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    Warum der Erbgraf nicht fürstlich erben und regieren darf

    Alexander Graf zu Castell

    Oberrimbach - Wenn alles normal verlaufen wäre, würde Alexander Graf zu Castell-Castell heute das Fürstenhaus regieren. Im Interview erzählt er, warum er der Liebe wegen seinen Status als Erbgraf verlor, gewährt viele Einblicke in das Leben und Heranwachsen als blaublütiger Spross.
    Bildtext: Graf Alexander mit Familie.

    Frage: Warum melden Sie sich am Telefon "nur" mit Castell ?
    Alexander Graf zu Castell: Das ist die eingeübte Untertreibung. Castell  ist der Familienname.
    Aber der Titel ist kein Titel. Der "Graf" ist einfach ein Bestandteil meines Namens.

    Ist Ihr Name nichts Besonderes mehr?
    Graf zu Castell: Ich habe ja von Jugend an die Erfahrung gemacht, dass, was für mich selbstverständlich ist, von vielen als etwas Besonderes angesehen wird.

    Wie war das, als Fürstensohn aufzuwachsen?
    Graf zu Castell: Als Kind möchte man nichts Besonders sein, sondern in der Gruppe mitlaufen. Das war mit meinem Namen manchmal etwas schwierig. Jeder im Dorf wusste, dass ich mit meinen Geschwistern im Schloss lebte und welche Bedeutung mein Vater für den Ort hatte. Das war ein in Jahrhunderten gewachsenes Verhältnis. Dies trug aber auch zu einer gewissen Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander bei. Freundschaften aus dieser Zeit bestehen heute noch.

    War das nicht ein Leben zwischen zwei Welten?
    Graf zu Castell: Als Kind nicht. Erst später, wenn man sich sein eigenes Zuhause einrichtet, merkt man, dass man in einem Schloss aufgewachsen ist. Man hat Ansprüche geerbt und in der Regel nicht die Möglichkeit, sie sich zu erfüllen.

    Hatten Sie als Kind manchmal Angst, sich falsch zu verhalten?
    Graf zu Castell: Ja. Diese Furcht steckte tief drinnen. Es gab diesbezüglich viele negative Erfahrungen. Die Tatsache, dass höhere Ansprüche an mich gestellt wurden, habe ich zum Beispiel dann zu spüren bekommen, wenn ich etwas angestellt hatte. Dann hieß es: Das hätten wir von dir aber nicht erwartet. Das schloss ja mit ein, dass erwartet wurde, ich würde mich immer richtig verhalten. Aber dies ist mitnichten so gewesen!

    Und heute?
    Graf zu Castell: Wenn man aus solch einer Familie kommt, hilft es zum Erwachsenwerden, wenn man der äußeren Form nicht mehr den Stellenwert einräumt, den sie in der Kindheit und in der Erziehung zweifellos hatte. Aber das kann sehr lange dauern. Dennoch erstaunt es mich noch heute, dass von Adelsfamilien so viel Besonderes erwartet wird. Dies führt häufig dazu, dass man in seinem Verhalten und im Auftreten gegenüber anderen tatsächlich versucht, den Anschein zu geben, man sei Außergewöhnlich. Da ist man ganz schnell bei der Arroganz.

    Wurde Ihnen das schon vorgeworfen?
    Graf zu Castell: Ja. Ich erlebe häufig, dass man mir sagt, ich würde einen großen Abstand einfordern und es sei schwierig, mir nahe zu kommen. Aber das ist mitunter auch ganz bequem. Man kann an der Oberfläche bleiben.

    Sie sind Bankkaufmann. Haben Sie Ihren Beruf selbst gewählt?
    Graf zu Castell: Ja. Die älteste Privatbankiers-Familie Bayerns kann sich rühmen, nie einen ausgebildeten Banker in ihren Reihen gehabt zu haben. Da war ich der erste. Aber ich habe nie in der Castell-Bank gearbeitet. Die Entscheidung, Bankkaufmann zu lernen, habe ich aus einer vermuteten Sinnhaftigkeit heraus getan. Ein halbes Jahr vor meinem Abitur ist mein ältester Bruder Maximilian ums Leben gekommen, der Erbe der Familie. Die altersmäßige Reihenfolge sah vor, dass ich der nächste Erbgraf bin und darauf wollte ich mich optimal vorbereiten.

    Warum blieb es nicht dabei?
    Graf zu Castell: Weil mein Vater das anders entschieden hat. Er hält die Zügel in der Hand und greift ins Geschirr, wenn die Pferde scheuen. In meinem Fall, weil ich eine Frau geheiratet habe, mit der er nicht einverstanden war. Aber zu sagen, damit war der Fall erledigt, wäre zu leicht, weil es dann noch ein paar Jahre gedauert hat.
     
    Hätten Sie gerne das Erbe des Hauses Castell angetreten?
    Graf zu Castell: Ja. Das hätte ich gerne.

    Waren Sie sehr enttäuscht über die Entscheidung Ihres Vaters?
    Graf zu Castell: Ja. Umso froher bin ich heute über ein gutes und offenes Verhältnis zu meinen Eltern! Denn das war schon eine schwere Belastung damals. Ich weiß auch heute noch nicht, wofür es gut war. Und es ist noch nicht so, dass ich sagen kann: Jetzt ist alles gut. Aber das persönliche Verhältnis zur Familie ist frei von alten unerledigten Sachen.

    Wurde jedes Ihrer heute fünf Geschwister angehalten, einen Partner aus adeligem Hause zu finden?
    Graf zu Castell: Ja. Aber ein Wunsch unserer Eltern war auch, dass wir glücklich werden in unseren Leben. Natürlich kommt hinzu, dass man im Hinblick auf meine Aufgabe gewisse Erwartungen an die Ehefrau bezüglich der Führung des Hauses hatte. Ein adelige Partnerin hätte die Sache erleichtert und eine Menge Überraschungen erspart.

