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    WIESENTHEID

    Fotoreportage: 1000 Liter Leben am Tag

    Blutkonserven-Produktion: In Wiesentheid schlägt das Herz des Blutspendedienstes. Fast jeder Tropfen Lebenssaft, der in Bayern verarbeitet wird, „fließt“ durch das Produktions- und Logistikzentrum des BRK. Ein Besuch zwischen Plastikbeuteln.
    Foto: Stefan Pompettzki
    Foto: Stefan Pompetzki

    Robert Hochbauer nimmt einen Plastikbeutel voll Blut aus einer Metallkiste und hängt ihn auf ein Gestell. Am Ende seiner Schicht wird das Blut von 1650 Menschen durch seine Hände und die seiner Kollegen gegangen sein.

    Hochbauer ist Mitarbeiter im Lager des Blutspendediensts des Bayerischen Roten Kreuzes in Wiesentheid im Landkreis Kitzingen. Jeder Tropfen Blut, der an diesem Tag in Bayern aus dem Arm eines Spenders durch eine Kanüle und einen Plastikschlauch in die Beutel des Blutspendediensts geflossen ist, landet schließlich hier, wo Hochbauer und seine Kollegen die Spenden zu Blutkonserven weiterverarbeiten, die Patienten verabreicht werden können.

    Am Gestell, das Hochbauer mit Blutspenden bestückt, baumelt ein roter Plastikbeutel neben dem anderen. Es ist der erste Schritt vom Blut zum medizinischen Produkt. An jedem Beutel hängt ein bierdeckelgroßes Stück Plastik – ein Filter, wie Hochbauer erklärt. Das Blut fließt in einen neuen Plastikbeutel, ein Blutbestandteil bleibt im Filter hängen – weiße Blutkörperchen, die Patienten schaden könnten.

    Wie eine Waschmaschine

    Nachdem die rote Flüssigkeit den Filter passiert hat, hängt Tobias Göpfert die Beutel ab, und bringt sie zu einer Reihe Geräte, jedes etwas größer als eine Waschmaschine. Er öffnet den Deckel des Geräts und legt die Blutbeutel hinein – in den Zentrifugen wird das Blut mit fast viertausend Umdrehungen in der Minute geschleudert. Nach gut 20 Minuten hebt Göpfert die Beutel aus der Zentrifuge. Den unteren Teil des Beutels füllt jetzt eine rote Flüssigkeit – die Erythrozyten, rote Blutkörperchen. Deutlich davon getrennt ist der obere Teil – trüb und gelblich: das Blutplasma.

    Mit dem Blutplasma können Ärzte etwa Patienten mit schweren Verbrennungen helfen, es wird aber auch zu Medikamenten weiterverarbeitet, wie Alexander Giss, der Leiter der Produktion in Wiesentheid erklärt. Die rote Erythrozyten-Flüssigkeit setzen Mediziner unter anderem bei Krebspatienten ein, auch Herzkranke und Unfallpatienten werden damit behandelt.

    Die Beutel mit dem in Plasma und Erythrozyten getrennten Blut spannen die Mitarbeiter in Maschinen, die die beiden Flüssigkeiten endgültig voneinander trennen. Einer der Produktionsarbeiter hält einen Beutel Plasma gegen das Licht, das durchs Fenster in den Produktionsraum fällt: „Die sind inzwischen wieder sehr schön“ – im Sommer ist das Plasma häufiger fettig, die Grillfeier vor dem Nadeleinstich sehen die Mitarbeiter dem Plasma auf einen Blick an.

