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    WEYERSFELD

    Andrang im Container: Der Stofflagerverkauf in Weyersfeld

    Kurzwaren: Weigand hat unter anderem auch Knöpfe, altmodischere und modernere.

    Und hier kennt sich jemand aus? Diese Frage schießt einem beim ersten Blick in den Stoff-Lagerverkauf von Werner Weigand in Weyersfeld durch den Kopf. Tausende und Abertausende von Stoffballen stapeln sich in Regalen bis unters Dach und zum Teil davor. Dazu lassen Knöpfe, Fäden, Bänder, Reißverschlüsse und Borten die Herzen von Nähenthusiasten höher schlagen. Und die kommen mitunter von weither, der Lagerverkauf ist in Nähkreisen im Internet ein heißer Tipp. Und Kinder empfinden das Lager offenbar als geeignet für Versteck- und Fangspiele. Letzteres geht aber nur, wenn sie durchkommen.

    „Wir haben uns das nicht träumen lassen, dass das so wird“, sagt der 66-jährige Werner Weigand, ein gebürtiger Heßdorfer, der in Höllrich lebt. „Das war ein Selbstläufer, das ist immer doller geworden.“ Angefangen hat alles 1997 mit einer Lieferung von 30 000 Meter Reststoff einer Kleiderfabrik, ein ganzer Lkw voll. Die mussten irgendwohin. Weigand, der 1963 im Modehaus Schäffer in der Stoffabteilung eine Lehre zum Einzelhandelsverkäufer begonnen hatte, hat zwar seit 1992 einen eigenen Stoffgroßhandel, aber das war doch eine Nummer größer.

    Seit etwa 1989/1990 steht hinter der Avia-Tankstelle in Weyersfeld der ehemalige Container-Kindergarten aus Bad Brückenau. Ursprünglich sollten dort Mitsubishi-Autos ausgestellt werden, aber das Containergebäude war Mitsubishi nicht schick genug, erzählt Weigand. Also wurde alles Mögliche dort gelagert. Als nun die Großladung an Stoffen kam, hat der joviale Weigand die Räume angemietet, zunächst nur als Lager. „Es war überhaupt nicht so geplant“, sagt Weigand. Im Winter ist es kalt im Laden, im Sommer heiß. „Kälte erhöht die Entscheidungsfreudigkeit der Kunden“, scherzt Weigand.

    Im Jahr 2000 begann, zunächst sehr zaghaft, der Verkauf. Anfangs habe der Umsatz bei 70, 80 Mark in der Woche gelegen. Durch Mundpropaganda, vor allem auch im Internet, wurde der unübersichtliche Lagerverkauf über die Jahre zum Renner. Dass immer donnerstags und samstags geöffnet ist, liegt an Weigands Frau Gerlinde, die früher bei einer Bank arbeitete und nur an den beiden Tagen Zeit hatte. Einem Kunden habe er im Scherz mal erzählt, sie hätten Marktforschung betrieben und da seien Donnerstag und Samstag als die besten Tage herausgekommen, erzählt Weigand, der sehr leutselig ist und zwischen den Stoffwänden gern mal einen kleinen Plausch hält.

    Die Stoffe bezieht der Verkäufer hauptsächlich von verschiedenen Lieferanten in Holland, zu denen er jährlich mit seiner Frau fährt. Die wiederum beziehen ihre Ware aus Fernost. Daneben besuchen die Weigands Messen und kaufen Restposten von Kleiderfabriken auf, die Stoffe oft im nächsten Jahr nicht mehr brauchen können. So kommen Stoffe aller Art – für Kleidung, Vorhänge, Möbelbezüge, Tischdecken, Futter, Fasching und Markisen – mit allen möglichen Farben, Mustern und Motiven zusammen. „Eulen halten sich hartnäckig“, sagt Tochter Katja, eine gelernte Schneiderin. Auch von den ersten 30 000 Metern Stoff sei noch etwas da, sagt ihr Vater.

    Die Weigands führen außer dem Großhandel und dem Lagerverkauf ein Ladengeschäft in Hammelburg. Ein weiteres in Bad Brückenau haben sie 2010 zugemacht, als die Verkäuferinnen in Rente gingen. Aus Bad Brückenau ist Verkäuferin Gabi mit nach Weyersfeld gegangen, wo sie fröhlich Kunden berät und Stoffe schneidet.

    Die Kunden kommen aus einem weiten Umkreis. Heute kaufen zwei Frauen Stoffe ein, aus denen verschiedene Dinge für Kinder entstehen sollen. Sie möchten, so ihr Plan, einen Laden in Bad Kissingen mit handgefertigten Kindersachen eröffnen. Weigand hat auch gleich einen Rat für sie: „Fangen Sie klein an, wachsen können Sie immer noch.“

    Auch aus der Schweiz und sogar aus Neuseeland seien schon Kunden gekommen. Die Neuseeländerin hat Trachtenstoff gesucht, die Schweizerin hat ein halbes Jahr später eine Tüte mit einer Schere an die Tür des Ladens gehängt, die sei ihr aus Versehen mit eingepackt worden. „Bei uns läuft alles auf Vertrauensbasis“, sagt Weigand. Das gelte auch für Faschingsvereine aus der ganzen Region, die bei ihm genauso einkaufen wie Theater und oft große Mengen mitnehmen – und auch wieder bringen.

    Die 42-jährige Heike aus Langenprozelten, die sich recht geübt zwischen den Regalen bewegt, sagt: „Das kennt hier jeder.“ Sie erzählt, dass sie irgendwann mit der Nähmaschine ihrer Mutter angefangen hat, die Hosen ihrer beiden Jungs, die ständig kaputt waren, zu nähen. Seitdem hat sie Blut geleckt. Inzwischen näht sie nicht mehr nur Taschen, sondern auch T-Shirts und Blusen. „Hier hast du Dimensionen, das ist Wahnsinn“, sagt sie zum Lagerverkauf. Als eine andere Näherin einen Faden für eine Hängematte sucht, holt Weigand eine echte Rarität hervor, einen besonderen Leinenfaden, zu dem er sagt: „Das ist ein Faden, den gibt's gar nimmer.“

    Noch mehr los als an normalen Verkaufstagen ist beim Sonderverkauf, der in diesem Jahr von 7. bis 10. Mai stattfindet. Der sei aus Platznot entstanden, sagt Weigand. Jetzt werden einmal im Jahr in einem großen Bierzelt Stoffe ab einem Euro verkauft. „Kommen Sie mal zum Sonderverkauf, dann träumen sie nachts von Stoffen und Leuten“, sagt Tochter Katja. Sie beteuert, dass sie sich im Stofflager zurechtfindet. Womit diese Frage geklärt ist.

    Hätte selbst nicht mit so viel Ansturm gerechnet: Stoffhändler Werner Weigand in seinem Lagerverkauf. Foto: Björn Kohlhepp
    Kundinnen suchen Stoff für Kindersachen.
    Stoffe, Stoffe, Stoffe.

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