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    Iphofen

    Mein Europa: voller Liebe, Frieden und Kinder

    Europa macht Spaß, vor allem als Erasmus-Studentin (von links): Radka (Slowakei), Leonardo (Italien), Jean-Jacques (Frankreich), Giovanni (Italien), Sára (Ungarn) und ich, Julia. Foto: Julia Lucia

    Du bist mit einem Italiener verheiratet. Schreib doch mal was über dein Europa.“ Das war die Ansage in der Redaktionskonferenz. Aber warum soll ich über etwas schreiben, was doch selbstverständlich ist? Weil es selbstverständlich ist.

    Eins vorweg: Ich bin überzeugte Europäerin. Die EU ist das Beste, was meiner Generation, Deutschland und den anderen europäischen Ländern passieren konnte. Ja, ich weiß, dass es nicht immer rund läuft, dass Etliches anders laufen müsste. Doch trotz aller Nachteile: Es überwiegen die Vorteile. Ist die Unzufriedenheit der Menschen nicht oft der Ärger auf die jeweilige Landesregierung, die sich auf die EU überträgt?

    Über Artur (rechts) aus Polen lernte ich meinen Mann Giovanni (links) kennen. Da es im Wohnheim kein warmes Wasser gab, ging ich oft in ihre WG zum Duschen. Foto: Julia Lucia

    Kommen wir wieder zu meinem Mann und mir. Ohne ein Erasmus-Semester im süditalienischen Lecce hätte ich ihn nie kennengelernt. Ok, ohne eine kaputte Heizung und kaltes Wasser im Studentenwohnheim – Winter in Südeuropa können sehr kalt und feucht sein – und einen polnischen Erasmus-Studenten, der mir eine Duschgelegenheit in Giovannis WG anbot, hätten wir uns nie getroffen, aber das ist eine andere Geschichte.

    Eine von 4,4 Millionen

    Seit dem Jahr 1987 gibt es das Erasmus-Programm der Europäischen Union. Es ist das weltweit größte Förderprogramm von Auslandsaufenthalten an Universitäten. Daran nehmen alle 28 Mitgliedsstaaten der EU sowie Norwegen, Island, Liechtenstein, die Schweiz und die Türkei teil. Bis zum 30-jährigen Bestehen wurden insgesamt rund 4,4 Millionen Studierende unterstützt, davon rund 650 000 aus Deutschland – und eine davon war ich.

    Schon nach dem Abitur zog es mich ins Ausland. Amerika, Australien oder Asien interessierten mich wenig. Italien sollte es sein. Auf der einen Seite, weil ich schon von Kindesbeinen an (fast) immer dort Urlaub gemacht hatte. Auf der anderen Seite weil es an meiner Schule ein Austauschprogramm gab, bei dem italienische Schüler einen Monat in deutschen Familien lebten. Der Kontakt zu meiner ersten Gastschwester, Elena, hielt, und so erlebte ich ein Jahr mit ihrer Familie in Cerano bei Novara (Norditalien).

    Jeden Tag fuhr ich mit dem Bus nach Novara in die Schule, um einen Sprachkurs zu machen. Wer hat's gezahlt: die EU. Ein Alphabetisierungsprogramm für Italiener nach dem Zweiten Weltkrieg war zu einem Sprachkurs für Ausländer umgewandelt worden. Nur an der Prüfung haben sie nichts geändert. Deswegen haben ich einen italienischen Grundschulabschluss – die Matheprüfung ohne Taschenrechner habe ich gerade so bestanden. Die Grenzkontrollen, die ich noch aus den Urlaubsfahrten meiner Kindheit kannte, gab es schon nicht mehr. Das lästige Geldwechseln allerdings schon noch. Auch Telefonate nach Hause waren eine teure Angelegenheit. So viel Briefe wie damals habe ich nie mehr geschrieben.

    Mutig nach Süditalien

    Zurück in Deutschland fing ich mit dem Journalistik-Studium an. Im beschaulichen Eichstätt brachten die Erasmus-Studenten einen Hauch Internationalität an die Altmühl. Mir war schnell klar: Das will ich auch. Doch wohin? Englischsprachiges Ausland? Italien sollte es wieder sein. Dieses Mal war ich aber ganz mutig: Ich ging in den tiefen Süden, nach Lecce in Apulien. Bei der Organisation half das Auslandsamt der Uni – kostenlos. Und auch der Aufenthalt wurde finanziell unterstützt – ein wichtiges Argument für meine Eltern. 

    Im November 2001 ging es los, mit dem Ratschlag meiner Eltern: "Dass du fei keinen Italiener mit heimbringst!" Tja, was soll ich sagen: Nicht immer halte ich mich an die Ratschläge meiner Eltern. Mein Mann übrigens auch nicht – also an die seiner Eltern. 

    Häufig wird den Erasmus-Studierenden vorgeworfen, dass sie nur Urlaub auf EU-Kosten machen. In meinem Fall haben die Kritiker ein bisschen recht, denn viele meiner Kurse wurden in Deutschland nicht anerkannt. Aber es gab auch viele Auslandsstudenten, die fleißig Prüfungen schrieben. Ich dagegen lernte fürs Leben und beschäftigte mich mit Land und Leuten. Nicht nur mit Italien und den Italienern, sondern auch mit vielen anderen Erasmus-Studenten, ihren Ländern, ihren Sitten und ihrem Essen. Crêpes, Tortilla oder Knäckebrot – immer gab es irgendwo einen kulinarischen Abend oder eine Länder-Party.

    Über eine Million Erasmus-Babys

    Und das alles für die berufliche Karriere, denn: Laut einer Pressemitteilung der Europäischen Kommission von 2014 verbessert "Erasmus nicht nur die Karriereaussichten, sondern bietet den Studierenden auch eine Erweiterung ihres Horizonts und soziale Vernetzung". Bei ehemaligen Erasmus-Studierenden ist zudem die Wahrscheinlichkeit höher, dass auch ihre privaten Beziehungen international geprägt sind: 33 Prozent aus dieser Gruppe haben eine Partnerin oder einen Partner mit einer anderen Staatsangehörigkeit – gegenüber 13 Prozent bei denjenigen ohne Auslandsaufenthalt. 27 Prozent der Erasmus-Studierenden haben ihren langfristigen Partner während des Erasmus-Aufenthalts kennengelernt. Auf dieser Grundlage schätzt die Kommission, dass seit 1987 rund eine Million Kinder aus Erasmus-Partnerschaften hervorgegangen sind.

    Und wieder bin ich dabei. Seit Ende 2004 lebt Giovanni in Deutschland. Seit 2008 sind wir verheiratet. Unter den rund eine Million Erasmus-Babys sind zwei kleine Mädchen, für die es selbstverständlich ist, Verwandtschaft in Italien zu haben, Besuch aus Polen oder Frankreich zu bekommen und in Frieden zu leben – denn das ist für mich die größte Errungenschaft eines gemeinsamen Europas.   

    Vor der Europawahl am 26. Mai beleuchtet die Redaktion in einer Serie von Artikeln, wie sich die EU auf den Landkreis Kitzingen auswirkt und welche Bedeutung sie für die Menschen hier hat.

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