    42 Tage haltbar

    Die Erythrozyten sind jetzt so aufbereitet, dass sie Patienten und Unfallopfern verabreicht werden können. Für die roten Blutkonserven läuft jetzt die Uhr: 42 Tage ist eine Spende haltbar und keine Klinik möchte einen Beutel in ihr Lager aufnehmen, der nur noch eine Woche haltbar ist. Die Konserven werden bei vier Grad eingelagert und noch am selben Tag zu vier Verteilzentren in Bayern gefahren. Von dort beliefern die Fahrzeuge des Blutspendediensts die Krankenhäuser in der Umgebung. Bevor einer der mit tiefroter Flüssigkeit gefüllten Beutel Wiesentheid verlässt, muss das Team von Marijke Weber-Schehl sein Okay geben. Um 22 Uhr, fünf Stunden bevor Hochbauer und seine Kollegen den ersten Beutel zum Filtern aufhängen, nehmen die Mitarbeiter der Labor-Leiterin ihre Arbeit auf.

    Die mobilen Teams, die in ganz Bayern unterwegs sind, nehmen jedem Spender nicht nur einen halben Liter Blut, sondern auch mehrere kleine Proben ab. Diese Proben werden unter anderem in Wiesentheid getestet, das Team von Weber-Schehl sucht nach Genmaterial von Erregern wie HIV und Hepatitis. Schlägt ein Test an, würden die betroffenen Spenden sofort vom System gesperrt, erklärt Weber-Schehl.

    Solche Kontrollmechanismen gibt es nicht nur gegen Infektionskrankheiten: Jeder Schritt der Arbeit wird dokumentiert, für eine einzelne Konserve wird etwa automatisch gespeichert, wer die Separationsmaschine bedient hat. Diese Dokumentation beginnt schon beim Eindringen der Kanüle in die Haut des Spenders: Der Blutspendedienst weiß, wer bei einer bestimmten Konserve die Nadel gesetzt hat. Dieser Schritt ist kritisch, um eine sichere Konserve zu erhalten, wie Weber-Schehl erklärt: „Der Einstich ist am gefährlichsten.“ Acht Tage dauert der Stichprobentest auf bakterielle Verunreinigung, den der Blutspendedienst regelmäßig durchführt.

    Während die Blutkonserven noch am selben Tag in Bayern verteilt werden, geht das Blutplasma einen anderen Weg: Auf Blechen legt ein Mitarbeiter jeweils 12 Beutel aus, zehn Bleche werden hinter einer Stahltür übereinander aufgereiht – das Blutplasma wird bei minus 60 Grad schockgefroren. Die Beutel mit gefrorenem Plasma werden gescannt und automatisch in ein Hochregallager einsortiert. Minus 40 Grad kalt ist es hier, der Atem des Gruppenleiters der Vollblutverarbeitung bildet weiße Wolken, während er im dicken Mantel die Regalreihen abgeht und kontrolliert.

    Drei Jahre ist das Plasma so haltbar, wesentlich länger als die noch am selben Tag weitergeschickten Erythrozyten. Im Schnitt verarbeitet der Blutspendedienst täglich 2000 Spenden, man versuche die Spenden möglichst dem Bedarf anzupassen, wie Produktionsleiter Giss erklärt. Nicht einfach, denn die Spendenbereitschaft schwanke zum Beispiel in der Urlaubszeit und je nach Wetter. Auch wie viel Blut die Kliniken benötigen, ändert sich, etwa wenn es zu Unfällen mit vielen Verletzten kommt.

    Schwankungen soll ein Pufferlager ausgleichen. Ein unscheinbarer Raum in Wiesentheid, fensterlos und auf vier Grad gekühlt, beherbergt Blutkonserven, die den Bedarf Bayerns für etwa zwei Tage decken könnten. So kommt es immer wieder vor, dass der Blutspendedienst in der Öffentlichkeit Alarm schlägt, wenn das Pufferlager schrumpft. Der zweitägige Puffer sei aber die richtige Lösung, meint Giss. Schließlich wolle man auch keine Konserven entsorgen müssen. Für ihn bedeutet die Versorgung bayerischer Kliniken mit Blutkonserven auch langfristige Planung: „Wir planen jetzt schon, was wir im August nächsten Jahres abnehmen.“

     
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    Von Claudio Höll (Text) und Stefan Pompetzki (Foto)

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