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    Kitzingen

    Gericht: Altenpflegerin lässt hilflosen Patienten liegen

    Weil sie einen 81-jährigen Bewohner eines Altenheimes im Landkreis Kitzingen über Stunden sich selbst überließ, wurde eine 42-jährige Altenpflegerin am Kitzinger Amtsgericht zu 8550 Geldstrafe verurteilt. Foto: Oliver Berg

    Ganz einfach war er sicher nicht, der 81-jährige Heimbewohner. Immer wieder hielt er die Pflegekräfte in einem Seniorenheim im Landkreis Kitzingen auf Trab. Um ins Raucherzimmer zu gelangen, musste sich der Mann vom Bett in den Rollstuhl oder zum Rollator helfen lassen. Zwischendurch machte er sich aber schon mal selber auf den Weg, was die Pflegerinnen zu der Erkenntnis brachte: Eigentlich kann er ja, wenn er nur will.

    Als er Anfang dieses Jahres mal wieder nicht wollte und andauern nach den Pflegerinnen klingelte, reichte es einer 42-Jährigen: Gegenüber ihren beiden Kolleginnen verfügte sie, dass dem Mann keine Beachtung geschenkt werden soll. Sie alleine würde sich um den wieder einmal schwierigen Fall kümmern. Die Kolleginnen sollten das Zimmer während ihrer Nachmittagsschicht deshalb nicht betreten. Das Ganze versehen mit dem Hinweis: "Wer rauchen kann, kann auch laufen!"

    Wobei das Kümmern der 42-Jährigen so aussah: Sie missachtete das Klingeln des alten Mannes und überließ ihn sich selbst. Zuvor stellte sie ihm noch einen Toilettenstuhl und den Rollstuhl ans Bett. So kam es, dass der 81-Jährige an diesem Nachmittag zunächst vergeblich wartete und danach, bei dem Versuch, eigenständig aufzustehen, zu Boden stürzte. Dort saß er dann hilflos bis in die Abendstunden. Selbst das übliche 18-Uhr-Abendessen wurde ihm an diesem Tag nicht gebracht. Der Heimbewohner wurde bis 20 Uhr schlichtweg ignoriert, ehe die 42-Jährige dann doch mal nachschaute und ihm zusammen mit einer Kollegin wieder ins Bett half.

    Nicht mehr aufzuklären

    Es spricht einiges dafür, dass sich der Heimbewohner an diesem Nachmittag einen Oberschenkelhalsbruch zuzog. Genau klären lässt sich das allerdings nicht mehr: Das Opfer ist inzwischen gestorben. Verbürgt ist, dass er um den besagten Tag herum auf dem Weg ins Raucherzimmer zwei weitere Male gestürzt ist.  Als der 81-Jährige bei der Nachtschwester nach dem unfreiwilligen Nachmittag am Boden in den Abendstunden über immer stärkere Schmerzen klagte, kam er in die Würzburger Uni-Klinik, wo die Diagnose schließlich gestellt wurde.

    Vor dem Kitzinger Gericht, wo sich die 42-Jährige als Angeklagte wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten muss, bestreitet die Frau zunächst, dass sie an dem Mann ein Exempel habe statuieren wollen. Alle hätten gesehen, "wie er gelaufen ist". Deshalb sei sie davon ausgegangen, "dass er seine Sachen alleine erledigen" kann. Außerdem habe sie während der besagten Schicht gar nicht das Sagen gehabt. Als freiberufliche Pflegekraft hätte sie den Kolleginnen gar nicht verbieten können, das Zimmer des 81-Jährigen aufzusuchen. Dass sie jetzt beschuldigt werde, habe mit Problemen zu tun, die sie mit der Klinik-Leitung habe: Ihr stünde noch Geld zu und weil sie das einfordere, werde sie schlecht gemacht.

    Zeuginnen erzählen andere Geschichte

    Dass sich die Dinge doch ganz anders verhalten, zeigt die als Zeuginnen befragten Kolleginnen, die eine ganz andere Geschichte erzählen. Die 30-jährige Helferin und eine 69-jährige, die eigentlich schon in Rente war und als Springerin hier und da aushalf, sind sich einig: Weisungsbefugt war an diesem Tag die Angeklagte. Diese habe die Nase voll gehabt, dass der alte Mann "die Schwestern mal wieder schikaniert". Deshalb habe es die klare Ansage der Angeklagten gegeben, dass der Mann, der an besonders schlimmen Tagen schon mal "im Zehn-Minuten-Takt klingeln" konnte, für einige Stunden missachtet werden solle.

    Die Zeuginnen sind auch ein dreiviertel Jahr später noch entsetzt, dass ihnen der Gang zu dem 81-Jährigen untersagt worden war und dass sich daraus die hilflose Lage ergeben hatte. Klar wird in der Verhandlung aber auch: Dass es letztlich so weit kam und sich beispielsweise keiner um das Abendessen des Mannes gekümmert hat, hat etwas mit Überlastung zu tun. Manches fällt da einfach nicht auf, jedes Klingeln eines Bewohners kann zusätzlichen Stress bringen. In dem Haus gebe es "einen Pflegenotstand", bringt es die damals als Aushilfe arbeitende Pflegerin auf den Punkt. Die Verhandlung lässt diesen Eindruck tatsächlich immer wieder aufkommen: Das System, das für die Pflege da sein soll, ist scheinbar oft genug selber ein Pflegefall.

    Vorwürfe eingeräumt

    Nach den Aussagen der Zeuginnen lenkt die Verteidigung ein: Das, was im Strafbefehl als Vorwurf steht, wird nunmehr eingeräumt. Es geht jetzt ausschließlich noch um die Frage des Strafmaßes. Bei den von der Staatsanwaltschaft geforderten 120 Tagessätzen wäre die 42-Jährige vorbestraft und es würde ein Eintrag ins Führungszeugnis erfolgen. Das könnte, für die Freiberuflerin, gravierende Folgen haben. Das, so die Verteidigerin, sei nicht angemessen: "Sie ist eine zuverlässige Pflegekraft!" Das Gericht berücksichtigt das sowie das – wenn auch späte – Einlenken und bleibt mit 90 Tagessätzen in einem Bereich, der gerade noch ohne Folgen bleibt. Die Geldstrafe fällt trotzdem happig aus: 8550 Euro (90 Tagessätze zu je 95 Euro) werden die Frau noch lange daran erinnern, dass sie sich an jenem Nachmittag im August auf einem verwerflichen Abweg befunden hat.  

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