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    LANDKREIS KT / WÜRZBURG

    Trockenheit im Wald: Neue Pilze breiten sich aus

    Sie finden bei ihren Exkursionen immer etwas und meistens sogar Sehenswertes: Christoph Wamser hält einen Leberreischling in den Händen, Rene Klein einen Glänzenden Lackporling. Fotos: Ralf Dieter Foto: Ralf Dieter

    Dieses Waldgebiet kennen sie noch nicht. Langsam tasten sich René Emil Klein und Christoph Wamser voran. Immer tiefer hinein geht es in den Forst. Immer wieder deuten die beiden auf den Boden. Was dort wächst, fasziniert sie seit ihren Kindheitstagen.

    Klein und Wamser sind Mitglieder der „Pilzfreunde Mainfranken“ und zwei von einer Handvoll Pilzsachverständiger im Raum Kitzingen/Würzburg. Mindestens dreimal die Woche sind sie in der Natur unterwegs. „Immer woanders“, sagt Klein. „Das ist total spannend.“

    Heute ist der Treffpunkt etwas außerhalb von Neusetz, einem Ortsteil von Dettelbach. Am Waldrand wachsen Ahornbäume. „Kein gutes Habitat“, sagt Wamser. „Ähnlich wie die Rosskastanie geht auch der Ahorn keine Symbiose mit Großpilzen ein.“ Ein Problem ist das nicht: Ein paar Meter weiter wachsen Eichen und Buchen. „Schon besser“, sagt Klein. Die ersten Funde lassen nicht lange auf sich warten.

    Der Regen der letzten Tage hat gut getan. Endlich sind wieder Pilze auf dem Waldboden zu erkennen. „Letztes Jahr gab es so gut wie nichts“, erinnert sich Klein. „Die komplette Morchelsaison ist ausgefallen.“ Der Klimawandel macht auch den fränkischen Pilzexperten Sorgen. Die extreme Trockenheit machte bereits einigen Arten den Garaus. „Dafür kommen immer mehr mediterrane Sorten wie der amerikanische Giftriesenschirmling, der für 15 Prozent aller Pilzvergiftungen verantwortlich ist, oder der Falsche Wiesenchampignon zu uns“, erklärt Wamser. Nur schade, dass die meisten von ihnen sehr klein und eher ungenießbar sind.

    Etwa 16.000 Pilzarten gibt es in Deutschland, in Mainfranken sind über 5000 nachgewiesen. „Immer wieder gibt es neue Funde“, freut sich Wamser und sucht den Boden mit seinen Blicken ab. Einen „Leberreischling“ hat er schon in seinen Korb gelegt. „Das Steak des armen Mannes“, sagt er und gibt sein Lieblingsrezept preis: In Scheiben schneiden und wie ein Schnitzel panieren. „Schmeckt super.“ Pilze sollten jedoch immer nur als Beilage und nicht als Hauptspeise gegessen werden, betont er. Nie zu viel auf einmal, sonst sind sie schwer verdaulich. „Und ordentlich durchgaren“, rät Klein.

    Seit neun Jahren laden Klein und Wamser Interessierte zu Pilzexkursionen ein. „Früher waren die Teilnehmer fast alle älter als 50“, erinnert sich Klein. Jetzt sind auch Familien dabei, Menschen zwischen 25 und 50. „Das Interesse an Pilzen ist gestiegen“, freut er sich. Das liegt einerseits an einem veränderten Ernährungsverhalten. Etliche Vegetarier und Veganer interessieren sich für die heimischen Speisepilze. Andererseits steigt ganz allgemein das Interesse an der Natur. Sehr zur Freude der beiden Pilzexperten. „Wer einen Bezug zur Natur gewonnen hat, der will sie in der Regel auch schützen“, erklärt Biologielehrer Klein.

