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    KITZINGEN

    Erinnerungen in Glas

    Stadtheimatpfleger Dr. Harald Knobling. Foto: Ralf Dieter

    Die Entscheidung fiel beinahe einstimmig. Die Stadt Kitzingen würdigt bekannte Persönlichkeiten aus ihrer älteren und jüngeren Geschichte mit Erinnerungstafeln. Die ersten Tafeln sollen schon in diesem Jahr angebracht werden. Die einzigen Gegenstimmen im Stadtrat kamen von der KIK-Fraktion.

    Dr. Harald Knobling ist der neue Stadtheimatpfleger. Und er hat sich in seine erste öffentlichkeitswirksame Aufgabe hineingekniet. Zusammen mit Stadtarchivarin Doris Badel und Kulturpreisträger Gerd Högner hat er eine Liste von Persönlichkeiten erstellt, deren Wirken in Kürze mit einer Tafel gewürdigt werden soll. Modern sollen diese Tafeln sein – und informativ. So lautete die Zielstellung. Dr. Knobling präsentierte den Räten am Donnerstag den ersten Entwurf: Eine Tafel aus Plexiglas mit einem QR-Code. Mit dessen Hilfe können Smartphone-Besitzer zusätzliche Informationen zu den Persönlichkeiten aus dem Internet abrufen. Die Texte dort hat Doris Badel eingespeist.

    „Wir wollten etwas Leichtes schaffen, eine Tafel, die nicht so schwer wirkt“, erklärte Dr. Knobling. Ursprünglich waren Erinnerungstafeln aus Gusseisen oder Bronze im Gespräch gewesen. Die Tafeln aus Plexiglas seien nüchtern und rational gestaltet, würden aber wahrgenommen, so die Einschätzung des Stadtheimatpflegers. Diese Einschätzung deckte sich auch mit der Mehrheit des Stadtrates. Applaus für den Stadtheimatpfleger. Zumal die Kosten bei rund 340 Euro pro Platte – inklusive Befestigung, Druck und Kosten für den Grafiker – deutlich unter den geschätzten Kosten für die Gusseisen-Variante liegen. Lediglich Klaus Christof (KIK) konnte sich der allgemeinen Freude nicht anschließen. „Das ist ja ein Dumping-Preis“, kritisierte er. Von einer Bezahlung nach Tarif könne da keine Rede sein. Auch mit der Auswahl der Persönlichkeiten zeigte sich Christof unzufrieden. „Die Auswahl ist etwas diffus geraten.“ Sein Vorschlag: Nur solche Personen aufnehmen, die schon mindestens seit 100 Jahren verstorben sind.

    13 Personen haben es auf die Liste von Doris Badel geschafft. Ganz einfach war die Auswahl nicht. Zum Einen sollte es sich um Personen handeln, die so eine Würdigung durch ihr Wirken verdient haben. Zum Anderen muss einwandfrei feststehen, dass sie in dem Haus gewohnt haben, an dem die Tafel angebracht wird. „Friedrich Bernbeck fällt deshalb leider weg“, erklärte Badel. Die Aufzeichnungen der jeweiligen Hausnummern in den Steuerbüchern beginnen erst Mitte des 18. Jahrhunderts.

    Mit dem ehemaligen Bürgermeister Andreas Schmiedel und mit dem ehemaligen evangelischen Pfarrer Bartholomäus Dietwar soll die Würdigung beginnen. Der Linksliberale Schmiedel war von 1859 bis 1881 Bürgermeister der Stadt. Er setzte sich unter anderem für die Wiederentstehung einer jüdischen Gemeinde ein. Während seiner Amtszeit wurden Realschule, Lateinschule und Töchterschule ins Leben gerufen, die Wasserleitung, das Gaswerk und die Synagoge wurden gebaut. Kitzingen wuchs über seine Stadtmauern hinaus. Nach ihm ist die Schmiedelstraße am Rosengarten benannt. Jutta Wallrapp (Freie Wähler-FBW) wünschte sich, dass auch andere Straßen nach den Persönlichkeiten benannt werden, die dort lebten. „Straßenname und Tafel gehören zusammen.“

    Drei Frauen sind auf der Liste zu finden, außerdem wollten Badel, Högner und Knobling gerne auch die Stadtteile integrieren. Am Namen von Günter Eich entzündete sich allerdings die Kritik von Christof und seinem Fraktionskollegen Wolfgang Popp. „Da sind fünf andere genauso wichtig“, urteilte Christof. Und Popp stellte dessen Leistung gänzlich in Frage. Günter Eich war Hörspielautor und Lyriker, erhielt 1968 den Schiller-Gedächtnispreis. Er wohnte in Hohenfeld und starb 1972.

    „Wir sind für weitere Vorschlage dankbar“, stellte Badel klar. „Gerne auch aus der Bevölkerung.“ Der erste Vorschlag kam von Andrea Schmidt (ÖDP). Sie könnte sich ein Würdigung von Anselm Caliz, dem „ersten Siedler“, vorstellen.

    Bis Ende 2015 haben Badel und Knobling Zeit, die 13 Tafeln an den jeweiligen Häusern anbringen zu lassen. „Das wird nicht tröpfchenweise geschehen“, kündigte Badel an. Ende des Jahres sollen sechs bis sieben Tafeln hängen, die Einheimische und Touristen gleichermaßen auf die Kitzinger Persönlichkeiten vergangener Tage hinweisen.

    Die Persönlichkeiten

    Bartholomäus Dietwar (1592-1670): Obere Kirchgasse 12. Evangelischer Pfarrer. Wertvolle Chronik über Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges.

    Johann Rudolf Glauber (1604-1670): Fischergasse 35. Alchemist, Apotheker, Erfinder des Glaubersalzes.

    Dr. Friedrich Anton Reuß (1810-1868): Schrannenstraße 19. Mediziner und Philosoph.

    Engelbert Bach (1928-1999): Würzburger Straße 26. Heimat- und Mundartdichter.

    Olga Pöhlmann (1880-1969): Mainstockheimer Straße 15. Heimatschriftstellerin und Dichterin.

    Andreas Schmiedel (1829-1882): Schmiedelstraße 1. Bürgermeister.

    Max Fromm (1873-1956): Bismarckstraße 5. Königlich Bayerischer Hoflieferant und Kommerzienrat.

    Frida von Soden (1860-1933): Kapuzinerstraße 19. Diakonisse, Leiterin der Protestantischen Anstalt.

    Berta Kaiser (1875-1962): Bahnhofstraße 6. Impressionistische Malerin.

    Friedrich von Deuster (1836-1911): Luitpoldstraße 12. Landrat und Ehrenbürger. Großzügiger Stifter und Spender.

    Günter Eich (1907-1972): Hohenfeld, Haus Nr. 99. Schriftsteller und Hörspielautor.

    Armin Knab (1881-1951): Schrannenstraße 10. Komponist, Musiker und Jurist.

    Christoph Schneider (1831-1908): Kaiserstraße 30. Planer und Baumeister.

    Plätze und Gebäude für Erinnerungstafeln: Königsplatz und Luitpoldbau.

    An diesem Haus in der Schmiedelstraße wird die erste Erinnerungstafel angebracht.

    Von unserem Redaktionsmitglied

    Ralf Dieter

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