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    Iphofen

    Franz Brosch und sein Leben nach dem Putsch

    Ein wacher Geist, ein gefragter Gesprächspartner: Der frühere Landtagsabgeordnete Franz Brosch wird am 10. Dezember 70 Jahre alt. Foto: Ina E. Brosch

    Fragt man Franz Brosch, wie er heute auf die Politik schaue, blickt er eine Weile starr geradeaus, holt tief Luft und sagt dann ein einziges Wort: „Wissend.“ Im Kamin frisst sich die Glut langsam durch das Holz, das Brosch in den Tagen zuvor gemacht hat, 120 Ster, säuberlich geschlichtet im eigenen Garten. Aus einem aschgrauen Himmel fällt immer wieder Regen. Es ist Herbst geworden, auch im Leben des Franz Brosch, der an diesem Dienstag 70 Jahre alt wird.

    So, wie er nun, bei Temperaturen knapp über null Grad, im dünnen Hemd und leichten Janker draußen im eigenen Garten steht und auf den großen Holzstapel deutet, wirkt er bisweilen wie ein Sommerfrischler. Dies gilt umso mehr für seine Vitalität und Spritzigkeit. Als wilden Holzhacker kann man ihn sich ebenso schwer vorstellen wie als versierten Handwerker oder Marmeladenmacher. Dabei beherrscht er all diese Metiers. Und er ist ein hellwacher Geist.

    Franz Brosch war einmal einer der bekanntesten Politiker der Region. Gut 20 Jahre saß er für die CSU im Landtag, mit Ergebnissen, die heute kein Parlamentarier mehr erreicht. Als „Hinterbänkler“ hat ihn die „Süddeutsche Zeitung“ einst verspottet – und dabei übersehen, was die Sitzordnung im Plenum nicht spiegelte: Brosch war und ist immer noch bestens vernetzt. Als Türöffner in Ministerien und andere illustre Zirkel der Politik suchten die Menschen seine Nähe und seinen Rat.

    Nur einmal trügt ihn sein Instinkt fatal

    In seinem ganzen Wesen verstand er sich selbst als der Prototyp des Homo politicus. Brosch kann auf Leute zugehen, kann konziliant, zugewandt und neugierig sein, aber er beherrscht auch die andere Seite, das machtpolitische Kalkül. Er wusste, wie er sich Mehrheiten organisierte. 1982 wurde er erstmals in den Landtag gewählt, später fünf Mal bestätigt. Nur einmal, da trog ihn sein Instinkt. Das war der Moment, der ihn die Karriere kostete.

    Sanfte Klassik dringt aus den im ganzen Haus verteilten Lautsprechern, Hündin Stella umgarnt Herrchen und Besucher gleichermaßen und Ehefrau Ina Brosch trägt zum Frühstück kalt gerührtes Himbeergelee, pochiertes Ei von Freilandhühnern und Chai-Tee auf, den ihr Mann von einer Reise aus Indien mitgebracht hat. „Müssen Sie probieren!“, insistiert der Hausherr. Fast fünf Stunden wird das Gespräch im Hause Brosch dauern, es geht weit über die üblichen Floskeln und Belanglosigkeiten hinaus, die man Brosch bei früheren Auftritten als Politiker gerne einmal vorgeworfen hat.

    Er war ein schüchterner Junge, der stotterte

    Die Politik war ihm nicht in die Wiege gelegt. Seine Eltern betrieben einen kleinen Bauernhof in Tschechien, unweit der deutschen Grenze. 1947 kam die Mutter nach Willanzheim, 1948 kehrte der Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurück, ein Jahr später wurde Sohn Franz geboren. Als er sieben war, starb seine Mutter. Der Vater heiratete erneut und schlug sich als Maurer durch. Wenn er im Winter mit dem Moped heimkam, standen ihm die Tränen in den Augen, so kalt war es. „Ich sollte es einmal besser haben“, sagt Brosch.

    Er war ein schüchterner Junge, der stotterte. Über die Iphöfer Heinrich Bäuerlein und Gerhard Fröhlich fand er zur CSU. Reingewachsen sei er in die Politik. Für Michael Glos, den späteren CSU-Landesgruppenchef und Bundeswirtschaftsminister aus Prichsenstadt, machte er Wahlkampf. Früh um 3 Uhr fuhren sie von Iphofen aus mit 120 Leuten nach Schweinfurt, um Flugblätter zu verteilen.

