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    WIESTHAL

    50 Jahre Wenzel in Wiesthal: Bald ist sie allein der Boss

    Heike Wenzel, seit gut einer Woche alleinige geschäftsführende Gesellschafterin der Wenzel Group in Wiesthal. Foto: Roland Pleier

    In Kürze ist Dr. Heike Wenzel alleinige Geschäftsführende Gesellschafterin der Wenzel-Group. Ihr Bruder Frank (50) steigt mit einer Abteilung aus. Mit ihm zusammen führte die 46-Jährige aus Heigenbrücken den Betrieb seit dem Tod ihres Vaters 2006. Sie hat zwei Kinder (18 und 16) aus erster Ehe und ist seit zwei Jahren verheiratet mit Dr. Heiko Wenzel-Schinzer (50), der bei Wenzel zuständig ist für Innovation, Digitalisierung und Geschäftsentwicklung. Als Wirtschaftswissenschaftler hat er zudem eine Professur an der Hochschule Merseburg.

    Frage: Ihr Vater hat den Betrieb in Wiesthal gegründet – Werner Wenzel Wiesthal: War das wegen der Alliteration, dem WWW? Was hat ihn überhaupt bewogen, von Heigenbrücken hierher nach Wiesthal zu ziehen?

    HEIKE WENZEL: Ganz offen: Man wollte ihn in Heigenbrücken damals nicht (lacht). Heigenbrücken als Luftkurort wollte sich auf den Tourismus fokussieren und hat gesagt: Oh Gott, Industrieunternehmen bei uns im schönen Heigenbrücken, das schadet nur, das ist nichts, was uns für die Zukunft 'was bringt. Das war vielleicht eine Fehleinschätzung. Das hat meinen Vater bewogen, einen Ort weiter zu gehen nach Wiesthal, da hat man ihn gern aufgenommen. Und jetzt: Werner Wenzel Wiesthal – ist ja nicht so verkehrt. Das war erfolgversprechend. Heute ärgert sich doch der ein oder andere in Heigenbrücken: Hätten wir doch nur das Grundstück abgegeben ...

    Was war ihr Vater für ein Typ?

    WENZEL: Sehr offen, sehr positiv, sehr optimistisch, immer in die Zukunft schauend, einerseits geradlinig fordernd, aber auch fördernd, also immer ein offenes Ohr für jeden, auch für seine Mitarbeiter, … nicht nachtragend. Was ihn am meisten charakterisiert: Dass er immer sehr positiv die Dinge nach vorne schauend angepackt hat.

    Er war ziemlich verwegen, wenn er etwas anpacken wollte, wurde aber gebremst von Ihrer Mutter – so steht's geschrieben.

    WENZEL: Oh, so steht's geschrieben. Ja, die beiden waren eine sehr gute Kombination. Während mein Vater jeden Tag eine neue Idee hatte und sie am liebsten gleich angepackt hat, war meine Mutter doch eher zurückhaltend in der Hinsicht, hat ihn immer wieder ausgebremst und auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht. Sie hat sich um die Finanzen gekümmert – das war 'ne gute Mischung, würd' ich sagen.

    Jetzt ist die nächste Generation dran, Sie und Ihr Bruder. Sie haben den Betrieb jahrelang zusammen geleitet. Und jetzt, ausgerechnet im Jubiläumsjahr, hat sich Entscheidendes geändert.

    WENZEL: Also nach 50 Jahren erfolgreicher Familienunternehmenstradition werden wir getrennte Wege gehen, mein Bruder und ich. Wir haben das Unternehmen zwar erfolgreich geleitet in den letzten Jahren. Dennoch hatten wir teilweise unterschiedliche Fokussierungen, unterschiedliche Menschenstile und Überlegungen, was die Unternehmensausrichtung angeht. Das hat in letzter Zeit eher zu Blockaden geführt, so dass wir uns jetzt entschieden haben, das Unternehmen aufzuteilen: Während der Metrology-Bereich der Wenzel-Group von mir weiter geführt wird – das macht 80, 90 Prozent des Unternehmens aus, auch die ganzen Standorte – wird mein Bruder den Bereich Styling-Solutions in einer neuen Unternehmensgruppe leiten.

