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    Lohr

    Abschiebung eines Afghanen stoppt Hochzeitsplanungen

    Wollen heiraten und sich eine gemeinsame Zukunft in Deutschland aufbauen: Fawad Pardis und Elisa Troia.  Foto: Troia

    Elisa Troia und Fawad Pardis haben sich verlobt und stecken mitten in den Hochzeitsvorbereitungen. Die Papiere sind beim Standesamt beantragt, bald können sie den Termin für die Trauung festlegen. Doch Fawad Pardis ist nicht mehr da. Vor zwei Wochen hat die Polizei ihn in Lohr abgeholt, nach München gebracht und in ein Flugzeug gesetzt. Abschiebung nach Afghanistan, Fawads Heimatland.

    Fawad Pardis ist 2015 in Deutschland angelangt. Zwei Monate war er unterwegs, ist zu Fuß und über Schlepper nach Europa gekommen. In Deutschland hoffte er auf Asyl. Seine Heimat habe er verlassen, weil die Taliban ihn bedrohten, berichtet seine Verlobte. Der Grund: Fawad betrieb in der Nähe einer Mädchenschule ein kleines Kosmetikgeschäft. Aber dass Frauen in einem von Männern betriebenen Laden einkaufen, sei nicht gern gesehen. Mehrfach hätten die Taliban seinen Laden zerbombt, schließlich eine Warnung hinterlassen: "Wenn du noch einmal öffnest, nehmen wir dich mit." Da machte er sich auf den Weg nach Europa.

    Asylgesuch abgelehnt

    Einige Zeit wohnte er in der Flüchtlingsunterkunft am Sommerberg in Lohr. Dort lernten er und Elisa sich kennen - und wurden ein Paar. In Lohr habe er in einem Imbiss gejobbt, berichtet seine Verlobte. Schließlich sei sein Asylgesuch Ende 2017 endgültig abgelehnt worden. Fawad habe seine Arbeitserlaubnis verloren und ein Schreiben erhalten, dass er ausreisepflichtig sei.

    Der Altersunterschied - er ist 23, sie 34 - stört die beiden nicht. "Das macht heutzutage nichts mehr", meint Elisa Troia. In ihrem Umfeld sei das akzeptiert. Doch die drohende Abschiebung verdüstert ihre gemeinsame Zukunft. Also beschließen die beiden, zu heiraten. Sie erkundigen sich nach den Formalitäten, bereiten die nötigen Unterlagen vor.

    Die Heirat mit einem Ausländer, und erst recht einem Flüchtling, geht nicht einfach so. Fawad braucht einen afghanischen Pass. Den Antrag stellt er im Juni, vier Monate später ist das Reisedokument endlich da. Am 15. November 2018 legen sie ihr Dossier beim Standesamt in Lohr vor. Sobald die Papiere vom Oberlandesgericht Bamberg geprüft sind, können sie den Hochzeitstermin festlegen.

    Doch der Freistaat Bayern ist schneller. Der Pass, der den Weg in die gemeinsame Zukunft ermöglichen soll, mag dazu beigetragen haben, dass die Wege des Paares nun getrennt wurden. Denn Menschen mit Pass sind sehr viel leichter abzuschieben, weil dann ihre Identität amtlich feststeht und ein Reisedokument vorliegt.

    Wenn Elisa Troia vom Tag der Abschiebung am 7. Januar 2019 spricht, füllen sich ihre blauen Augen mit Tränen. "Er hatte schon den ganzen Tag ein schlechtes Gefühl", schildert die blonde Frau die Stimmungslage ihres Verlobten. Sie hatten eingekauft, wollten kochen. Als die Polizei an der Wohnungstür klingelt, schauen die beiden gerade Fernsehen. Elisa versucht, die Beamten abzuwimmeln, sagt nein, als die Polizei fragt, ob Fawad da sei.

    Fünf Minuten, um zu packen

    "Gehen Sie an die Seite, sonst tut's weh", will Elisa Troia seitens der Polizei gehört haben. "Sie haben gesagt, die Abschiebung liege vor. Der Flug gehe abends um 20 Uhr. Er habe fünf Minuten, um zu packen", erzählt sie. Elisa ruft Fawads Anwalt an, folgt dessen Instruktionen, sich Dokumente wie Abschiebungsbeschluss und Erlaubnis zum Durchsuchen der Wohnung zeigen zu lassen. Fawad sei "voll am Zittern" gewesen, habe seine Sachen gepackt und sei plötzlich aus der Wohnung gerannt, als die Polizei kurz abgelenkt war.

