• aktualisiert:

    Kitzingen

    Übung: Polizisten zwischen Bengalos und fliegenden Flaschen

    Eine Einsatzgruppe der Bereitschaftspolizei übte in Kitzingen, wie man mit Störern bei Demonstrationen umgeht. Foto: Silvia Gralla

    Auf den ersten Blick wirkt die Szenerie verblüffend echt. Die Demonstranten sind vermummt, tragen schwarze Kapuzen. Sie halten Schilder, auf denen Sätze wie "Wir sind das Volk" stehen. Sie grölen Parolen, die man aus dem rechten Spektrum kennt. An der Straßenecke tauchen plötzlich Störer auf. Sie provozieren die Demonstranten. Geschrei geht los. Die Polizei greift ein.

    Was sich am Donnerstagnachmittag auf dem Gelände der ehemaligen US-Kaserne Marshall Heights in Kitzingen abspielt, ist zwar nur eine Übung, soll die Polizisten aber genau darauf vorbereiten: Was passiert, wenn zwei Demonstrationsgruppen aufeinandertreffen?

    Der Einsatzleiter beklagt die zunehmende Gewalt

    Circa 150 Polizisten der Bereitschaftspolizei spielen genau das nach: Sie sollen bei einer genehmigten Demo die Versammlungsfreiheit durchsetzen. Sie sollen verhindern, dass der rechte Zug von der Straße abkommt, sich auf die Provokationen der Gegner einlässt und die Situation eskaliert. Damit Sicherheit und Ordnung gewährleistet sind.

    Uwe Witt ist der Leiter des Einsatztrainings der Bereitschaftspolizei. Foto: Silvia Gralla

    Trainiert werden sie von Uwe Witt. Der 55-Jährige ist nicht zum ersten Mal dabei, sondern probt bereits seit sechs Jahren nebenamtlich mit den jungen Kollegen für den Ernstfall. Mehrmals im Jahr finden solche Trainings statt. Und jeder Angehörige der Bereitschaftspolizei muss ran. "Grundsätzlich muss jeder Beamte der geschlossenen Einheit in der Lage sein, diese Einsatzszenarien zu bewältigen", sagt Witt. 

    Das gehört für die Beamten zum täglich Brot. "Es ist egal, ob es um Demonstrationen oder Fußballspiele geht", erklärt Witt und fügt hinzu: "Nach 70 Jahren Frieden sehnt sich der Mensch scheinbar immer wieder danach, sich zu schlagen."

    Einen Grund dafür kann er nicht nennen. "Wir müssen es halt verhindern", sagt der 55-Jährige. Die als Demonstranten agierenden Polizisten dürfen nichts tun, was nicht vorher einstudiert wurde. Doch: "Verbal habe ich ihnen alles freigegeben", sagt der Trainingsleiter.

    "Lügenpresse, Lügenpresse" rufen die Demonstranten auf ihrem Streifzug. Doch immer wieder werden sie unterbrochen: Hinter den leerstehenden Häusern kommen Personengruppen aus dem linken Spektrum hervor, provozieren die Demonstranten, werfen Gegenstände. Bunter Rauch steigt auf. Hektik bricht aus, die Einsatzkräfte laufen hin und lösen die Gruppe der Störer auf – zumindest für einen kurzen Augenblick.

    Wie genau die Übung verläuft, könne man im Voraus nicht sagen, so Witt. "Das entwickelt manchmal eine Eigendynamik", sagt er. Aber das soll auch so sein. "Sperrgitter aufstellen, sich hinstellen und warten, bis drei Stunden rum sind, braucht man nicht zu üben." 

    Niemand weiß einen Königsweg

    Während Demonstrationen immer auf dem Plan stehen, passt Witt die sonstigen Übungsmodule dem aktuellen Weltgeschehen an. Hinzu kommt, dass die Gewaltbereitschaft offenbar größer wird. "Der Respekt hat grundsätzlich untereinander nachgelassen und uns gegenüber auch – und zwar erheblich", sagt er. 

    "Sperrgitter aufstellen, sich hinstellen und warten, bis drei Stunden rum sind, braucht man nicht zu üben."
    Uwe Witt, Trainingsleiter
    Übungsszenario: Immer wieder tauchen Störer auf, die Gegenstände werfen. Die Polizisten greifen ein. Foto: Silvia Gralla

    Die Rollen der Statisten aus Reihen der Polizei wechseln durch. Nur diejenigen, die die Demo im Zaum halten sollen, bleiben gleich. Über mehrere Stunden geht eine Übung. Ein Dokumentationsteam filmt mit. Am Ende gibt es eine Nachbesprechung. Doch: "Niemand von uns weiß Königslösungen", erklärt Witt. "Viele Wege führen nach Rom – auch Autobahnen und Feldwege." Man könne immer nur Tipps geben und dürfe sich nicht auf etwas versteifen. "Wenn man etwas bei unserem Bereich nicht planen kann, dann, wie es abläuft."

    Kein Einsatz von Waffen

    Waffen setzen die Beamten bei ihrem Training nicht ein. "Allerhöchstens einen Schlagstock – als Abtrennhilfe. Wir haben Übungsmaterialien", sagt Witt: Tennisbälle, Holzklötze mit abgerundeten Ecken, Pyro-Gegenstände oder weiche, mit etwas Wasser gefüllte PET-Flaschen. "Damit sich die Kollegen nicht verletzen." Im realen Leben sieht das oft anders aus, erinnert sich der erfahrene Trainingsleiter: "Ich habe auch schon Verkehrsschilder auf mich zufliegen sehen."

    Fotos

      Kommentare (0)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!