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    Kitzingen

    Mildes Urteil: Sohn vergewaltigte seine Adoptivmutter

    Mitte der 1990er Jahre hatte ein Ehepaar aus dem Landkreis Kitzingen einen Jungen im Alter von zwei Jahren aus einem russischen Kinderheim adoptiert. Nun musste sich der 24-Jährige wegen Vergewaltigung seiner Pflegemutter und gefährlicher Körperverletzung vor dem Kitzinger Amtsgericht verantworten. Er erhielt eine Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung. Das Gefängnis bleibt ihm damit zumindest vorerst erspart. Eine ganze Reihe von Auflagen sollen dabei helfen, dass er sein Leben in den Griff bekommt. Dazu gehört auch eine Unterbringung in einer betreuten therapeutischen Wohngemeinschaft. Bei dem milden Urteil kam ihm zugute, dass ihn das Gericht als nur vermindert schuldfähig einstufte.

    Aggressionen des Angeklagten steigerten sich

    Sowohl die heute 61-jährige Adoptivmutter, die längere Zeit als Familienpflegerin gearbeitet hat, als auch ihr gleichaltriger Ehemann verweigerten ihre Aussage. Der Sohn wirkte während der Verhandlung ruhig und gefasst. Dennoch ergab sich im Lauf der Verhandlung ein besorgniserregendes Bild des jungen Mannes: "Unsere Familie hat Angst, wir haben nicht gewusst, was wir machen sollen", berichtete als Zeuge der Nachbar. Das aggressive Verhalten des Angeklagten habe sich in den vergangenen Monaten zunehmend gesteigert. Er berichtete von Drohungen, das Haus der Familie abzubrennen, und Schlägen mit dem Beil auf einen Anhänger.

    Angeklagt war jedoch nur ein Vorfall im April dieses Jahres, als der junge Mann beim Holzmachen im Wald unaufgefordert zu den beiden Familien hinzustieß, dem Zeugen nach einem Streit einen Holzprügel an die Knie schleuderte und verletzte. Kurz vorher hatte er in einem Beschluss untersagt bekommen, sich dem Haus seiner Eltern zu nähern und Kontakt mit der Adoptivmutter aufzunehmen: Im Januar hatte er in alkoholisiertem Zustand die Mutter im Badezimmer abgepasst, sie mit Gewalt an die Wand gedrückt und mit dem Finger vergewaltigt. Bei einem weiteren Vorfall soll er nach einem weiteren Streit die Mutter angegriffen haben. Anschließend soll er ein neugeborenes Schaf so durch die Luft geschleudert haben, dass ihm das Genick brach, und danach noch mit dem Messer auf das Tier eingestochen haben.

    Gutachter erkennt keine sexuellen Motive

    Für die "massiven Störungen im emotional-sozialen Verhalten" machen ein Bericht der Jugendhilfe als auch ein Gutachten des Psychiaters Martin Flesch einen frühkindlichen Hirnschaden und mangelnde emotionale Zuwendung verantwortlich. Hinzu komme eine "leicht verminderte Intelligenz" und eine Lernbehinderung. Der Gutachter konnte bei der Vergewaltigung der Mutter keine sexuellen Motive erkennen. Vielmehr sei dies ein Ausdruck einer Vielzahl von "Versagenserlebnissen" und von "Wut- und Frustrationsgefühlen", mit denen er wegen seiner Minderbegabung nicht umgehen könne. Erst mit acht Jahren war er in einer Förderschule eingeschult worden. Später wird er wiederholt Opfer von Mobbing und sexuellem Missbrauch durch andere Jugendliche.

    Für Richterin Helga Müller war die Urteilsfindung denn auch eine Gratwanderung: Auf der einen Seite stand ein junger Mann, der vermutlich einer Gefängnisstrafe nicht gewachsen wäre, auf der anderen Seite jedoch dessen zunehmende Enthemmung und Steigerung der Aggressivität gegen andere, aber auch gegen sich selber. "Was soll noch passieren?", stellte sie denn auch als Frage in den Raum.

    Angeklagter verzichtet auf sein letztes Wort

    Das Urteil des Schöffengerichts versucht dennoch, dem 24-Jährigen eine Brücke in ein geregeltes Leben zu bauen. Zeitweise entstand jedoch der Eindruck, dass dieser den vollen Umfang seiner Taten weiterhin nicht einzuordnen vermag. Vor Gericht verzichtete er auf sein letztes Wort. Zu einer Entschuldigung bei seinen Eltern kam es zumindest während der Verhandlung nicht.

    Anmerkung: Eine frühere Version dieses Artikels hat die Angabe enthalten, dass der Gutachter Martin Flesch ein Psychologe ist. Die korrekte Berufsbezeichnung ist Psychiater. Der Fehler, den wir bedauern, wurde verbessert.

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