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    FEUERBACH

    Im Schiff auf der Koppel

    Statt Meeresrauschen gibt es Pferdewiehern – aber einen echten Kapitän stört das nicht: Mit Schwung das Heck entern, die Treppe runter in die Kajüte, ein prüfender Blick in die Kombüse, durchmarschieren zum Bug. Treppe wieder rauf. Den Pferden zuwinken.

    So ähnlich dürfte es sich abspielen, wenn eines Tages aus Urlaubern echte Seeleute werden. Ans Meer fahren muss man dazu nicht: Das Schiff liegt auf einer Wiese in dem Wiesentheider Ortsteil Feuerbach – direkt an der Pferdekoppel. Der Mann, der es dorthin bringen ließ, heißt Stefan Bartel. Zusammen mit seiner Frau Petra betreibt er seit 25 Jahren einen Reiterhof, auf dem 15 Pferde zuhause sind. Seit gut zehn Jahren geht die Entwicklung zudem hin in Richtung Ferienhof.

    Zu dieser Entwicklung gehört es, neue Dinge auszuprobieren. So kam es zur Idee einer offenen Reithalle. Genau daneben soll bald auch ein weiteres Gruppenhaus entstehen – eingelassen als Hügel in die Erde. Normal kann jeder – bei Familie Bartel darf's gerne mal ein wenig anders sein.

    Deshalb ist es auch alles andere als Zufall, dass Stefan Bartel vergangenes Jahr auf die „Erbse“ aufmerksam wurde. Der 25-Tonner lag seit 2004 als eine Art privater Vergnügungsdampfer im Hafen in Marktsteft. Davor hatte die „Erbse“ als Bauhüttenschiff gedient, auf dem die Arbeiter des Wasserwirtschaftsamtes ihre Brotzeit machten. Filmkulisse war das Schiff ebenfalls schon gewesen und hatte es so zu einer gewissen – lokalen – Berühmtheit geschafft.

    2013 war's, als auf dem fast 90 Jahre alten Schiff der Kinder-Kinofilm „Lola auf der Erbse“ von Thomas Heinemann gedreht wurde. Viel Farbe brachte die Filmcrew damals mit und verpassten dem Schiff einen neuen Anstrich. Der Film, der ein Jahr später in die Kinos kam, machte die 22 Meter lange und 3,80 Meter breite „Erbse“ und ihren Heimathafen Marktsteft erst recht bekannt.

    Die mediale Aufmerksamkeit war einerseits schön, besiegelte andererseits aber auch das Ende der „Erbse“ auf dem Main. Das Wasserwirtschaftsamt wurde auf das Schiff aufmerksam und machte dem damaligen Besitzer, der das Schiff nach und nach überholt und mit Küche, WC und Kajüten ausgebaut hatte, Auflagen. Es müssen viele Vorschriften gewesen sein, die zur Kapitulation führten: Wenig später stand das ehemalige Bauhüttenschiff zum Verkauf bei Ebay.

    Ein anonymer Käufer schlug zu und vermachte das Schiff dem Marktstefter Hafen- und Kulturverein. Ein neuer Lebensabschnitt sollte beginnen. Die „Erbse“ wurde zum Standort für Hafengottesdienste und Veranstaltungen. Nur: die Auflagen blieben. Was dazu führte, dass der Verein ebenfalls an seine Grenzen kam und die Liebhaberei schlicht zu aufwändig wurde.

    Das war der Moment, in dem der gebürtige Marktstefter Stefan Bartel die Szene betrat. Einer drohenden Verschrottung begegnete er mit einer einfachen Idee: Wenn das Schiff nicht mehr auf dem Wasser bleiben kann, dann kommt es eben an Land!

    Wenig später, Ende Januar 2015, war ein Schwertransport organisiert. Ein Teleskopkran hob die „Erbse“ vorsichtig aus dem Hafenbecken in Marktsteft. Nach vier Stunden und 25 Kilometern in Polizeibegleitung durch die Dörfer war es geschafft, Feuerbach als Altersruhesitz erreicht.

    Für den gelernten Kunst- und Hufschmied ging damit ein Traum in Erfüllung. „Ich wollte schon immer eine außergewöhnliche Erlebnis-Ferienwohnung haben“, sagt er. Zu den zwei bestehenden Ferienwohnungen für bis zu 20 Personen auf ihrem Hof wird sich also künftig ein Schiff für sechs bis acht Gäste gesellen.

    Für den Traum muss der Reiterhof-Besitzer demnächst ganz schön in die Hände spucken: Sanierung und Umbau will er größtenteils in Eigenregie hinbekommen. Zu tun gibt es genug, die neue „Erbse“ soll auf ihre alten Tage noch mal ein Schmuckstück werden: Isolation, schicke Fenster und Anschluss an die Kanalisation sind nur einige der anstehenden Arbeiten, die sich ein Jahr hinziehen dürften. Wenn es gut läuft, sollen im Frühjahr 2018 die ersten Gäste auf der Koppel in See stechen und Kapitän spielen können.

    Hört sich jedenfalls so an, als könnte in Feuerbach ein Märchen wahr werden – zumal vielleicht auch die eine oder andere Prinzessin auf die Erbse kommen dürfte.

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