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    Kitzingen

    Vortrag in Kitzingen: Schluss mit der Ökomoral

    Michael Kopatz ist Umweltwissenschaftler. Er sieht nicht einzelne Menschen in der Verantwortung, das Klima zu retten. Damit sich was tut, muss die Politik handeln.
    Auf die Straße für effektiven Klimaschutz – das fordert Umweltwissenschaftler Michael Kopatz. Als Beispiel nennt er die Fridays-For-Future-Bewegung. In Würzburg gibt es die Demos nun schon über ein Jahr. Foto: Daniel Peter

    Die Auswirkungen des Klimawandels sind fatal. Und das schon heute, wie etwa ein Blick auf die verheerende Buschbrände in Australien deutlich macht. Auch in Deutschland leidet der Wald bereits unter der langanhaltenden Dürre im Sommer. Dass sich was ändern muss, ist den meisten Menschen bewusst. Das zeigt auch der vollbesetzte Saal in der Alten Synagoge. Warum sich aber trotzdem nichts tut, darum geht es in dem Vortrag der Volkshochschule, zu dem die Kitzinger heute gekommen sind.

    Michael Kopatz spricht über sein neustes Buch "Schluss mit Ökomoral". Er ist Sozial- und Umweltwissenschaftler am Wuppertal-Institut. Und selbst unter seinen Kollegen beobachtet Kopatz, wie sie an konsequentem Klimaschutz im Privaten scheitern. "Wenn es selbst die, die es unbedingt wollen, nicht schaffen", meint er, "wie soll es dann die breite Bevölkerung?"

    Umweltschutz: Schluss mit moralisierenden Vorwürfen

    Die Widersprüche, in denen wir leben, seien offensichtlich. Veganer werden kritisiert, wenn sie Lederschuhe tragen. Umweltaktivisten wirft man vor, dass sie auch in den Urlaub fliegen. Und wer fliegt, der verteufelt Kreuzfahrer. "Ökomoral" nennt Kopatz den moralisierenden Umgang mit diesen Widersprüchen, die derzeit den Diskurs um Klimaschutz bestimmen.

    "Schluss mit Ökomoral" fordert Umweltwissenschaftler Michael Kopatz. In der Kitzinger Alten Synagoge hielt er einen Vortrag zum Thema Klimaschutz. Foto: Lukas Kutschera

    Daher meint der Umweltwissenschaftler in seinem Vortrag: "Ich glaube nicht mehr, dass wir die Leute mit Bildungsarbeit oder gutem Vorbild dazu bringen können, ihr Verhalten zu ändern." Stattdessen fordert er ein Ende der Ökomoral und einen Wandel der politischen Verhältnisse.

    Mit politischen Standards gegen den Klimawandel

    Was meint Kopatz damit? "Wenn wir die Rahmenbedingungen ändern, ändert sich das Verhalten von alleine", erklärt er. "Das ist keine ferne Utopie, sondern gelebte Praxis." Sein Beispiel: Durch die Erhöhung der Tabaksteuer und Aufklärungskampagnen hat sich das gesellschaftliche Bild von Rauchen über wenige Jahre komplett geändert.

    Bezogen auf Klimaschutz, nennt er das Konzept "Ökoroutine". Eine Maßnahme dazu sei das Schaffen von Standards, etwa in der Agrarindustrie oder im Wärmeschutz von Neubauten. "Es ist wie ein Wasserspiegel, der steigt und alle Boote anhebt", erklärt der Umweltwissenschaftler. Unternehmen würden so vermeiden, dass ihre Aktionäre wegen zurückgehender Renditen abspringen. Denn alle hätten die gleichen politischen Vorgaben.

    Tempo 30 kommt in Kitzingen gut an

    "Es geht aber nicht nur um Standards", sagt Kopatz in seinem Vortrag, "sondern auch um Limits". Wie lässt sich das umsetzten? "Zum Beispiel, indem die Regierung einfach nichts tut." Auf den Ausbau von umweltschädlicher Infrastruktur wie Flughäfen oder Straßen könnte sie einfach verzichten und das Geld in klimafreundliche Alternativen wie Fahrradwege oder das Bahnnetz stecken.

    Eine einfache Maßnahme sei auch ein Tempolimit von 30 Stundenkilometern in den Innenstädten. "Es würde sich anfühlen, als hätte sich der Verkehr halbiert", meint der Umweltwissenschaftler. In der Diskussionsrunde nach dem Vortrag kommt diese Maßnahme besonders gut an. Immerhin steht mit dem neuen Innenstadtkonzept ein solches Tempolimit gerade auch für die Kitzinger Altstadt im Raum.

    Wie die politischen Verhältnisse ändern?

    Die schlechte Nachricht: Ein Tempolimit sei aktuell aber nur in Sonderzonen möglich, und dann auch nur mit Genehmigung der Landesbehörde. In der Diskussion wird deutlich, dass viele Kitzinger mit den derzeitigen Maßnahmen der Politik frustriert sind. Wie können sie die Verhältnisse ändern?

    Kopatz hat eine klare Antwort: "Mischt Euch ein. Geht auf die Straßen. Seid Teil der kritischen Masse." Ohne Bewegungen wie Fridays-For-Future hätte es noch nicht mal ein "kleines Klimapäckchen" mit Maßnahmen gegeben. "Und auf den Demos merkt man auch, dass man nicht alleine ist," sagt er. "Das fühlt sich gut an."

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