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    MAINSONDHEIM

    Golfplatz Mainsondheim: Biotop ohne Roboter

    Hier ist nicht nur „Betreten verboten“, sondern auch Mähen: In Absprache mit der Unteren Naturschutzbehörde wurden auf der 74-Hektar-Anlage des Golfclubs Schloss Mainsondheim viele Biotope ausgezeichnet. Fotos: Julia Volkamer
    Hier ist nicht nur „Betreten verboten“, sondern auch Mähen: In Absprache mit der Unteren Naturschutzbehörde wurden auf der 74-Hektar-Anlage des Golfclubs Schloss Mainsondheim viele Biotope ausgezeichnet. Fotos: Julia Volkamer Foto: Julia Volkamer

    Plötzlich raschelt es im hohen Gras. Uwe Hippelein geht sofort auf die Bremse des Karts und schaut zu, wie sich ein stattlicher Fasan aus dem Dickicht schält. Davon gibt es einige auf der Golfanlage in Mainsondheim, und der Greenkeeper scheint sie alle zu kennen. Er hat schon Igel gerettet und Ringelnattern gefilmt, Schmetterlingsraupen bestimmt und Kröten umgesetzt. Seine Hauptaufgabe ist es zwar, die Bahnen und Grüns zu pflegen. Der hiesigen Tierwelt ist er aber trotzdem noch nie zu nahe getreten, schon gar nicht mit seinen Mähmaschinen. Was man vom ein oder anderen Mähroboter in vielen Privatgärten nicht gerade behaupten kann.

    „Diese Mähroboter sind eine große Gefahr für bodenlebende Tiere wie zum Beispiel Igel“, sagt Ulrike Geise von der Kitzinger Kreisgruppe des Bund Naturschutz. „Igel rollen sich ein, wenn Gefahr droht. Und der Mähroboter rollt darüber.“ In den letzten Wochen wurden vermehrt schwer verletzte Igel in die Auffangstationen oder zu Tierärzten gebracht, die Gesichter zerschnitten, Extremitäten verstümmelt. Weil sie den Garten tagsüber nicht mit den Robotern teilen möchten, lassen ihn viele Gartenbesitzer in der Nacht fahren – dabei sind dann so viele nachtaktive Tiere unterwegs. Dazu gehören zum Beispiel auch Kröten, Echsen oder andere Amphibien, ebenso wie kleine Schlangen und Nattern. „Igel werden vielleicht noch in eine Auffangstation gebracht, wenn sie verletzt sind“, weiß Ulrike Geise. „Um einen verletzten Frosch wird sich aber kaum jemand kümmern.“

    Flora, Fauna und Golf auf 74 Hektar

    Uwe Hippelein ist da anders. Er freut sich über jedes Tierchen, das aus einem der vielen (Feucht-)Biotope auf dem Golfplatz klettert. „Überfahren hab' ich noch keinen“, ist er sicher. „Und auch kein anderes Kriechtier.“ Dabei beginnt die Arbeit des fünfköpfigen Greenkeeping-Teams in der Früh, wenn der nachtaktive Teil der Tierwelt zum Endspurt ansetzt und der tagaktive so langsam erwacht. Überhaupt scheinen auf der 74 Hektar großen Anlage des Golfclubs Flora, Fauna und Menschheit sehr harmonisch zusammenzuleben – meistens.

    Im Jahr 1988 gründete der Baron von Bechtolsheim den Mainsondheimer Golfclub, 1989 wurde Uwe Hippelein mit dem Anlegen der Bahnen betraut – sein Lebenswerk, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Als Landschafts- und Sportplatzbauer sowie gelernter Greenkeeper und großer Naturfreund war er prädestiniert für eine solche Aufgabe, die damals wie heute in enger Absprache mit der Unteren Naturschutzbehörde bewältigt werden muss. Schließlich wurden für die 30 Hektar Spielfläche auch entsprechende Ausgleichsflächen angelegt. „Es gibt Magerrasen und Fettwiesen, Hecken und Büsche, Streuobstwiesen und Nadelbäume sowie drei Hektar Seenfläche“, erklärt der Greenkeeper. Das alles entstand auf ehemaligen Zuckerrübenäckern – und stellt heute ein echtes Paradies für viele Tier- und Pflanzenarten dar.

