 Prozent, Einstellgebühr: 17 Cent.

    Seit 2016 hat der Online-Riese Amazon mit über 300 Millionen Kunden weltweit ebenfalls eine Art Marktplatz für handgefertigte Produkte: Amazon Handmade. Provision: 12 Prozent, keine Einstellgebühr.

    Weitere Online-Plattformen für handgefertigte Produkte sind: Palundu: seit 2017 online, keine Provision, 5 Euro Gebühr pro Monat für Verkäufer. Makerist: nennt sich selbst die Handarbeitsschule im Internet, seit 2013, Provision: 20 Prozent. productswithlove: für Verkäufer und Käufer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz; Provision: 3 Prozent, keine Einstellgebühr. Ebay Kleinanzeigen: offiziell nicht für gewerbliche Verkäufer, Gebühr: 10 Prozent. (bh)

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