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    SEGNITZ

    Heftige Emotionen nach Gurkenvernichtung

    Franz Hagn aus Sulzfeld hat nach der Absage einiger Lebensmittel-Großkunden seine Gurken-Produktion eingestellt. Ohne Wasser verdorren die Gurken in dem Gewächshaus. Foto: Norbert Hohler

    Die Autokennzeichen lassen es vermuten: Das, was sich auf dem Hof von Franz Hagn gerade abspielt, hat mit einem normalen Montag nichts zu tun: MSP, WÜ TBB, OCH – ein Auto nach dem nächsten fährt an der Gärtnerei vor. Auch ein Fernseh-Team dreht in Segnitz.

    Auslöser des Trubels ist ein Video, in dem gezeigt wird, wie Franz Hagn eine Tagesernte Gurken auf einem Feld verteilt und unterpflügt. Der Gemüsebauer beklagt, dass einige Lebensmittelgroßkunden nur noch eingeschweißte Ware haben wollen, er deshalb auf seinen Gurken sitzen bleibt. Auf Facebook wurde das Video inzwischen über 2,5 Millionen Mal angeklickt.

    Aus Böblingen angereist

    Es gibt viel Solidarität, Viele wollen helfen, sind gegen Lebensmittel-Vernichtung. „Es ist unglaublich, was sich hier in den letzten 48 Stunden abgespielt hat.“ Franz Hagn schüttelt fast ein wenig ungläubig den Kopf. „Ich habe etwa zwei Tonnen Gurken über den Hof verkauft“. Den Vogel schießt Gaby Weimer aus Böblingen bei Stuttgart ab: Sie hat das Video gesehen und ist spontan zwei Stunden nach Segnitz gefahren. Die über 100 Kilo Gurken, die sie sich in den Kombi geladen hat, will sie an Freunde, Kindergärten und Verwandte verteilen.

    Am Montag kauft ein junger Mann von der Diakonie in Würzburg mehrere Kisten Gurken, nebenan werden in einen tiefer gelegten, knallroten Golf GTI 16 V mit chromblitzenden Felgen gerade drei Kisten eingeladen – der vermutlich schnellste Gurkentransporter der Region. Auch Gloria Mustos aus Marktbreit hat sich eingedeckt. „Wir versorgen Freunde und Nachbarn. Es ist doch ein Unding, wie viel gelbe Säcke mit Verpackungen jede Woche voll werden. Das könnte man sich alles sparen.“ Inzwischen haben sogar benachbarte Gastronomiebetriebe wie Ehrbar (Frickenhausen) und Alter Esel (Marktbreit) angekündigt, Gurken abzunehmen, spezielle Gerichte auf ihre Karte zu nehmen.

    Gurken-Produktion von Franz Hagn im Gewächshaus Foto: Norbert Hohler

    Snack für unterwegs

    Die Minigurken sind eine Spezialität des Gemüsebauers Hagn aus Segnitz. Sie werden gerne als Snack für unterwegs gekauft, Kindern in die Brotdose gelegt oder eingelegt. Hagn verkauft seine Gurken über die Gartenbauzentrale Main Donau in Albertshofen an diverse große Supermarktketten in Deutschland.

    Doch die Händler wollen die Fünf-Kilo-Kisten aus Segnitz nicht mehr in ihren Läden haben. Stattdessen sollen die Gurken seit einigen Wochen in Plastik verpackt und dann verkauft werden. Immer drei Stück in einer Schale, mit Folie verschweißt. Woher der plötzliche Sinneswandel kommt, weiß Hagn nicht. Bei den Jahresgesprächen in der Genossenschaft, in denen Absatzmengen festgelegt werden, sei nie kommuniziert worden, dass seine Gurken in der gewohnten Form nicht mehr erwünscht sind. Sonst hätte er mit der Produktion vielleicht reagieren können, sagt Hagn.

    100000 Euro Schaden

    Die Gurken einfach selbst verpacken kann der Mann nicht. Zwar hätte er die Maschinen dafür, aber sein Betrieb ist nicht gelistet als Lieferant für die Verpackungseinheiten. Zudem reiche seine Mengen dafür nicht. Um den wirtschaftlichen Schaden einzudämmen, hat Hagn die Bewässerung eingestellt. Was bereits geerntet in der Kühlung liegt, verkauft er ab Hof zum Dumpingpreis. Rund 100 000 Euro werde der Schaden betragen – mindestens.

    Franz Hagn aus Segnitz Foto: Norbert Hohler
    Die Händler indes weisen die Kritik zurück. Auf Anfrage teilte die Pressestelle der Edeka Gruppe mit, dass sie die Vorwürfe der „Fränkischen Illustrierten“, die das Video erstellt hat, entschieden zurückweist. In den Edeka-Märkten würden die Minigurken seit Jahren lose und verpackt angeboten. Die Zusammenarbeit mit der Albertshöfer Genossenschaft verlaufe partnerschaftlich.

    Keine Absprachen mit REWE

    Deren stellvertretender Geschäftsführer, Kai Fuchs, ist auch verärgert. „Wir haben von dem Interview nichts gewusst und distanzieren uns von dieser Aktion“, sagt er. Witterungsbedingt gebe es derzeit im Bereich der Minigurken deutschlandweit Übermengen, die nur schwer zu verkaufen sind. Dennoch habe die Gartenbauzentrale natürlich versucht, die Ware von Franz Hagn zu vermarkten und dafür durch die gesamte Republik telefoniert. „Aber wir sind nur eine kleine Genossenschaft und kommen schwer in anderen Regionen unter, die ja selbst ihre Partner vor Ort haben“ sagt er.

    Dass Händler die Gurken plötzlich nicht mehr wollen, will Fuchs so nicht stehen lassen. Mit REWE zum Beispiel habe es überhaupt keine Absprachen über die Abnahme von Gurken gegeben. Das teilt auch die REWE-Pressestelle mit: Es gebe keinerlei vertragliche Abmachungen über die Abnahme von Minigurken, zudem verkaufe die Handelsgruppe in ihren Märkten die Minigurken sowohl verpackt als auch unverpackt.

    Wogen glätten

    Kai Fuchs muss in Albertshofen jetzt ein wenig die Wogen glätten: Er führt Gespräche mit Franz Hagn und den Supermarktketten und hofft, dass die Geschichte keine schlimmen Konsequenzen hat. Denn die Gefahr besteht, dass der eine oder andere Handelskonzern sich die Zusammenarbeit mit der Erzeugergemeinschaft künftig gut überlegt.

     

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