    Also eine Abteilung schert quasi aus dem Unternehmen aus?

    WENZEL: Genau.

    Das sind wie viele Leute und wie viel Umsatz?

    WENZEL: Das sind 30 Leute, ungefähr – aber nicht hier in der Region, sondern an den Standorten Hengersberg im Bayerischen Wald und Karlsruhe. Umsatztechnisch macht das zirka 10 Millionen Euro aus.

    Die Belegschaft weiß das schon?

    WENZEL: Die Belegschaft weiß das. Das Schöne ist auch: Es geht zwar dieser Außenumsatz mit weg, aber die Fertigung der Maschinen wird weiterhin in Wiesthal sein. In dieser Hinsicht ändert sich für die Belegschaft hier am Standort nicht viel, weil zwar der Vertrieb anders organisiert wird, aber die Produktion weiterhin in Wiesthal bleibt – auch für die Produkte, die zukünftig mein Bruder betreut.

    Das heißt, die Belegschaft hat gelassen reagiert?

    WENZEL: Ich würde fast sagen, die Belegschaft hat positiv reagiert. Man hat ja doch auch bemerkt, dass da nicht immer Einigkeit war in der Führung. Sie wissen, wie das ist: Wenn Eltern sich nicht einig sind, da leiden die Kinder auch drunter oder nutzen das im Zweifel aus. Ich glaube, die Belegschaft freut sich jetzt, dass es nun geradlinig nach vorne geht, wieder fokussiert, dass es einen Weg gibt und keine fünf. Das wurde sehr positiv aufgenommen.

    Stand heute: Wenzel macht einen Umsatz von und hat wie viele Beschäftigte und wie viele davon in Wiesthal?

    WENZEL: Stand heute: Wenzel macht einen Umsatz von knapp 90 Millionen Euro. Die Belegschaft sind zirka 630 Mitarbeiter weltweit, davon knapp 300 am Standort in Wiesthal und in Deutschland knapp 400.

    Es gibt eine kleine Tendenz: Wiesthal wird ein bisschen weniger, das Ausland etwas mehr.

    WENZEL: Kann ich so nicht sagen. Wir werden wachsen, wir wollen wachsen in der Zukunft, wir wollen die 100 Millionen Euro Umsatz erreichen in zirka drei Jahren, das ist ein Fokus, den wir haben. Wir werden natürlich hauptsächlich im Ausland wachsen, was die Umsätze angeht, da sind unsere Kunden. Aber der Standort Wiesthal wird nicht weniger, vielleicht im Verhältnis zu den anderen, aber absolut wird es nicht weniger. Wir vertrauen auf die Produktion in Deutschland, wir haben noch einen Produktionsstandort in China, aber für uns ist Wiesthal der Entwicklungsstandort. Hier entstehen die neuen Produkte, hier werden sie auch gefertigt, das wollen wir so beibehalten, heute und auch in Zukunft.

    Das waren die aktuellen Zahlen. Es gibt aber auch weitere Veränderungen: Sie haben seit einiger Zeit auch einen Betriebsrat. Ist das positiv oder negativ?

    WENZEL: (lacht) Ahhm, ich hätte ihn nicht gebraucht. Ich muss sagen: Ich habe mich lange gegen einen Betriebsrat gewehrt, weil ich der Meinung bin, als Familienunternehmen, wenn man ein offenes Ohr für seine Mitarbeiter hat, braucht man das nicht. Von daher: Ich hab mich ein bisschen dagegen gesträubt, weil ich gesagt habe, die Mitarbeiter können direkt zu mir kommen, dafür brauch' ich kein Sprachrohr, ich brauch' dieses Thema Betriebsrat nicht. Aber jetzt, da wir ihn haben, versuchen wir natürlich, positiv zusammenzuarbeiten und das gelingt auch sehr gut. Die zweite Generation des Betriebsrats wurde jetzt grade gewählt. Zu dem neuen Team kann ich noch nichts sagen, aber das bisherige Team war sehr positiv in der Kommunikation mit uns und dem Management. Von daher kann ich nichts Negatives sagen.

