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    Prichsenstadt

    Ein Koffer aus Prichsenstadt am Denkort Aumühle?

    Er hat eine traurige Bedeutung für ganz Unterfranken: Der ehemalige kleine Güterbahnhof an der Aumühle in Würzburg, im Volksmund auch Aumühl-Ladehof bezeichnet. Von dort aus deportierten die Nationalsozialisten in den Jahren 1941 und 42 insgesamt 2069 Männer, Frauen und Kinder jüdischen Glaubens, um sie in Vernichtungslagern zu ermorden. Darunter waren auch zehn jüdische Mitbürger aus Prichsenstadt und sechs aus Altenschönbach. Überlebt haben von den 2069 deportierten Menschen nur 60. Um das Gedenken an die Ermordeten aufrecht zu erhalten, hat sich aus der Würzburger Projektgruppe "Wir wollen uns erinnern” der Verein "DenkOrt Aumühle" entwickelt. Das Ziel des Vereins: jeder der 108 Orte Unterfrankens, aus dem deportierte Juden stammen, stellt ein Gepäckstück am Denkort Aumühle auf, so wie seinerzeit die jüdischen Mitbürger ihr Gepäck vor der Deportation aufreihen mussten. Gleichzeitig stellt jeder teilnehmende Ort in seinem Ort ein Gepäckstück auf, um gewissermaßen die Heimkehr zu symbolisieren.

    Das ist, kurz gesagt, die Idee des Vereins, die Christine Hofstetter und Hannelore Hübner vom Verein im Stadtrat Prichsenstadt vorstellten. Ursprünglich, so die Idee des mit acht Mitgliedern recht kleinen Vereins, sollten die Gepäckstücke (Koffer, Schlafsack oder Rucksack) im Bereich des nicht mehr existierenden Verladebahnhofes aufgestellt werden. Keine echten Koffer oder Rucksäcke, sondern aus beständigem Material wie Beton oder leichtem, rostfreiem Stahl. Weil aber die Stelle, an der die Juden in die Züge verladen wurden, am Ende eines laut Deutsche Bahn einsturzgefährdeten Tunnels liegt, bevorzugt der Verein jetzt eine Gedenkstätte am Hauptbahnhof in Würzburg. Ein Architekt hat bereits erste Pläne erarbeitet, "jetzt warten wir auf grünes Licht vom Stadtrat Würzburg", so Hofstetter. Die Gedenkstätte bauen würde der Verein, die Stadt würde später Eigentümer werden, so Hofstetter weiter. Und: der Hauptbahnhof solle eh umgestaltet werden, "da könnten wir die Gedenkstätte gleich in einem Zug mit einbauen". Der Verein rechnet damit, dass im November mit dem Bau begonnen werden kann.

    Von den 108 Orten Unterfrankens haben bereits 50 ihre Zustimmung gegeben, jeweils ein Gepäckstück im Gedenkort und in ihrem eigenen Ort aufzustellen. "Manche Gemeinden können es gar nicht mehr abwarten, bis es losgeht, andere überlegen noch, ob sie nicht andere eigene Projekte vorantreiben wollen", so Hübner. Denn die Kosten für die Gepäckstücke trägt die jeweilige Kommune. Wobei die Kostenfrage in der Ratssitzung erstmal keine Rolle spielte, vielmehr wollten die Räte über die Idee informiert werden.

    Die Gepäckstücke sollen so drapiert werden, wie es Hofstetter an einem historischen Foto gezeigt hatte: Fein säuberlich aufgereihte Koffer, Rucksäcke und eingerollte Schlafsäcke. Mit einer Infotafel und weiteren Informationen im Internet (www.denkort-aumuehle.de) sowie einer Infotafel am Gepäckstück im eigenen Ort soll die Erinnerung wachgehalten werden. Für die Jugend hält die Jugendbildungsstätte Unterfranken in Würzburg altersgerechte pädagogische Angebote bereit. "Apropos Jugend, es lassen sich auch hervorragend Schulklassen in dieses Projekt einbinden", so Hofstetter. Nach Kitzingen, Mainbernheim (bislang erst als positive Rückmeldung), Marktbreit und Wiesenbronn wäre Prichsenstadt (mit Altenschönbach) der fünfte Ort des Landkreises, der ein Gepäckstück am Denkort und im Ort aufstellen würde. Mit einem Beschluss wird sich der Stadtrat in einer der nächsten Sitzungen befassen.

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