    Das gestiegene Interesse birgt allerdings auch Gefahren. Wer „in die Pilze geht“, sollte sich auskennen. „Immer wieder vergiften sich Menschen“, bedauert Wamser, stellt aber auch klar: „Die meisten Vergiftungen sind auf einen falschen Transport zurückzuführen.“ Oft nehmen die Menschen auch zu alte oder zu junge Pilze mit. Einen absolut verlässlichen Trick gebe es nicht, um essbare und nicht essbare Pilze auseinanderzuhalten. „Man muss die Pilze lernen“, betont Wamser. Die Gattungen und ihr Habitat verstehen. Nur weil Tiere eine bestimmte Sorte essen, sei diese nicht gleich für den Menschen genießbar. „Diese Legende ist Unsinn“, betont Klein.

    Der richtige Transport ist leicht zu lernen: Pilze in einen Korb legen, damit möglichst viel Sauerstoff an sie herankommt. „Bloß nicht in eine Plastiktüte“, warnt Wamser. Ein Pilz ist schließlich ein Lebewesen. „Wenn die Pilze ersticken, beginnen sich die Eiweiße schneller zu zersetzen. Kurzum: Sie verwesen.“ Das Lebewesen Pilz sollte auch nicht einfach aus dem Erdreich gerupft werden. „Lieber hebeln und ein wenig drehen“, rät Klein. „Damit auch die nächste Generation nachwachsen kann.“

    Nach und nach füllt sich der Korb, obwohl Wamser und Klein die meisten Pilze stehen lassen. Dafür zeigen sie auf eine „Langstielige Holzkeule“, auf die bunten „Schmetterlingstrameten“ und den leuchtend roten „Glänzenden Lackporling“. „Der kommt auch am Amazonas vor“, sagt Klein und rät allen Sammlern, nicht nur den Hut des Pilzes anzuschauen, sondern auch den Stiel. „Beispielsweise beim Parasol sollte man die Finger davon lassen, wenn der Stiel beim Anschneiden rötet“, warnt Wamser. Auch die vielen Bestimmungs-Apps, die wie Pilze aus dem Handy wachsen, seien mit Vorsicht zu genießen. „Eine vernünftige App kostet Geld“, betont er. Und selbst die beste App sei nur als Hilfsmittel zu benutzen.

    „Fast jeder Speisepilz, der bei uns wächst, hat einen ungenießbaren Doppelgänger“, warnt er. Beim Wiesenchampignon ist es beispielsweise der „Falsche Wiesenegerling“, der sich immer weiter ausbreitet. „Kann sein, dass er in drei bis vier Jahren überall zu finden sein wird“, sagt Klein. Schon jetzt hat sich der „Tintenfischpilz“ ausgebreitet, der ursprünglich aus Australien stammt. „Der ist hier vollkommen heimisch geworden“, sagt Klein und rümpft lächelnd die Nase. „Vorsicht, der riecht nach Stuhlgang.“

    An einem profunden Wissen, das immer wieder erneuert und erweitert werden sollte, geht für echte Pilzesammler kein Weg vorbei. Die Sachverständigen der Deutschen Gesellschaft für Mykologie und der bayerischen Mykologischen Gesellschaft bieten immer wieder Exkursionen an, beispielsweise im Irtenberger Forst zwischen Kist und Gerchsheim.

    Dort ist vor kurzem ein Pilzschutzgebiet ausgewiesen worden. „Einzigartig in Bayern“, freut sich Wamser. Rund ein Hektar Wald bleibt dort sich selbst überlassen. Zusammen mit den Mitarbeitern der Bayerischen Staatsforsten beobachten die Mitglieder der Pilzfreunde Mainfranken dort den ökologischen Kreislauf – und gehen der Frage nach, welche Pilzarten wohl am besten mit den veränderten Klimabedingungen in Mainfranken zurecht kommen.

    Kontakt: René Emíl Klein, Tel. 0I62 73 989 I9 oder Email: Pilzkurs-Emil@gmx.de; Christoph Wamser, Tel. 0I72 40 622 68 oder Email: Christoph.Wamser@googlemail.com. Informationen über den Verein gibt es unter www.pilzfreunde-mainfranken.de

    Bekannt als „das Steak des armen Mannes“: Der „Leberreischling“ beziehungsweise die „Ochsenzunge.“ Foto: Ralf Dieter
    Hübsch anzusehen: Schmetterlingstrameten. Foto: Ralf Dieter

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