    Elisa Troia wartet, bis die Polizisten gegangen sind. Dann nimmt sie das Auto, liest Fawad in der Stadt auf und fährt mit ihm zur Wohnung ihrer Mutter in einem Lohrer Stadtteil. Ein Freund kommt dazu. »Wir haben dann überlegt: Was tun? Geld nehmen und abhauen? Wenn ihn in Afghanistan jemand falsches sieht, wird er erschossen!«

    Ein Bild aus glücklichen Zeiten: Fawad und Elisa lächeln in die Kamera.  Foto: Troia

    Die Polizei braucht nicht lange, um die Wohnung der Mutter zu finden. Elisa Troias Schilderungen zufolge sind die folgenden Szenen turbulent und teilweise brutal. Die Polizei habe das Haus umstellt, dann an die Wohnungstür geklopft. Als ihre Mutter die Türe geöffnet habe, sei sie von der Polizei an die Wand gepresst worden, sie selbst sei von einer Polizistin zu Boden gedrückt worden.

    Fawad werden Handschellen angelegt. "Sie haben ihn im Schwitzkasten zu dritt aus dem Haus getragen", erzählt seine Verlobte. Sie zeigt blaue Flecken auf ihren Armen, die eine Folge des Polizeieinsatzes seien. Auch ihre Mutter sei verletzt worden. Fawad sagt, sein Hals tue immer noch weh. "Noch zwei Minuten länger und ich wäre bewusstlos geworden", berichtet er später am Telefon. Elisa Troia und der anwesende Freund haben nach eigenen Angaben inzwischen Anzeige gegen die Polizei erstattet.

    Für die Polizei stellt sich das Geschehen als normaler Einsatz dar. Man habe der Zentralen Ausländerbehörde (ZAB) Unterfranken am 7. Januar 2019 auf schriftliche Anforderung Vollzugshilfe geleistet, teilt die Pressestelle des Polizeipräsidiums Unterfranken auf Anfrage unseres Medienhauses mit. Ein afghanischer Staatsangehöriger sei abgeschoben worden. Der Mann sei von Einsatzkräften in einer Wohnung in Lohr am Main angetroffen worden, wo ihm die Abschiebeanordnung vorgezeigt worden sei; diese umfasse ein Betretungs- und Durchsuchungsrecht.

    "Nach erstem kooperativem Verhalten (er begann seine Tasche mit Bekleidung und persönlichen Gegenständen zu packen) entschloss sich der Afghane allerdings zur Flucht zu Fuß in die Innenstadt, die ihm vorerst gelang", so die Polizei weiter. Der Flüchtige sei wenig später in einer anderen Wohnung aufgegriffen worden. Zwei Personen hätten versucht, die Maßnahmen der Einsatzkräfte zu verhindern und einen tätlichen Angriff auf eine Polizeibeamtin gestartet. Gegen zwei Personen seien Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, unter anderem wegen des tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte, versuchte Körperverletzung und versuchte Gefangenenbefreiung. "Die eingesetzten Beamten haben im gesamten Einsatzverlauf besonnen agiert", erklärt das Polizeipräsidium. Von "Brutalität" könne in keiner Weise die Rede sein.

     

    Fawad Pardis im Haus seiner Familie in Afghanistan. Foto: Pardis

    Laut Armin Wendel, dem Anwalt von Fawad Pardis, ist es im Moment gang und gebe, dass Afghanen abgeschoben werden, ohne Unterschied zwischen Integrationswilligen und Straftätern. Pardis spreche gut Deutsch und sei hervorragend integriert gewesen, solche Leute müssten eigentlich ganz hinten auf der Liste stehen, meint Wendel, der öfter in Asylverfahren tätig ist. Der Fall sei "ein Paradebeispiel dafür, dass etwas schief läuft".

    Unter Hinweis auf die geplante Eheschließung hat er noch versucht, die Abschiebung von Fawad Pardis durch Antrag auf einstweilige Verfügung beim Verwaltungsgericht Würzburg zu verhindern, aber ohne Erfolg. Für das Gericht war unter anderem die Eheschließung nicht glaubhaft genug, zumal noch kein Termin dafür feststand.

