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    Adelsberg

    Acht Familien fehlen in Adelsberg

    Ein Koffer und eine Sandstein-Stele erinnern in der Adelsberger Adolphsbühlstraße am Schloss an die 1938 ausgelöschte jüdische Gemeinde. Foto: Michael Fillies

    Über viele Jahrhunderte hatte Adelsberg eine aktive jüdische Gemeinde. Daran und an ihr brutales Ende 1938 erinnern seit Freitag voriger Woche am Schloss ein Gedenkstein und ein Koffer aus Beton. Das Gepäckstück symbolisiert die Deportation der Menschen in der Nazizeit und erhält daher ein Gegenstück am geplanten Denkort Aumühle in Würzburg. Dieser Denkort soll nahe des Hauptbahnhofs aus 109 Gepäckstücken entstehen, je ehemalige jüdische Gemeinde in Mainfranken eines. 

    Prominenter Aufstellort

    Die zwei Koffer, in Auftrag gegeben von der Stadt Gemünden, stammen ebenso vom hiesigen Betonkünstler Paul Bode wie die zwei zum Gedenken an die jüdische Gemeinde in Gemünden, von denen einer in der Woche zuvor in einer Feierstunde am Parkplatz Plattnersgasse aufgestellt wurde. Dort stand die Synagoge. In Adelsberg ist der Platz des jüdischen Gotteshauses überbaut. Ein prominenter Gedenkort fand sich in der Nähe an der Adolphsbühlstraße; die Schlossbesitzer, Familie Priesemann, stellten gern den Grund zur Verfügung.

    Das neue Denkmal in Adelsberg. Foto: Michael Fillies

    Zur Gedenkfeier waren rund 130 Gäste erschienen, mehr als doppelt so viele wie bei der Veranstaltung in der Woche davor in Gemünden, während derer es allerdings geregnet hatte. Ehrenbürger Hubert Schuster und Ehrenringträger Peter Hofmann, etliche Stadträte und auch Mitbürger aus Wernfeld wohnten der Feierstunde bei. Die Gestaltung oblag Bürgermeister Jürgen Lippert, den Pfarrern Norbert Thoma und Thomas Schweizer, den Gemündener Initiatoren Ulf Fischer und Jürgen Endres (Friedrich-List-Gymnasium), Mordechai Pasternak (jüdisches Totengebet), Kulturamtsleiterin Jasna Blaic und Ralf Obert mit dem Vereinsring Adelsberg. Die musikalische Umrahmung übernahmen, wie in Gemünden, Schüler des Friedrich-List-Gymnasiums und der Musikschule mit ihrem Lehrer Michael Albert.

    Geschichte recherchiert

    Auf Anfrage der Stadt Gemünden hatte sich der Adelsberger Hobbyhistoriker Bernd Wirthmann gern federführend des neuen Denkmals angenommen.Er hat über Jahre die fast vergessene Geschichte der Adelsberger Juden recherchiert und die Erkenntnisse in seinem Buch "Adelsberg 1008 - 2008 Geschichte(n) eines Dorfes" festgehalten. Die Beschriftung der Sandstein-Stele stammt von ihm.

    In der Gedenkfeier gab Wirthmann einen kurzen Abriss über die Geschichte der Adelsberger (Schutz-)Juden, die nachweislich 1481 begann und vermutlich sogar noch zwei Jahrhunderte weiter zurückreicht. Ende 1918 lebten acht jüdische Familien mit insgesamt 39 Personen in Adelsberg. 1933 waren es noch 21 bei einer Gesamtbevölkerung von 369. Im Bundesarchiv sind 20 gebürtige Adelsberger als Opfer der Judenverfolgung 1933 bis 1945 aufgelistet. Drei von ihnen wurden 25. April 1942 vom Würzburger Kohlenbahnhof Aumühle in die Vernichtungslager abtransportiert, zusammen mit 955 anderen jüdischen Glaubens. Die Adelsberger Synagoge wurde beim Novemberpogrom 1938 demoliert und 1951 abgetragen.

    Symbole des Leids

    "Es ist wichtig, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen", hatte Bürgermeister Lippert die Feierstunde eingeleitet. Die Koffer symbolisieren das Leid des jüdischen Volkes und sollen ein Zeichen für die Toleranz setzen, "das nationalsozialistische Gedankengut soll nie wieder Fuß fassen". Pfarrer Thoma führte aus, eine christliche Feier zu einem solchen Anlass passe eigentlich nicht, da die Täter Christen waren, (...) doch zu gedenken und mitzufühlen sei christlich. In der Bibel griff Pfarrer Thoma auf das beiden Religionen gemeinsame Alte Testament zurück und zitierte den Propheten Hesekiel, der Solidarität predigte.

    Im Anschluss luden Bernd Wirthmann und Ralf Obert zu einem vertiefenden Vortrag in den (schnell überfüllten) Clubraum der Adolphsbühlhalle ein. Flankiert wurde die lokale Schilderung durch den Würzburger Journalisten und  Historiker Dr. Roland Flade, Verfasser zahlreicher zeitgeschichtlicher Bücher, darunter "Jüdische Familiengeschichten aus Unterfranken". Er stellte zwei Persönlichkeiten vor: David Schuster, ehemaliger Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Würzburg/Unterfranken und Vater des jetzigen Vorsitzenden und Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sowie den US-amerikanischen Literaturprofessor Norbert Krapf, der das Leben einer im Konzentrationslager Theresienstadt ermordeten 74-jährigen Jüdin aus Lohr bzw. Heßlar recherchiert hat.

    Eine Ausstellung mit historischen Fotos und Zeichnungen der Heimatkünstlerin Veronika Ponzer ergänzte die Vorträge über Adelsbergs jüdische Geschichte im Clubraum der Adolphsbühlhalle. Foto: Michael Fillies
    Sänger und zwei Klarinettistinnen des Friedrich-List-Gymnasiums und der Musikschule Gemünden umrahmten unter Leitung von Michael Albert die Feierstunde in Adelsberg. Foto: Michael Fillies
    Zahlreiche Besucher fanden sich zur Feierstunde in Adelsberg ein und erwiesen damit der vernichteten jüdischen Gemeinde Ehre. Foto: Michael Fillies

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