    Mancher Golfsportler empfindet die naturbelassenen Bereiche des Platzes eher als störend – zumal viele als Biotope gekennzeichnet sind und damit nicht betreten werden dürfen. Walter Statz kann diese Sichtweise nicht nachvollziehen. Er ist ehrenamtlicher „Marshall“ in Mainsondheim und sorgt dafür, dass sich die Golfer an die Vorschriften halten. Und die besagen zum Beispiel, dass man einen verschlagenen Ball eben nicht wiederholen darf, wenn er in einem der Biotop-Flächen gelandet ist. Der ehemalige Imker muss diesbezüglich immer wieder ermahnen, hört aber auch viele positive Stimmen.„Neulich hat ein Golfer mit einem Lächeln im Gesicht erklärt, dass er hier seit langem einmal wieder eine Nachtigall hat singen hören. Es gibt also auch Mitglieder, die unsere Anlage gerade wegen der lebhaften Natur schätzen.“

    So können die Tiere auf dem Gelände des Golfclubs Schloss Mainsondheim ganz in Ruhe kreuchen und fleuchen – obwohl rund um ihre Lebensräume täglich gemäht und gestutzt wird: Über die Grüns muss der Rasenmäher täglich fahren, die Bahnen werden zwei und die Abschläge sowie die Flächen vor den Grüns drei Mal die Woche gemäht – alles von Menschenhand und mit Hilfe von Spezialmaschinen, aber ganz ohne Roboter. Die Wiesen selbst dürfen nur ein einziges Mal im Jahr gemäht werden, und das auch erst ab Juni. Kurz vorher durchsucht ein Jäger mit Hund das Dickicht nach jungen Wildtieren. „Wir achten hier wirklich sehr auf Tier- und Pflanzenschutz“, sagt Uwe Hippelein. Wirklich kultiviert wird gerade einmal ein Drittel der Gesamtfläche.

    Das würde sich auch Klaus Sanzenbacher, der Vorsitzende des Kitzinger Kreisverbandes im Landesbund für Vogelschutz, von vielen Gartenbesitzern wünschen. „Wer mit einem normalen Hand-Rasenmäher mäht, dem gerät mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Tier unters Messer.“ Er kann es nicht nachvollziehen, dass die Menschen zwar in Fitness-Studios gehen, um in Bewegung zu bleiben, es aber nicht schaffen, ihren Rasen mit eigener Muskelkraft zu stutzen. Immer wieder graut es ihm, wenn er an Zierrasen und Steingärten vorbeiläuft. „Das ist oft tote Fläche.“ Und auch Ulrike Geise weiß, dass Gärten, die von einem Roboter gemäht werden können, meistens wenig naturfreundlich sind. „Sie dürfen keine großen Ecken und Kanten haben, brauchen eine bestimmte Struktur. Für eine Blühwiese ist da sowieso kein Platz.“

    Mittelweg finden

    Auf dem Gelände des Golfclubs Schloss Mainsondheim ist das anders. „Ich finde, man muss einfach einen Mittelweg finden, so dass Golfer und Natur miteinander klar kommen“, sagt Uwe Hippelein. Ein balzender Fasan hat dort genauso seine Berechtigung wie ein sportliches Golfspiel – Rasenmäherroboter haben keine.

    Greenkeeper Uwe Hippelein war schon beim Anlegen vor über 30 Jahren dabei.
    Greenkeeper Uwe Hippelein war schon beim Anlegen vor über 30 Jahren dabei. Foto: Julia Volkamer
    Brennesseln verursachen nicht nur Schmerzen, sondern bieten auch Lebensräume für viele Raupen-, bzw. Schmetterlingsarten. Deswegen lässt Uwe Hippelein immer wieder ganze Büsche stehen.
    Brennesseln verursachen nicht nur Schmerzen, sondern bieten auch Lebensräume für viele Raupen-, bzw. Schmetterlingsarten. Deswegen lässt Uwe Hippelein immer wieder ganze Büsche stehen. Foto: Julia Volkamer
    Hier finden auch Schmetterlinge ein Zuhause.
    Hier finden auch Schmetterlinge ein Zuhause. Foto: Julia Volkamer
    Grün soweit man blickt.
    Grün soweit man blickt. Foto: Julia Volkamer
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    Von unserem Redaktionsmitglied

    Julia Volkamer

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