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    Kitzingen

    Notwohngebiet: Obdachlose dürfen bleiben, Familien und Mieter nicht

    Im Schweinsgalopp entschied der Kitzinger Stadtrat über die Zukunft des Notwohngebiets. Fachleute und AG Soziale Stadt hatten Vorschläge, doch die Mehrheit entschied anders.
    Das Notwohngebiet in der Kitzinger Siedlung soll bis auf eine Obdachlosenunterkunft aufgelöst werden. Für Familien und langjährige Mieter sucht die Stadt andernorts nach Wohnungen. 
    Das Notwohngebiet in der Kitzinger Siedlung soll bis auf eine Obdachlosenunterkunft aufgelöst werden. Für Familien und langjährige Mieter sucht die Stadt andernorts nach Wohnungen.  Foto: Die Grünen (Archiv)

    Auf 95 Seiten beschäftigt sich ein Konzept mit der Zukunft des Notwohngebiets in der Kitzinger Siedlung. Der Stadtrat hatte dafür eigens das Fach-Büro Planwerk (Nürnberg) eingeschaltet, weil man in jahrelanger Vorarbeit nicht zu einer Entscheidung gekommen war. Doch am Ende folgte die Ratsmehrheit nicht dem Vorschlag der Fachleute, obwohl auch die AG Soziale Stadt sich dem angeschlossen hatte. 

    Schließlich war wohl die Frage entscheidend: wohin mit den Obdachlosen? Sowohl Oberbürgermeister Siegfried Müller als auch die Ratsmehrheit drückten sich davor, für Wohnungslose einen anderen Standort in der Stadt Kitzingen zu suchen. Warum? – Weil man mit Widerstand derjenigen Bevölkerungsteile rechnet, in deren Nähe ein neues Obdachlosenheim entstehen würde. OB Müller und Manfred Marstaller (beide UsW) sowie Stefan Güntner (CSU) fragten sinngemäß: "Was sagt die Nachbarschaft?"

    Obdachlose andernorts nicht zumutbar?

    Also schlug OB Müller dem Stadtrat vor, die Obdachlosen am Standort Egerländer Straße in der Siedlung zu belassen und stattdessen alle Familien und alle alleinstehenden langjährigen Mieter zu verlagern. Das könnte zum Beispiel funktionieren, wenn Letztere in leer stehende Wohnblocks in den Marshall Heights umziehen würden. Kontakte zum Besitzer, dem Immobilieninvestor Georg Wittmann, gibt es bereits. Während finanziell schwache Familien und Alleinstehende dort zumutbar erscheinen, sind es die Obdachlosen wohl nicht. 

    Also erschien es der Ratsmehrheit die einfachste Lösung, gegen die kein Widerstand zu erwarten ist, Obdachlose dort zu lassen, wo sie sind, an einem Standort, der sowieso schon in Verruf geraten ist. Das hat in der Sitzung niemand so gesagt, ließ sich aber zwischen den Zeilen lesen. Müller betonte, dass man dort für Obdachlose "einfache Lösungen" suchen werde; schließlich sollen sie nur drei bis sechs Monate bleiben. Und auch Marstaller will "keine Wohlfühlgesellschaft" schaffen.

    Notwohngebiet zum Baugebiet entwickeln

    Bianca Tröge, im Stadtrat die Referentin für die Soziale Stadt, hatte dafür geworben, das Notwohngebiet komplett aufzulösen und an anderer Stelle neue Unterkünfte zu schaffen. Auch in diesem Fall hätten Obdachlose von den Familien getrennt werden sollen. Der Vorteil dieser Variante, den auch die Fachleute als "empfehlenswert" einstuften: Man könnte das gesamte Notwohngebiet neu entwickeln – als kleines Baugebiet oder als Gelände für sozialen Wohnungsbau.

    Da diese Variante bei OB Müller aber wenig Sympathie genoss, ließ er zwar Gunter Schramm, einen von zwei angereisten Planwerk-Fachleuten, zu Wort kommen, räumte ihm aber nur zwei Minuten ein. "Für 95 Seiten Konzept?", fragte Schramm eher rhetorisch zurück. Er beschränkte sich dann darauf zu erklären, dass die Entmischung der Bewohnergruppen im Notwohngebiet wichtig sei und dass der Umzug aller Gruppen in voneinander getrennte Bereiche das bisherige Gebiet aufwerten würde.

    "Eine der schönsten Wohnecken von Kitzingen"

    Schramm glaubt gar, dass das Notwohngebiet dann "eine der schönsten Wohnecken von Kitzingen" werden könnte. In der kurzen Redezeit hob er hervor, dass man die Obdachlosen nicht dort belassen könne. Wegen ihrer Anzahl und der schwierigen Klientel wäre "ein städtebaulicher Neuanfang des Standorts ausgeschlossen". Schramm hielt es nicht für ausgeschlossen, Obdachlose in Misch- oder Gewerbegebieten unterzubringen, wie das in anderen Städten schon geschehen sei.

    Mit seinen Argumenten drang er nicht durch. Die Abstimmung endete schließlich knapp: 16 Mitglieder des Rats hoben für OB Müllers Vorschlag die Hand, 13 waren dagegen. 

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