• aktualisiert:

    Laudenbach

    1985 ein Wendepunkt: Film über die Schoa in Main-Spessart

    Szene aus dem Film "Im Land des Vergessens": Rudolf Adler, Jahrgang 1897, sitzt auf einem Stein am Mainufer und erzählt von der Laudenbacher Synagoge (im Hintergrund). Foto: Screenshot Roland Flade

    Der 1897 geborene Rudolf Adler sitzt am Main und erzählt, wie er in seiner Jugend fast jeden Tag zweimal in die Laudenbacher Synagoge gegangen ist. Diese Szene stammt aus dem Dokumentarfilm "Im Land des Vergessens – Erinnerungen an jüdisches Leben in Unterfranken". Er wurde am Montag im Kino "Central" auf dem Würzburger Bürgerbräugelände gezeigt und wird am kommenden Montag, 30. Oktober, um 18.30 Uhr wiederholt. Es handelt sich um eine filmische Annäherung an das jüdische Leben vor dem Pogrom. Darin spielen Laudenbach und Urspringen zentrale Rollen.

    Gedreht wurde der Beitrag fürs Bayerische Fernsehen, wo er 1985 ausgestrahlt wurde. "Das war eine Pioniertat", erklärte der Würzburger Historiker Dr. Roland Flade in seinen einleitenden Worten zu der Vorführung im "Central". Denn fast vier Jahrzehnte lang wurde der Mantel des Schweigens über die Schoa, die Verbrechen an den Juden, gebreitet. Flade: "Eigentlich müsste der Film ,Im Land des Verdrängens' heißen."

    Jahrzehntelang verdrängt

    Der Würzburger Historiker Roland Flade in der Doku "Im Land des Vergessens" von 1985. Er berichtet bei der Vorführung des Filmes im Central-Programmkino über die Erinnerungskultur in Unterfranken. Foto: Screenshot Roland Flade

    Kurz nach 1945 waren es die Amerikaner, die den Menschen mit dem Film "Die Todesmühlen" vor Augen führten, was in den Konzentrationslagern vor sich gegangen war. "Die Leute mussten sich den Film ansehen, um Lebensmittelkarten zu erhalten", erklärte Flade.

    Ab 1950 sei das Thema jedoch verdrängt worden. Heimat- und Bergfilme waren schöner anzuschauen. So vergingen 30 Jahre. 1979 waren es wieder die Amerikaner, die mit der Serie "Holocaust" wachrüttelten. "Muss das denn im Fernsehen gezeigt werden?", empörten sich viele Zeitgenossen. Aber der Vierteiler mit Meryl Streep brach einen Bann und setzte eine Diskussion in Gang.

    Zeitgleich hatte Flade seine Doktorarbeit über "Juden in Würzburg" geschrieben und wurde zum gefragten Interviewpartner des BR für den Beitrag von 1985. "Es war aufregend, ich habe meinen Text auswendig gelernt", kommentiert er seinen aus heutiger Sicht reichlich steifen Redebeitrag. Nicht weniger steif war der Beitrag des Würzburger Historikers Werner Dettelbacher.

    Rückkehr in großer Angst

    Natürlicher wirken die Interviews mit dem fast 90-jährigen Rudolf Adler. Er berichtet, dass die Laudenbacher Synagoge an Werktagen halb voll war. 38 jüdische Familien lebten in Laudenbach. Ein Drittel war in den 1930er Jahren weggezogen. Von denen, die noch im Ort wohnten, gelang 21 Personen die Auswanderung, darunter auch ihm. Rudolf Adler ging nach Palästina.

    Und als der Reporter beim Besuch des jüdischen Friedhofs auf dem Berg über Laudenbach nach Adlers Eltern fragt, antwortet er: "Ich hab's Ihnen doch schon mal gesagt, die sind in Theresienstadt verbrannt."  Zynisch der Vermerk in den Akten der Nazi-Verwaltung: "Haben ihren Wohnsitz nach Theresienstadt verlegt." Als Rudolf Adler 1951 erstmals wieder nach Deutschland kam, sei er in München mit viel Angst aus dem Flugzeug gestiegen, berichtet er. Seinen Lebensabend verbrachte er später in Würzburg im jüdischen Altersheim. Zweimal im Jahr besuchte er den Laudenbacher Judenfriedhof. 

    Gottesdienst in Urspringen verboten

    Der Film "Im Land des Vergessens" zeigt neben Laudenbach auch andere Orte und deren verfallende Synagogen "als mahnendes Symbol begangenen Unrechts". In der von Urspringen hatte das Landratsamt Marktheidenfeld 1939 jegliche Gottesdienste verboten.

    Etwa fünf Jahre nach dem Film wurden die ersten Synagogen saniert, so auch die in Urspringen. Das "Land des Vergessens" begann sich zu erinnern. Es folgten weitere wie die in Veitshöchheim, Wiesenfeld oder Arnstein. Und die in Laudenbach ist inzwischen zumindest in städtischer Hand und das Dach mit einer blauen Plane gegen weiteres Eindringen von Regenwasser geschützt. Auch sie soll gesichert werden.  

    Die Urspringener Synagoge in den 1980er Jahren vor der Sanierung, Szene aus dem Film "Im Land des Vergessens" von 1985. Foto: Screenshot Roland Flade

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!