    Ein Wort über die Konkurrenz: Zeiss Jena kennt jeder, Hexagon vielleicht nicht ganz so viele, … und dann kommt Wenzel. Wie hat sich die Marktsituation in den letzten Jahren verändert?

    WENZEL: Wir haben einen guten Stand im Markt. Wir sind zirka Nummer vier, fünf … das kann man nie so genau sagen ...

    ... international ..?

    WENZEL: ... international! Unsere Wettbewerber sind viel größer, Großkonzerne, börsennotierte Unternehmen. Was den Unterschied zu uns ausmacht: Wir sind ein Familienunternehmen. Wir sind das größte Familienunternehmen in der Branche, das einzige Familienunternehmen, das in dieser Branche weltweit tätig und unter den ersten fünf ist. Da sind wir stolz drauf.

    Die Größe messen sie woran? Am Umsatz?

    WENZEL: Die Größe wird am Umsatz gemessen.

    Als Sie Politikerbesuch hatten (2008 war Wirtschaftsministerin Emilia Müller zu Gast), haben Sie den Fachkräftemangel beklagt. Sie sagten: Es ist leichter, Führungskräfte zu finden, als Facharbeiter. Ist das immer noch so?

    WENZEL: Fachkräftemangel ist nach wie vor ein Thema, wird auch immer mehr. Führungskräfte sind auch ein Thema, aber wir sind ein attraktives Unternehmen, Mittelstand, Familienunternehmen, da arbeiten Führungskräfte gerne, weil man da Verantwortung übernehmen kann. Fachkräfte zu finden in einer Region mit einer Arbeitslosenquote, die gegen Null geht, da wird's halt immer schwieriger, zu wachsen und das auszubauen.

    Sie fehlen also nach wie vor?

    WENZEL: Auf jeden Fall.

    Beklagt haben Sie damals auch schlechte Internetverbindungen. Hat sich das mittlerweile verbessert?

    WENZEL: Das hat sich leicht verbessert. Aber auch da ist noch Luft nach oben. Wir sind hier nicht mitten in der Metropolregion, von daher sind die Internetverbindungen schwieriger. Aber es ist so, dass man gut arbeiten kann.

    Dann sind wir bei Ihnen: Sie leiten als Frau ein Familienunternehmen. Ich muss nach der Frauenquote fragen ...

    WENZEL: Uuups (lacht). Da tue ich mir schwer. Ich kann's Ihnen nicht konkret sagen. Wir haben natürlich tendenziell in der Fertigung wenig Frauen, aber jetzt grade im kaufmännischen Bereich oder in der Entwicklung kommen zunehmend Frauen hinzu. Die Quote kann ich Ihnen nicht nennen, kann ich Ihnen aber nachliefern (Das tat sie auch postwendend: Sie liegt bei 20 Prozent). Ich halte natürlich viel von Frauen in Führungspositionen und generell in der Fertigung … aber: Die Mischung macht's, denk ich.

    Entscheiden Sie bewusst: Im Zweifel eine Frau? Oder wie fördern Sie Frauen?

    WENZEL: Also nein, ich halte überhaupt nichts von Frauenquote, also dass ich sage: Im Zweifel nehm' ich eine Frau, um die Quote zu erhöhen. Davon halte ich überhaupt nichts. Das geht immer nach dem Fachlichen, nach der Ausstrahlung. Passt die Person auf den Job? Macht es ihr Spaß? Ich bin davon überzeugt: Wenn ein Mitarbeiter Spaß an der Arbeit hat, die er gut erfüllen kann, bringt er immer noch die besten Ergebnisse. Das ist unabhängig davon, ob es eine Frau oder ein Mann ist.

    Dann sind Sie eine promovierte Frau. Was war denn das Thema Ihrer Doktorarbeit?

    WENZEL: „Reverse Business Engineering“ (lacht) … klingt ein bisschen kompliziert …

    Auf deutsch ..?

