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    Marktheidenfeld

    Alles in Eigenregie: Wie ein Rodener die Welt retten will

    Nach Jahren bei der Allianz hat sich Andreas Herteux eine Job-Auszeit genommen. In dem Jahr will er nichts weniger, als die europäische Wirtschaft umkrempeln.
    Andreas Herteux aus Marktheidenfeld hat mehrere Bücher geschrieben und verlegt sie selbst. Foto: Martin Hogger

    Im Frühjahr ist Andreas Herteux aus seinem Hamsterrad ausgestiegen. Bis dahin war der Lebenslauf vorbildlich, ja lückenlos: nach der Schule eine kaufmännische Ausbildung gemacht, dann Betriebswirtschaft studiert, dann zum Verkaufsleiter bei der Allianz hochgearbeitet. Eine schöne Karriere eigentlich, aber nicht genug für Herteux. "Manchmal hat man Themen im Leben, zu denen kommt man nicht, wenn man im Hamsterrad immer weiter läuft."

    Andreas Herteux sitzt in der Redaktion der Main-Post. Der 38-jährige Rodener trägt ein rosafarbenes Hemd mit kurzen Ärmeln, das Handy in der Brusttasche. Vor ihm liegt ein kleines blaues Büchlein mit einem einzigen Namen drauf, dem seinen. Er hat es geschrieben, illustriert, alle Rechte liegen bei ihm. Das spare Kosten, und der Preis könne niedriger gehalten werden. Mit dem Buch will er seine Theorien unter möglichst viele Leute bringen. Er sagt: "Es ist mein Beitrag dazu, dass die Welt irgendwann gerechter wird." 

    Der Inhalt: Um was geht es in dem Buch?

    Grafik zur These. Foto: Andreas Herteux

    "Erste Grundlagen des Verhaltenskapitalismus" ist der Titel des kleinen blauen Büchleins. Herteux hat dieses Wort selbst geschaffen. Es klingt sehr wissenschaftlich, ist jedoch relativ schnell durch einen Vergleich erklärt: Kennt man einen Freund lange und gut genug, weiß man irgendwann, wie er sich verhalten wird. Dasselbe versuchen Unternehmen wie Facebook und Google im Internet, indem sie so viele Daten wie möglich über ihre Nutzer sammeln, um zum Beispiel zielgenaue Werbung zu verkaufen. Je besser ein Unternehmen das Verhalten der Menschen kennt, desto erfolgreicher wird es. Deshalb richte sich die gesamte Wirtschaft  auf das Sammeln und Auswerten von Daten aus.

    Das birgt, laut Herteux, auch Gefahren. Der Rodener schreibt: "Durch die Kenntnis des aktuellen Verhaltens ist es in vielen Fällen möglich, künftiges Verhalten abzuschätzen oder zu beeinflussen." Vielen könnte der Skandal um Cambridge Analytica noch im Kopf sein. Mit Facebook-Daten hatten die Kampagnen von Donald Trump und Brexit-Befürwortern versucht, gezielt Falschinformationen unter unentschlossene Wähler zu streuen. China würde das mit seinem sozialen Kreditsystem auf die Spitze treiben, sagt Herteux. Dort hängt alles – seien es Reisen oder Berufserfolg – davon ab, wie staatskonform man sich verhalte. Überwachen kann der Staat das, weil die Unternehmen massenweise Daten sammeln und weitergeben. In so einer Welt will Herteux nicht leben. Durch sein Werk versucht er, diese Gefahr besser verständlich zu machen, bietet jedoch auch eine Lösung an.

    Das Wunschmodell.  Foto: Andreas Herteux

    Im Gespräch erklärt er, wie er das Problem mit dem Datenmissbrauch lösen würde. "Die EU sollte einen Fonds aufsetzen, der Schlüsseltechnologien aufkauft. Wenn Unternehmen diese haben wollen, müssen sie nach den Werten der EU handeln." Das hätte zur Folge, sagt Herteux, dass derjenige, der bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und ordentlichen Datenschutz schaffe, mehr Gewinn erwirtschaften würde. Missbrauch würde sich nicht mehr lohnen. 

    Der Prozess: Wie ist das als Ein-Mann-Verlag? 

    So interessant die Gedanken auch sind, enthält das Buch dennoch Schwächen. Beim Lesen fällt auf: Der Inhalt würde keiner wissenschaftlichen Prüfung standhalten. Der Grund: Es ist eine Sammlung Herteux' Gedanken, meist zitiert er sich selbst. Und das weiß er auch: "Dieses Buch ist nur der erste Baustein." Er hofft, dass andere seine Ideen aufnehmen und weiterentwickeln. Dafür hat er sein Buch in neun Sprachen übersetzen lassen, sogar in Russisch. "Im Internet kann man viel an Dienstleister auslagern. Trotzdem ist es für mich viel Arbeit", sagt er. Er verlege ja nicht nur sein Buch, sondern auch die von fünf anderen Autoren. Einige Manuskripte habe er sogar schon ablehnen müssen. Marketing, Buchhaltung oder Kostenkalkulation: Das alles fresse Zeit. 

    Nach einigen Investitionen finanziere sich der Verlag inzwischen selbst, sagt Herteux. Ob er selbst davon leben könne, beantwortet er eher kryptisch: "Das kommt darauf an, wie hoch man den eigenen Lebensunterhalt kalkuliert. Am Ende ist es so etwas wie ein Zubrot."  Es gehe ihm vielmehr darum, einen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten, sagt er. Ob dieser etwas tauge, müssten dann die anderen entscheiden.

    Im Nachgang der Veröffentlichung will Andreas Herteux etwas zur Berichterstattung anfügen. Sein Statement: "Andreas Herteux und die von ihm gegründete Erich von Werner Gesellschaft verweisen an dieser Stelle darauf, dass neue Forschungsergebnisse naturgemäß weniger Quellen haben, da sie diese letztendlich erst selbst schaffen. Unzweifelhaft ist aber eine erste Bestandsaufnahme der Inhalte in wissenschaftlichen Bibliotheken oder eine Verbreitung in wissenschaftliche Netzwerke wie z.B. dem Speicherdienst der Europäischen Kommission, mit zehntausenden Abrufen nachweisbar. Weiterhin verweist Herteux darauf, dass Teile des Buches zeitnah in wissenschaftlichen Journalen mit Peer-to-Peer-Verfahren veröffentlicht werden. Nimmt man die medialen Publikationen in nationalen und internationalen Medien hinzu, kann von einer ersten Wahrnehmung gesprochen werden.

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