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    Würzburg / Markt Einersheim

    Behinderung: Wie Eltern und Kinder in Corona-Zeiten leiden

    Eltern von Kindern mit Behinderungen fühlen sich in der Corona-Krise allein gelassen. Die Unterstützung ist komplett weggebrochen. Dabei brauchen gerade diese Familien Hilfe.
    Familien mit behinderten Kinder leiden in der Corona-Zeit besonders. Veronika Arcaya Montañez (links) bekommt Besuch von ihrer Freundin Helgard Hey mit ihrem Sohn Laurin. Seit Wochen sehen sie sich zum ersten Mal.
    Familien mit behinderten Kinder leiden in der Corona-Zeit besonders. Veronika Arcaya Montañez (links) bekommt Besuch von ihrer Freundin Helgard Hey mit ihrem Sohn Laurin. Seit Wochen sehen sie sich zum ersten Mal. Foto: Silvia Gralla

    Das Corona-Virus stellt das alltägliche Leben komplett auf den Kopf. Ein Kraftakt für alle, besonders für Familien und noch mehr für Familien, deren Kinder behindert sind. Auch Heilpädagogische Tagesstätten wurden am 16. März geschlossen. "Von heute auf morgen ist unser komplettes System zusammengebrochen", klagt die Würzburgerin Veronika Arcaya Montañez.

    Ihre schwerstbehinderte Tochter Paulina geht ins Zentrum für Körperbehinderte am Heuchelhof. Der Besuch gibt der 20-Jährigen die Struktur, die sie braucht, um sich sicher und geborgen zu fühlen. "Wir fühlen uns allein gelassen und vergessen. Das ist sozial unverträglich", schimpft Arcaya Montañez. Auch die offene Behindertenarbeit und der Familienentlastende Dienst fielen weg. Plötzlich war die berufstätige Alleinerziehende auf sich allein gestellt. Ihre Arbeit, ein Mini-Job, kann sie im Homeoffice erledigen, wenigstens eine Erleichterung. Aber sich rund um die Uhr um Paulina zu kümmern, zerrt an den Nerven – von beiden. Paulina fing an, sich selbst zu verletzen. Nur mit Medikamenten konnte sie ruhig gestellt werden. 

    Keine gegenseitige Unterstützung möglich

    Helgard Hey aus Volkach (Lkr. Kitzingen) versteht ihre Freundin Veronika. Auch sie hat einen schwerstbehinderten Sohn. Früher ging Laurin und Paulina zusammen in die Schule. Hey und Arcaya Montañez treffen sich regelmäßig, um mit den Kindern etwas zu unternehmen. Doch mit den Corona-Regeln waren gemeinsame Aktionen und gegenseitige Unterstützung nicht mehr möglich. Für das Gespräch mit der Redaktion ist die Volkacherin ausnahmsweise nach Würzburg gefahren. Und Laurin ist seit langem wieder einmal glücklich: Autofahren, Menschen und viele Musikinstrumente, die ihm Arcaya Montañez zum Spielen gibt. Begeistert bläst Laurin in eine Plastiktrompete. "Alles was leuchtet und Geräusche macht, gefällt ihm", sagt seine Mutter und lächelt. 

    Paulina mit ihrer Mutter Veronika Arcaya Montañez. 
    Paulina mit ihrer Mutter Veronika Arcaya Montañez.  Foto: Veronika Arcaya Montañez,

    Der 17-Jährige geht ins Blindeninstitut. Auch er vermisst die Struktur, seine Therapiestunden und vor allem seine Mitschüler. "Laurin lebt von der Wahrnehmung und sozialen Kontakten", erklärt seine Mutter, eine alleinerziehende Grundschullehrerin. Da die Schulen geschlossen sind, ist sie daheim. Zum Glück, denn: "Ich kann Laurin keine fünf Minuten aus den Augen lassen. Es ist viel zu gefährlich." Es knackt, Laurin hat ein Stück von der Trompete abgebissen. 

    Seit acht Wochen die Tochter nicht mehr gesehen

    Seit 27. April wird Paulina wieder am Heuchelhof betreut, Laurin geht wieder in seine Klasse am Blindeninstitut. Die erweiterte Notbetreuung gilt auch Laurin und  Paulina. Sowohl Hey als auch Arcaya Montañez verstehen nicht, warum das so lange gedauert hat. Die Gruppen seien schon immer klein, und mit etwas Flexibilität und Organisation wäre eine Betreuung schon früher möglich gewesen. "Schutz kann doch nicht heißen, dass wir Menschen mit Behinderung komplett isolieren", sagen beide. "Zum Wohl der Kinder und zur Entlastung der Eltern, muss es eine Öffnung geben." Ein Restrisiko bleibe, aber die Mütter können damit leben – weil ihre Kinder endlich wieder glücklich sind. 

    Auf kreative und flexible Lösungen hofft auch Angelika Howard aus Markt Einersheim (Lkr. Kitzingen). Seit acht Wochen hat sie ihre Tochte Eva nicht gesehen. Sie lebt im Blindeninstitut und kommt eigentlich an zwei Wochenenden im Monat nach Hause. Einmal in der Woche besucht Howard ihre Tochter in Würzburg. Doch derzeit sind Heimbesuche nicht gestattet.

    "So lange war ich noch nie ohne mein Kind", sagt die 55-Jährige. Ende April hatte Eva Geburtstag. "Das war der traurigste Geburtstag seit 28 Jahren." Tränen stehen ihr in den Augen, als sie auf dem Handy ein Foto ihrer Tochter zeigt. Die Betreuer haben ihr zum Ehrentag einen Gänseblümchenkranz geflochten.

    Kein Wiedersehen am Geburtstag

    Auch den Erdbeerkuchen, den es immer an Evas Geburtstag gibt, haben die Pfleger gebacken. "Ich bin den Betreuern so dankbar", sagt Howard. Zu wissen, dass es Eva in ihrer Gruppe gut geht, hält sie aufrecht. Regelmäßig schicken die Betreuer Bilder von Eva, informieren die Mutter über den Zustand. Per Skype sehen sie sich, aber Eva kann nicht reden, kann sich nicht mitteilen. Die Folge: Anfälle häufen sich und ihre Mutter fragt sich, ob sie lieber nicht mehr anruft. "Ich vermisse sie so", sagt sie.

    Wie gerne würde sie nach Würzburg fahren und sich mit Eva treffen. "Draußen, mit Sicherheitsabstand, Handschuhen und Mundschutz", sagt Howard. Es müsse doch eine Möglichkeit geben. "Ich kann doch nicht warten, bis es einen Impfschutz gibt, um meine Tochter wiederzusehen."

    Angelika Howard hat seit acht Wochen ihre Tochter Eva nicht mehr gesehen, die im Würzburger Blindeninstitut lebt. Über Sykpe und das Handy halten sie Kontakt miteinander.
    Angelika Howard hat seit acht Wochen ihre Tochter Eva nicht mehr gesehen, die im Würzburger Blindeninstitut lebt. Über Sykpe und das Handy halten sie Kontakt miteinander. Foto: Julia Lucia
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