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    Lohr

    80-Jährige wartete über acht Stunden in der Notaufnahme in Lohr

    Sind in der Notaufnahme des Lohrer Kreiskrankenhauses die Wartezeiten mitunter unzumutbar lang? Ein 50-Jähriger schildert entsprechende Erlebnisse seiner Tante. Die Klinikleitung spricht jedoch von einem Ausnahmefall. Foto: Johannes Ungemach

    Sind die Wartezeiten in der Notaufnahme des Lohrer Kreiskrankenhauses unzumutbar? Beschwerden gibt es immer wieder. Nun wandte sich ein Mann mit einem besonders drastischen Fall an die Redaktion. Seine über 80-jährige Tante war über acht Stunden in der Notaufnahme. Das Klinikum Main-Spessart bedauert den Fall, spricht jedoch von einer Ausnahme. Grundsätzlich hätten die Beschwerden abgenommen.

    Der Fall: Der 50-Jährige aus dem Altkreis Lohr schildert, dass sich seine Tante am Samstag, 7. September, gegen 14 Uhr mit einer Venenentzündung und starken Schmerzen in die Notaufnahme begeben habe. Erst gegen 22.45 Uhr habe sie die Klinik wieder verlassen, nachdem sie Ultraschalluntersuchung, Thrombosespritze, eine Tablette und schließlich den Arztbrief erhalten habe.

    Etliche Patienten hätten an diesem Tag sehr lange warten müssen, schildert der Mann. Bei seiner Tante sei hinzugekommen, dass diese einen behinderten Sohn habe, der alleine zu Hause gewesen sei, sich nicht selbstständig versorgen könne und sich auch von niemandem außer seiner Mutter helfen lasse.

    Die in der Notaufnahme diensthabende Ärztin sei an dem Tag zusätzlich für eine normale Station und die Intensivstation zuständig gewesen, schüttelt der Mann in sichtlicher Erregung den Kopf. Selbst eine Patientin, die vom Rettungsdienst eingeliefert worden sei, habe über Stunden in einem Bett im Gang gelegen, weil alle Behandlungszimmer voll waren. An der Patientenannahme seien die Menschen Schlange gestanden.

    Essen vom Schnellrestaurant

    Der Mann empört sich, dass es für die in der Notaufnahme Wartenden teilweise keine Möglichkeit gebe, den nach Stunden aufkommenden Hunger zu stillen. Da der Kiosk am Abend geschlossen gewesen sei, habe er für seine Tante aus einem Schnellrestaurant ein Mahl direkt in den Behandlungsraum geliefert, »damit sie nicht umkippt«, sagt der Mann. Auch seine Tante sei ob der Zustände merklich aufgebracht gewesen. »Zwei, drei Stunden, das ist normal, aber fast neun Stunden in der Notaufnahme, das sind keine Zustände«, schimpft der 50-Jährige.

    Die Redaktion konfrontierte die Verantwortlichen des Klinikums Main-Spessart mit den Vorwürfen. Günter Betz, Verwaltungsleiter des Klinikums und Klinikreferent des Landkreises, äußerte einerseits sein Bedauern, bat jedoch auch um Verständnis für gewisse Zwänge.

    Zum Einzelfall werde man sich aus Gründen des Datenschutzes nicht im Detail äußern, so das Klinikum. Grundsätzlich seien die Wartezeiten jedoch »in jeder Klinik ein Thema, das immer wieder aufschlägt«, so Betz. Eine Notaufnahme sei ein »Saisongeschäft«, bei dem es immer wieder Ausreißer gebe, speziell zu Zeiten, in denen die Arztpraxen geschlossen seien.

    Direkt nach der Schließung der Notaufnahme im Marktheidenfelder Krankenhaus im April 2017 sei die personelle Besetzung der Lohrer Notaufnahme zu schwach gewesen, sagt Betz. Das habe man bemerkt und nachgesteuert.

    Nun sei die personelle Situation so: Außerhalb der regulären Dienstzeiten, also auch am Wochenende, seien durchgängig drei Fachkräfte wie Krankenschwestern vor Ort. Daneben sei in jedem Fachbereich der Klinik ein Arzt für Fälle in der Notaufnahme zuständig.

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    Niemand wird weggeschickt

    Diese Ärzte leisten laut Betz normalen Dienst auf ihren Stationen, werden jedoch in die Notaufnahme gerufen, wenn dort ein Fall aus ihrem Fachgebiet vorliegt. Zu der Aussage, wonach an dem betreffenden Samstag in der Notaufnahme aktive Ärztin gleichzeitig noch auf einer normalen Station und in der Intensivstation im Einsatz war, sagt Betz: »Das kann sein.« Auf die Frage, weswegen man bei langen Wartezeiten weniger schwere Fälle nicht wieder nach Hause schicke, verweist Betz einerseits auf haftungsrechtliche Gründe. Auch wolle man sich nicht nachsagen lassen, dass in der Lohrer Notaufnahme Patienten die Behandlung verweigert werde. Deswegen gilt laut Betz: »Es wird niemand heimgeschickt.«

    Der 50-Jährige, der sich an die Redaktion gewandt hatte, sieht für die Zustände nicht das Klinikpersonal verantwortlich. Es sei die Kreispolitik, die die Notaufnahme auf zu kleiner Flamme fahre, kritisiert er. Man könne nicht die Notaufnahme in Marktheidenfeld schließen, ohne die in Lohr kräftig auszubauen.

    Ein Ausbau der Kapazität in Lohr beispielsweise durch ein Aufstocken des Personals ist laut Betz nicht vorgesehen. Zuständig für die Struktur sei letztendlich der Klinikträger, also der Landkreis. Es gebe keine gesetzlichen Vorgaben, so Betz. Die Personalstärke orientiere sich an Fallzahlen.

    Bis zu 70 Patienten pro Tag

    In der Lohrer Notaufnahme ist die Zahl der Fälle in den vergangenen Jahren gestiegen. Die Notaufnahmen in Karlstadt und Marktheidenfeld wurden zum 1. April 2017 geschlossen. Zählte man 2017 in Lohr noch 14789 Patienten, waren es ein Jahr später 17158. Im laufenden Jahr kamen von Januar bis August 11997 Patienten in die Notaufnahme. An Spitzentagen liegt die Zahl laut Klinikum bei rund 70 Patienten. Auch an dem betreffenden Tag habe sich die Zahl in dieser Größenordnung bewegt.

    Im Kreistag schlagen laut Betz immer wieder Schilderungen von Einzelfällen und Wartezeiten auf. Die Klinikleitung nimmt dann Stellung und erklärt Hintergründe. Eine Diskussion über eine Aufstockung des Personals gab es im Kreistag in jüngerer Zeit nach Kenntnis der Redaktion jedoch nicht. Betz sieht dafür trotz des aus seiner Sicht unerfreulichen Ausreißers keinen Anlass. Er sagt über die Notaufnahme: »Wartezeiten werden sich nie ausschließen lassen«.

    Kürzere Wege in neuer Klinik

    Nach der für Ende 2024 ins Auge gefassten Inbetriebnahme des Zentralkrankenhauses in Lohr wird die Notaufnahme laut Betz personell auch nicht stärker ausgestattet sein. Allerdings werde der Bau für Ärzte kürzere Wege bieten. »Da erwarten wir uns schon Verbesserungen«, sagt Betz.

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