    Franz Brosch bei der Stimmabgabe zur Landtagswahl 1998 in seinem Heimatort Iphofen, links hinten Ehefrau Ina. Foto: Willi Paulus

    Parallel dazu bastelte er an der beruflichen Laufbahn. Mit 17 fing er in der Castell-Bank an, „einer damals wirklich noch Fürstlichen Bank“, ging zur Privatbank Bethmann nach Frankfurt, um Börsenhändler zu werden. Dort rieten sie ihm zu studieren, was er auch tat, neun Jahre lang. 1974 war er Diplom-Betriebswirt, 1976 Diplom-Kaufmann, stets mit Prädikat. Sein Jurastudium brachte er zu Ende, als er bereits im Landtag saß. Immer wieder hat er Dinge angestoßen, 1975 den ersten CSU-Neujahrsempfang in Dettelbach, um Glos zu unterstützen, 1978 den Kunstpreis der Jugend, um Stimmen für den Kreistag zu gewinnen, 1983 den Schwanberglauf. „Ich habe immer großen Wert auf Gemeinschaft gelegt.“

    Mit einer Stimme aus dem Amt geputscht

    Dann kam der 17. Juli 2002, der Tag, an dem Brosch wieder für den Landtag nominiert werden sollte, zum sechsten Mal. Die Stimmung auf der Hallburg in Volkach ist aufgekratzt, Gerüchte machen die Runde, und am späten Abend steht fest: Brosch ist abgewählt, die CSU beruft den Wiesentheider Otto Hünnerkopf: mit 50:49 Stimmen. Ignoranz und Überheblichkeit werfen ihm seine Kritiker vor. Manche alte Geschichte kommt auf den Tisch: Beim Bau seines Hauses in Iphofen hatte er 1991 einige wenige Schwarzarbeiter eingesetzt, ein Fehler, wie er heute weiß. Und in seinen Jahren als CSU-Kreisvorsitzender hatte er nicht wenige vor den Kopf gestoßen. Ist der Putsch nun die späte Rache?

    Franz Brosch mit Ehefrau Ina bei einer Veranstaltung im Dezember 1999. Foto: Torsten Schleicher

    Der Schock sitzt tief, von „Wochen des Ausnahmezustands“ spricht Ina Brosch noch heute. Ihr Mann, damals 53, steht vor den Trümmern seines beruflichen Lebens. Er findet heraus, dass mit einem der abgegebenen Stimmzettel etwas faul war, er sei aus anderem Papier gewesen. Was tun? Die Wahl anfechten? Brosch lässt es dabei. Sosehr er von der Wucht der Ereignisse getroffen ist, so loyal steht er zu der Partei, in der zu dieser Zeit Edmund Stoiber um den Einzug ins Kanzleramt kämpft. „Ich wollte keine Unruhe in die Partei tragen durch einen Aufstand in der Provinz.“

    In der Niederlage erkennt Brosch  auch eine Chance

    Brosch erkennt in der Niederlage auch eine Chance, er ist bestens ausgebildet, um sich beruflich noch einmal neu zu orientieren. Vier Monate später hat er die Zusage, nach seinem Ausscheiden aus dem Landtag nach Oberfranken wechseln zu können. Als Verbands-Geschäftsführer vertritt er von 2003 an die Interessen der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie oder die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. „Ich wollte die Menschen davon überzeugen, dass Oberfranken ein toller Standort ist.“ Das gelingt ihm.

    Inzwischen ist er zwar im Ruhestand, aber längst nicht rastlos. Mindestens einmal im Monat fährt er nach München, um Vorträge und Begegnungen zwischen Politik und Wirtschaft anzubieten. Und er hat Zeit, auf Reisen zu gehen mit Ehefrau Ina und den drei Kindern (zwei Söhne, eine Tochter), die auswärts studieren. Mit der Politik, sagt er, habe er seinen Frieden gemacht. Er weiß einfach zu viel darüber.

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