    Ausreisepflichtig gewesen

    Die Regierung von Unterfranken als zentrale Ausländerbehörde weist darauf hin, dass der Betroffene ausreisepflichtig gewesen sei. Auch die Eheschließung schließe grundsätzlich eine Abschiebung nicht aus, erklärt Johannes Hardenacke, Pressesprecher der Regierung von Unterfranken. Selbst nach einer Eheschließung bleibe der Betroffene in der Regel auf eine Ausreise und im Anschluss eine legale Einreise angewiesen. Eine Eheschließung könne und solle eine vorherige illegale Einreise nicht legalisieren.

    Zur auffälligen zeitlichen Nähe zwischen Abschiebung und geplanter Eheschließung verweist die Regierung von Unterfranken auf den längeren Verwaltungsvorlauf einer Abschiebung. Es sei hier nicht darum gegangen, die Ehe zu verhindern.

    Die Abschiebung sei sehr schwer für ihn gewesen, so Fawad Pardis im Gespräch mit unserer Redaktion: "Die Polizei hat mich behandelt wie einen Kriminellen." Er habe Handschellen tragen müssen, während der ganzen Fahrt zum Flughafen nach München bis zur Ankunft in Kabul. Man habe ihn ausgezogen und wie einen Verbrecher durchsucht.

    Die Lebensumstände in Afghanistan sind schwierig. Foto: Pardis

    Im Flugzeug hätten drei Security-Männer ihn bewacht, selbst auf dem Klo. Er habe nichts zu essen und trinken bekommen. Mit ihm im Flugzeug saß ein junger Afghane aus Marktheidenfeld, der dort die Berufsintegrationsklasse in der FOS/BOS besucht hatte und ebenfalls am 7. Januar abgeschoben wurde. Gegen diese Abschiebung haben seine Mitschüler vorigen Montag in Marktheidenfeld protestiert.

    Ein Cousin hat Fawad am Flughafen in Kabul abgeholt. Er lebt nun rund 300 Kilometer entfernt von der afghanischen Hauptstadt bei seiner Mutter. Oder besser: Er versteckt sich dort. "Im Haus bin ich sicher", erklärt der Mann mit dem kurzen, dunklen Bart am Telefon. "Dorthin kommen die Taliban nicht." Draußen fürchtet er, erschossen zu werden. Weil er in Europa war.

    Aus Sorge kaum noch Schlaf

    Wie geht es nun weiter? Elisa und er sprechen täglich per Handy miteinander, so weit es die Netzverbindungen zulassen. Noch Tage nach der Abschiebung sind ihre Augen geschwollen vom Weinen. Nachts schläft sie nicht mehr als zwei Stunden. Die Sorge hält sie wach.

    "Ich liebe meine Frau, ich will arbeiten, ich bin kein Straftäter", sagt Fawad am Telefon. "Ich habe alles getan. Ich habe einen Pass beantragt, ich habe alles bezahlt. Und man hat mich festgenommen und nach Afghanistan gebracht."

    Das Paar hatte Pläne, wollte sich eine Wohnung suchen. Stattdessen trennen sie nun tausende von Kilometern und die unsichere Lage in Afghanistan. Elisa Troia überlegt nun, selbst dorthin zu fliegen, und prüft, ob es möglich ist, die Ehe in einer deutschen Botschaft zu schließen. Denn die beiden wollen unbedingt heiraten, allen Widrigkeiten zum Trotz.

    Hintergrund: Abschiebeflug mit 36 Afghanen gelandet
    36 Afghanen sind am Dienstagmorgen, 8. Januar, mit einem Abschiebeflug aus Deutschland in Kabul eingetroffen. Beamte am Flughafen teilten mit, dass die Maschine kurz vor 7 Uhr Ortszeit gelandet sei. Es war die 20. Sammelabschiebung seit dem ersten Flug im Dezember 2016. Bei den bisherigen Abschiebungen hatten Bund und Länder 439 Männer nach Afghanistan zurückgebracht. Nach einer Sammelabschiebung Anfang Juli hatte einer der 69 Männer kurz nach seiner Ankunft in Kabul Suizid begangen. 
    Die Abschiebunen sind umstritten, weil sich der Krieg gegen die radikalislamischen Taliban und die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Afghanistan ausweitet. Erst an Heiligabend wurde in Kabul bei einem mehrstündigen Angriff auf mehrere Regierungsgebäude mindestens 43 Menschen getötet. Insgesamt waren  2018 bei 22 großem Anschlägen in Kabul mehr als 550 Menschen ums Leben gekommen. dpa
     
     
     

    Heinz Scheid und Lena Schwaiger

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