    Ist es nicht altertümlich, dass Frauen nicht die Führung eines Adelshauses übernehmen dürfen?
    Graf zu Castell: Erst einmal ist altertümlich ja gar nichts Schlechtes. Und es gab und gibt eine Reihe starker Herrscherinnen in Adelshäusern. Meine Großmutter hat während des Krieges und nach dem Tod ihres Mannes 1945 die Geschicke des Hauses und der Familie sehr wirksam in die Hand genommen, bis mein Vater dann ins Regiment gekommen ist.

    Alexander Graf zu Castell 2
    Aber es erbt immer der älteste Sohn und nicht die älteste Tochter.
    Graf zu Castell: Das ist bis vor wenigen Jahren auch technisch nicht anders möglich gewesen. Das Namensrecht hatte ja nicht vorgesehen, dass Männer den Namen der Frau übernehmen. Zuallererst ist mit dieser Regelung wohl daran gedacht worden, den Namen der Familie zu erhalten. Natürlich hängt das aber auch damit zusammen, dass man die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen gemacht hat, wie es von alters her Sitte war.

    Befürworten Sie das?
    Graf zu Castell: Ja. Denn es ist schon schwierig genug, unter den Söhnen den Nachfolger zu finden, und wenn man diesen Kreis noch weiter ziehen würde, dann machte es die Sache nicht einfacher, dann würde es einen geordneten Erbgang mit dem Erhalt des Erbes wohl bald nicht mehr geben. Außerdem, glaube ich, war es immer ein Wesen des Adels, sich durch eigene Regeln seine Exklusivität zu bewahren. Er hat sich einen Kodex gegeben, der es anderen, die nicht da hinein geboren sind, schwer macht, sich in diesen Kreisen zu bewegen, ohne als Dazugekommener erkannt zu werden. Dazu gehören auch solche Grundüberzeugungen, dass der Erbe ein Sohn sein muss.

    Sie haben noch einmal geheiratet und mit Ihrer Frau Donatha 2003 den AD- Verlag gegründet. Warum? Graf zu Castell: Wir lieben unsere Sprache und möchten darauf hinweisen, was es in ihr schon Gutes gegeben hat. Dazu gehören die Werke von August Sperl. Die Hörbücher "Der Bildschnitzer von Würzburg" und "Richiza" über die Schlacht am Cyriakusberg 1266 stehen in Beziehung zu den großen Ausstellungen dieses Jahres: Riemenschneider in Würzburg und zur Landesausstellung "Edel und frei. Franken im Mittelalter" in Forchheim. Mit "Konradin der Grafensohn", einer Erzählung für Kinder über den Bauernkrieg in Franken, werden wir unsere Sperl-Reihe beenden und uns neuen alten Büchern zuwenden.

    Ihre ältesten Kinder heißen Dorothea Richiza und Conradin.
    Graf zu Castell: Unsere Arbeit ist auch eine unausgesprochene Widmung an meine Kinder. Ich habe den beiden immer gerne vorgelesen. Aber ein anspruchsvoller Vorleser stellt auch Ansprüche daran, was er vorliest und fängt natürlich mit dem an, was ihm selbst vertraut ist. Denn August Sperl, der ja auch die Geschichte der Familie Castell aufgeschrieben hat, spielte in meiner Jugend immer eine gewisse Rolle. Aber seine Bücher gibt es heute nicht mehr.

    Ist seine Sprache nicht gewöhnungsbedürftig?
    Graf zu Castell: Sicher. Aber sie zeigt, wie reich die deutsche Sprache einmal gewesen ist. Sperl reiht nicht eine Episode an die andere, sondern er nimmt sich Zeit beim Erzählen, für Entwicklung, für Sprachmalerei.


    Gefallen die CDs Ihrer Familie?
    Graf zu Castell: Sie werden unterschiedlich aufgenommen. Aber einer meiner Schwäger berichtete, er habe "Richiza" während einer langen Autofahrt gehört und die Geschichte habe ihn zu Tränen gerührt.

    Sie haben Ihrem Verlag die Buchstaben AD vorangestellt. Für was stehen sie?
    Graf zu Castell: Für Annibus Domini (in den Jahren des Herrn) - aber wer darin die Initialen von Alexander und Donatha erkennt, liegt ebenfalls richtig.

    AD-Verlag, Tel: (0 95 52) 98 13 24, Internet: www.horchbuch.de

     

    Alexander Graf zu Castell 1
    Zur Person
    Alexander Graf zu Castell-Cas tell, 49, ist der zweite Sohn von Albrecht Fürst zu Castell-Castell. Und er ist der erste in der 230-jährigen Geschichte der ältesten Privatbankiers-Familie Bayerns, der eine Bankkarriere bis hin zum Direktor gemacht hat. Heute berät der Graf zusammen mit einer Berliner Beratungsgesellschaft Kommunen in ihren Haushaltsproblemen. 2003 gründete er zusammen mit seiner Frau Donatha (39) den AD-Verlag. Beide haben ein großes Interesse an Sprache. Mit Hörbüchern möchten sie Literatur wieder in Erinnerung bringen, die vergessen ist, weil sie keiner mehr liest. Die Familie mit dem 15 Monate alten Gustav lebt in Oberrimbach im Steigerwald in einem alten Forsthaus. Alexander Graf zu Castell- Castell hat zwei Kinder aus erster Ehe: Conradin (20) und Dorothea Richiza (19).

    Das Gespräch führte Christine Jeske