• aktualisiert:

    WÜRZBURG / KITZINGEN

    Wenn ältere Herren Rocker spielen

    Justitia (Symbolfoto). Foto: dpa

    Eine wuchtige Anklage löst sich weitgehend in Wohlgefallen auf, ein zertrümmerter Ellbogen bleibt ungesühnt und ein Versicherungsmakler versteht die Welt nicht mehr. Manchmal gehen Gerichtsverfahren anders aus, als man anfangs denkt.

    Die beiden Männer auf der Anklagebank sehen aus, wie man sich Rocker vorstellt: Lange Haare, lange Bärte, stabile Figuren. Wenn dann auch noch in der Anklage von schwerem Raub und Körperverletzung die Rede, entsteht im Kopf ein böses Bild. In diesem Fall ist es falsch.

    Die Angeklagten sind Vater und Sohn. Der 51-jährige Vater, seit über 20 Jahren Hausmann, war früher Mitglied in einem Motorradclub. Seit der Geburt des Sohnes fährt er nur noch Auto. Der Sohn ist jetzt 26 Jahre alt, hat mit Motorrädern nichts am Hut und auch keinen entsprechenden Führerschein.

    Am 24. September 2016 soll der Vater im Landkreis Kitzingen mit einer Metallstange auf einen Versicherungsmakler losgegangen sein, der Sohn soll die Begleiter dieses Mannes in Schach gehalten und auch mal hingelangt haben. Dann, so die Anklage, hätten Vater und Sohn den Männern ihre „Kutten“, also die Westen mit dem Vereinsemblem, geraubt.

    Der 51-Jährige erzählt dem Gericht er, dass er sich 1991 „aus dem aktiven Rockerleben“ zurückgezogen habe und zum sorgenden Hausmann mit Frau, drei Kindern und Eigenheim geworden sei. Das Vereinsleben seines Clubs ruhe, man treffe sich höchstens mal zum Grillen.

    Den Mann, den er im Herbst 2016 verprügelt hat, habe er persönlich gar nicht gekannt, sagt der Angeklagte. Aber über Facebook habe er mitbekommen, dass der Versicherungsmakler „mit dem brach liegenden Vereinsemblem“ neue Mitglieder für den alten Club rekrutiere. „Und das“, da besteht der Ex-Rocker drauf, „bedarf der Zustimmung“. Diesen Umstand habe er dem 57-Jährigen mitgeteilt, sei daraufhin bedroht worden und der Versicherungsmakler habe ihm einen Besuch angekündigt. Dazu kam es am 24. September 2016 .

    „Wenn die drei gegangen wären, als ich sie wegschickte, wäre nichts passiert.“
    51-jähriger Angeklagter

    Obwohl mit dem Auto unterwegs, erschienen der bullige Versicherungsmakler und zwei weitere Herren in ihren Kutten auf dem Grundstück des 51-Jährigen. Nach dem unerfreulichen Facebook-Chat habe er sich und seine Familie „in Gefahr gesehen“, sagt der Angeklagte.

    Weil die Männer trotz Aufforderung das Grundstück nicht verlassen hätten, habe er „einen Gewaltexzess befürchtet“ – und eine Aluminiumstange geholt.

    Das Trio sei ihm gefolgt, es habe ein Handgemenge mit dem Versicherungsmakler gegeben, man habe sich geprügelt und die Stange sei zum Einsatz gekommen. Am Ende hätten er und sein Sohn den Männern die Kutten weggenommen. Und zwar deshalb, weil sie die Eindringlinge identifizieren wollten, was anhand der Bestickung möglich sei. Zwei Westen seien über einen Mittelsmann zurückgegeben worden. Die des 57-Jährigen habe dieser aber nicht angenommen. „Wenn die drei gegangen wären, als ich sie wegschickte, wäre nichts passiert“, sagt der 51-Jährige. Dann entschuldigt er sich.

    Der Sohn erklärt, dass er von den Querelen im Vorfeld nichts gewusst habe. Zu der Prügelei sei er gekommen, als sie im Gange war. „Ich wollte meinen Vater schützen“, sagt er, „ich habe überreagiert und das tut mir leid“.

    Der Versicherungsmakler, dessen linker Ellenbogen bei der Schlägerei zertrümmert wurde, beharrt darauf, dass er und seine Begleiter in „friedlicher Absicht“ gekommen seien. „Wir wollten nur reden.“ Dass der 51-Jährige kein Interesse an einem Gespräch hatte, störte ihn nicht. Wohl aber, dass er „mit einem Baseballschläger“ verhauen wurde.

    Dem Gericht liegen Zeugenaussagen zu Äußerungen des 57-Jährigen im Vorfeld der Prügelei vor, die Zweifel an der „Friedensmission“ aufkommen lassen. Auch während der Facebook-Konversation soll der 57-Jährige mit Drohungen nicht gespart haben. Vor Gericht wiegelt der Versicherungsmakler ab: „Das sind doch alles nur Floskeln.“

    Die Kammer glaubt ihm nicht. Es sei gut möglich, dass der 57-Jährige die Prügelei provoziert habe, sagt der Vorsitzende. Der Vater habe sich in einer „gewissen Notstandssituation“ befunden, und dass den Männern ihre Kutten „zu Zwecken der Identifizierung“ weg genommen wurden, sei „nicht widerlegbar“.

    Was den Sohn angeht, so könne sich ihm die Prügelei durchaus „als Nothilfesituation“ dargestellt haben.

    Das Ende: Die Verfahren gegen Vater und Sohn werden eingestellt, und der Versicherungsmakler versteht die Welt nicht mehr. Fünf Monate habe er wegen seiner Verletzung nicht arbeiten können, hatte er in seiner Vernehmung gesagt. Und das habe ihn „20 000 bis 25 000 Euro gekostet“.

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!