    WENZEL: Es war eine Arbeit im SAP-Umfeld. Ich hab' damals parallel zu der Promotion in der SAP-Beratung gearbeitet. In meiner Doktorarbeit im Bereich der Wirtschaftsinformatik ging es darum, ein Werkzeug zu entwickeln, das SAP-Systeme nach vielen Jahren der Einführung scannt – um dann in betriebswirtschaftlichen Prozessen abzubilden, was das System eigentlich tut.

    Hat es Ihnen etwas gebracht für den Beruf?

    WENZEL: Auf jeden Fall! Dadurch, dass es anwendungsorientierte Informatik war, war ich in vielen Unternehmen tätig, auch beratend. Ich habe vieles von innen, viele Prozesse gesehen. Das hat mir viel gebracht, als ich in das Unternehmen eingestiegen bin vor fast 20 Jahren – weil ich Ideen von außen in unser Unternehmen bringen konnte. Und generell ist es heute noch ein bisschen mein Steckenpferd, Prozesse zu verbessern, zu analysieren – da schadet's nie, wenn man auch mal nach außen guckt, über den Tellerrand.

    Dann haben Sie noch einen zweiten Betrieb, gegründet zumindest, vergangenes Jahr ... (sie schaut fragend) … hängt mit Pferden zusammen.

    WENZEL: Oh, ja … meine Leidenschaft! Ich glaube, jeder Unternehmer hat ein verrücktes Hobby. Meine Eltern haben parallel das Hotel „Villa Marburg“ aufgebaut, das war deren Hobby, was ich auch noch gerne weiterführe, macht mir auch Spaß. Aber ich hab ein anderes Hobby: Reiten. Vor allem die Tochter ist eine sehr begeisterte Vielseitigkeitsreiterin. Nachdem es nicht so einfach ist, den richtigen Stall mit der richtigen Betreuung zu finden hier in der Region, hat es sich irgendwie ergeben, dass wir jetzt selbst einen bauen.

    Wie weit ist er?

    WENZEL: Wir sind noch in der Genehmigungsphase. Wir haben einen vorhandenen Stall übernommen in Neuhütten, der wird jetzt umgebaut und ausgebaut. Aber wir wollen auch noch eine Reithalle bauen, die dann die Möglichkeit gibt, sich bei jedem Wetter entsprechend zu betätigen. Da sind wir grad im Verfahren, die Baugenehmigung zu bekommen. Aber ich befürchte, dass wir erst nächstes Jahr eröffnen können.

    Spielen Pferde am Samstag, am Tag der offenen Tür, auch eine Rolle?

    WENZEL: Nein, Pferde haben wir leider nicht da. Aber wir haben sehr viel geboten: Wir haben Spiel und Spaß für die Kinder organisiert, damit ganze Familien kommen können. Unsere Mitarbeiter haben tolle Ideen generiert, um unser Produkt nahe zu bringen. Weil es ist schon etwas schwierig, zu erklären: Was tun wir hier eigentlich mitten im Spessart, was ist Messtechnik, was ist Metrology? Da haben wir verschiedene Stationen aufgebaut, um das zu veranschaulichen, um das spürbar zu machen, erkennbar zu machen. Wir hoffen, dass das Wetter auch noch mitspielt und wir einige Besucher begrüßen können.

    Wie viele erwarten Sie?

    WENZEL: Also wir hatten in den letzten Jahren fast 1000 Besucher, und ich glaub', das werden wir toppen.

    Das vollständige Interview finden Sie im Internet unter www.mainpost.de dazu auch einige Aussagen als Video. Weitere Informationen über die Firma im Wirtschaftsteil dieser Ausgabe auf Seite 6.

    Blick in eine Fertigungshalle: Bei Wenzel in Wiesthal werden verschiedene Messmaschinen hergestellt, viele davon in kleinen Stückzahlen, in nur zwei- oder dreistelliger Größenordnung. Foto: Thomas Hildmann, Wenzel Group
    In dieser Halle begann Werner Wenzel 1968 mit der Produktion. 50 Jahre später arbeitet allein in Wiesthal die Hälfte der über 600 Beschäftigten des Familienunternehmens. Foto: Wenzel Group

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