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    Lohr

    Als Christ nach eigener Rolle fragen

    Die Leidensgeschichte Jesu: Markus-Passion von Reinhard Keiser wurde in der evangelischen Kirche in Lohr aufgeführt. Foto: Xenia Trendel

    Eindrucksvolle Klänge und eine spürbare Spannung, die durch Wort, Musik und deren professionelle Darbietung entstand – so kann man das Konzert am Karfreitag in der evangelischen Auferstehungskirche beschreiben.

    Die vertonte Markus-Passion dargeboten von Chor, Orchester und Solisten, erfreute die Zuhörer und ließ gleichzeitig ein bitteres Gefühl zurück, das die Geschichte der Kreuzigung Jesu Christi mit sich bringt. Es war der Wunsch gewesen, so Dekanatskantor und Dirigent des Abends Mark Genzel, eine Passion wirklich genau an Karfreitag aufzuführen und so die Kirche an diesem hohen Feiertag zu füllen.

    Für das Konzert ließ man dieses Jahr den Nachmittagsgottesdienst ausfallen. Der Plan ging auf: Die Kirche war voll besetzt, über 100 Karten waren verkauft worden. Aufgeführt wurde die Komposition des Barock-Komponisten Reinhard Keiser. Der heute eher unbekannte Komponist erfuhr zu seinen Lebzeiten große Wertschätzung unter anderem von Johann Sebastian Bach, was den Stellenwert seiner Kompositionen unterstreicht.

    Die Markus-Passion ist Keisers einzige erhaltene geistliche Komposition. Sehr vielseitig, musikalisch ausdifferenziert und mit changierenden Klängen und Gedanken kommt das Werk daher. Genzel stellte dem Konzert die Frage voraus: Wo stehe ich als Christ in der Passionsgeschichte?

    Diese Frage wird, neben der reinen Erzählung der Passionsgeschichte, in der Musik ausgelotet. Der Chor übernimmt immer wieder verschiedene Funktionen: Mal tritt er musikalisch als hetzendes Volk auf, spitz und schrill interpretiert, mal als himmlischer Chor, mal in der Rolle der Gemeinde. Diese hat Keiser sozusagen mit in sein Werk hineinkomponiert: Sie wird in Chorälen, bekannten Kirchenliedmelodien, vom Chor repräsentiert.

    Christliche Werte vereint

    Farbig und lautmalerisch klingt die Musik, Harmonik und Melodik unterstreichen an jeder Stelle der Passion das Geschehen. Im Publikum vermischte sich alles zu einem gewaltigen Klangeindruck, man hatte das Gefühl, einen viel größeren Chor und ein größeres es Orchester vor sich zu haben als tatsächlich der Fall war: Mit lediglich 18 Sängerinnen und Sängern des Coro piccolo und neun Orchestermusikern kam Genzel aus. Er selbst begleitete einige Passagen zusätzlich mit dem Cembalo.

    Die Solisten vollendeten den Klangapparat: Oliver Kringel (Tenor) trat als Evangelist hervor, der den Großteil des Geschehens erzählte. Mit viel Ausdruck in der Stimme gestaltete er den Abend. Jakob Mack (Bass) sang die Partie des Jesus von der Kanzel herab. Sein Gebetsruf des scheidenden Jesu am Kreuz erfüllte die Kirche mit weichem, warmen und klagendem Klang, fast wie von einer anderen Welt.

    Die beiden Frauenstimmen Anja Stegmann (Sopran) und Jasmine Koth (Alt) bereicherten den Gesamtklang um die Höhen: In der Arie »O Golgatha! Platz herber Schmerzen« ließ sie die Zuhörer wie durch einen Fensterausschnitt von außen auf den Ort des Geschehens blicken. In Koths Solo "Wenn ich einmal soll scheiden" zu der berühmten, auch von Bach vertonten Melodie ("O Haupt voll Blut und Wunden") vereinten sich schließlich alle Gedanken und christlichen Werte, um die es an diesem Tag ging: Trost, Verzweiflung; Glaube, Liebe, Hoffnung.

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