• aktualisiert:

    Dettelbach

    Tödlicher Unfall: Verursacher blieb 36 Stunden verschwunden

    Strafrecht
    Foto: dpa

    Weil er für einen Frontalzusammenstoß verantwortlich ist, bei dem eine zweifache Mutter ihr Leben verlor, wurde am Kitzinger Amtsgericht ein 30-Jähriger zu einer Geldstrafe von 9000 Euro (180 Tagessätze zu je 50 Euro) verurteilt. Der Fall hatte im September 2017 auch deshalb für Schlagzeilen gesorgt, weil der Unfallverursacher zunächst 36 Stunden verschwunden war.

    Es war kurz vor 6 Uhr, der Schichtarbeiter hatte an diesem Sonntagmorgen gerade seine Arbeit beendet, als er den Knall hörte. Bis zu der Staatsstraße, auf der trotz des dichten Nebels ein Warnblinker zu sehen ist, sind es von der Firma in dem Dettelbacher Industriegebiet nur ein paar 100 Meter. Mit einem Kollegen fährt der Mann sofort zu dem Unfallort. Keine fünf Minuten nach dem Knall sind die Männer vor Ort.

    Ihnen bietet sich ein schreckliches Bild: Auf der ehemaligen B 22 sind zwei Autos frontal gegeneinander geknallt. Für die Frau, die in einem Mitsubishi in Richtung Dettelbach auf dem Weg zur Arbeit war, kommt jede Hilfe zu spät. Von dem Fahrer eines Mercedes-Cabrios, der aus Würzburg kommend nach Hause wollte, fehlt jede Spur. Sein Handy liegt im Auto, die Jacke ein paar Meter entfernt.

    Suchhunde verlieren Spur

    In den folgenden Stunden beginnt eine groß angelegte Suche: Mehrere Suchhunde nehmen die Fährte auf, doch die Spur verliert sich jeweils an einem Campingplatz am Main. Ein Hubschrauber kommt, nachdem sich der Nebel verzogen hat, ohne Ergebnis zum Einsatz. Auch Suchaufrufe in den Medien laufen zunächst ins Leere. Der Cabriofahrer schien sich in Luft aufgelöst zu haben.

    Daran ändert sich auch am Montag zunächst nichts. Erst kurz nach 16 Uhr fällt einer Frau etwa zwölf Kilometer entfernt vom Unfallort ein Mann auf, der seltsam wirkt. Er läuft mit freiem Oberkörper umher, um sich schließlich ins Gras zu legen. Die inzwischen alarmierte Polizei weiß schnell, wer da – ziemlich verdreckt und mit Verletzungen an den Beinen - im Gras liegt: der scheinbar orientierungslose Unfallfahrer.

    Seither dreht sich alles um eine Frage: Was ist da eigentlich passiert? Wo hat der Mann 36 Stunden gesteckt? Ist er vom Unfallort geflüchtet? Oder stimmt das, was der Todesfahrer selbst erzählt: Dass er kaum Erinnerungen hat. Dass da bei der Karambolage ein großer Flash war. Gefolgt von einer eineinhalbtägigen Amnesie. Mit einer Übernachtung im Wald. Mit viel Umhergeirre. Bis schließlich die aufmerksame Zeugin die Polizei rief.

    Auf Gegenfahrbahn geraten

    Die Vorgeschichte ist schnell ermittelt: Der 30-jährige Student war nach einem Festival-Besuch in Gemünden nach Mitternacht wieder in Würzburg eingetroffen, saß dann noch mit Freunden zusammen und machte sich kurz nach 5 Uhr auf den Heimweg. Er will keinen Alkohol getrunken und auch keine Rauschmittel genommen haben.

    Wie der Unfall genau geschah, rekonstruierte ein Sachverständiger: Das Cabrio geriet auf die Gegenfahrbahn, als beide Wagen gerade noch 50 Meter entfernt waren. Beide Fahrzeuge waren mit um die 100 Stundenkilometer unterwegs. Nicht einmal eine Sekunde später knallte es. Um noch reagieren und Schlimmeres verhindern zu können, hätte es aber mindestens 1,2 Sekunden gebraucht.

    Verteidiger Christian Mulzer spricht bei der Verhandlung am Kitzinger Amtsgericht von einem „Fahrfehler“ und davon, dass sein nicht vorbestrafter Mandant seit jenem verhängnisvollem Morgen in kein Auto mehr gestiegen sei. Er habe bis zum heutigen Tag damit zu kämpfen, für den Tod der zweifachen Mutter verantwortlich zu sein. Es sei für alle Beteiligten "eine Tragödie". Aber: Es gab aus seiner Sicht keine Unfallflucht.

    Die Familie der Getöteten, die gleich vierfach als Nebenkläger auftritt, will das so nicht hinnehmen. Es gebe zu viele Ungereimtheiten: An eine Nacht im Wald glaubt keiner so recht, auch nicht an eine 36 Stunden währende Amnesie. Vielmehr habe sich der Angeklagte so lange versteckt, so die Vermutung, bis ihm nichts mehr nachgewiesen werden konnte. Ob er zum Unfallzeitpunkt unter Drogen oder Alkohol stand oder unter Schlafmangel litt – das alles ließ sich nach 36 Stunden nicht mehr feststellen.

    Die Theorie der Angehörigen 

    Weshalb er an dem kalten Morgen mit offenem Verdeck unterwegs war? Auch das erscheint reichlich ungewöhnlich. Warum die Spuren an einem Campingplatz enden? Darauf kann sich keiner einen Reim machen. Es nährt allerdings die Theorie, dass den Unfallverursacher zwischendurch jemand mit dem Auto abgeholt haben könnte. Auch will der Student nicht den Namen der Freunde nennen, mit denen er die Stunden davor in Würzburg verbracht hatte. Die Familienangehörigen sind sich sicher: Das kann nur Unfallflucht gewesen sein.

    Fest steht, dass der Unfallverursacher, der sich in der Verhandlung noch einmal bei den Hinterbliebenen entschuldigte, in der Nacht nach dem Unfall einen Joint rauchte. Weiter zurückreichende Nachweise gibt es nicht. Joints, auch das eine weitere Besonderheit in diesem Fall, hat er regelmäßig konsumiert: Nach einer Krebserkrankung im Jahr 2015 half das dem Studenten gegen die Schmerzen. Zunächst illegal, ist dieser Schmerzbetäuber inzwischen ärztlich verschrieben.

    "Ohne sich um das Opfer zu kümmern"

    In ihren Plädoyers blieben die vier Anwälte der Nebenkläger bei ihrer Meinung, dass neben der fahrlässigen Tötung auch „eine zielgerichtete Flucht, ohne sich um das Opfer zu kümmern“, im Spiel war, was mit Bewährungsstrafen zu ahnden sei. Oberstaatsanwalt Thorsten Seebach sah das anders: Es gebe jede Menge Mutmaßungen und wenige Tatsachen. 140 Tagessätze zu je 50 Euro seien angemessen.

    Das Gericht schloss sich dieser Sichtweise an, ging aber mit der Geldstrafe auf 180 Tagessätze hoch und verhängte zudem ein viermonatiges Fahrverbot. Man könne „nur zugrunde legen, was man weiß“, so Strafrichterin Patricia Finkenberger. In die Verfassung, in der der 30-Jährige gefunden wurde, „versetzt sich keiner freiwillig“, befand das Gericht in seiner Begründung. Das Urteil ist rechtskräftig.

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (6)

      Kommentar Verfassen

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!