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    Steinfeld

    Arbeitskraft, Zehnt und Steuern für die hohen Herren

    „Es gab nichts zwischen Himmel und Hölle, was nicht mit einer Abgabe belastet war.“ Das Elend der Bauern im badischen Amt Steinfeld beleuchtet Teil 2 unserer Geschichte.
    Steinfeld war früher von einer bis zu drei Meter hohen Dorfmauer und vier „Thoren“ sowie im Westen durch den Hofgraben umgeben. Das Foto zeigt ein Stück der Dorfmauer (um 1930) unterhalb der Würzburger Straße. Heute stehen davon nur noch Reste. Foto: Franz Schaub

    Vor 200 Jahren „brach heller Jubel“ unter den Bewohnern im damaligen Großherzoglich-badischen Amt Steinfeld aus. Der Grund: Dieses Ländchen mit elf Dörfern, 5400 Einwohnern und dem Kloster Mariabuchen wurde 1819 wieder fränkisch und dem Königreich Bayern zugeteilt. Vorher hatte mancher arg leiden müssen, geht aus den Berichten des langjährigen Karbacher Lehrers Peter Apfelbacher hervor. Auch zwischen den Dörfern gab es Reibereien.

    „Sehr belästigend wirkten damals die vielen Zollschranken für alle erdenklichen Erzeugnisse," berichtet Apfelbacher. So musste zum Beispiel ein Häfner aus Hafenlohr, der seine Waren auf dem Markt in Karbach verkaufen wollte, Zölle entrichten. Die Einhebung der Zölle und Nebengebühren „wurde meist mit großer Strenge betätigt“. Jedes der elf Dörfer hatte seinen eigenen Zoll- und Verzehrsteuer-Einnehmer, Karbach und Steinfeld zudem jeweils einen Obereinnehmer, „der stets aus einer besseren Familie stammte und in hohem Ansehen stand, obschon man ihn eigentlich nicht recht leiden mochte, weil er gar zu sehr auf badischer Seite stand. Die badischen Steuersätze lagen zudem um die Hälfte höher als die in Franken“.

    Spöttereien zwischen Dörfern

    Die Unterschiede der politischen Verhältnisse führten zwischen den Bewohnern von Nachbardörfern zu Sticheleien und Reibereien. So neckten sich die Badener und Franken auf Jahrmärkten oder an Kirchweih gerne mit Versen, von denen Apfelbacher einige Beispiele anführt. „Die zufällig fränkisch gebliebenen Billingshäuser rieben den zwangsweise badisch gewordenen und zum Tanzvergnügen erschienenen Birkenfeldern mit fideler Musikbegleitung folgendes Lied unter die Nase:

    In Baden liegt das Birkenfeld,
    Das macht so stolz ihr’n Kopf.
    Sie trink‘n bad’schen Erdbirnschnaps
    Und zerr’n einander beim Schopf.
    Ein jeder führt sein‘ stolzen Gang,
    Und thut gewaltig g’scheit!
    Ein jeder will der Höchste sein,
    Veracht‘ die and’re Leut.
    Ihr Kirchturm aber, der ist kle,
    Es fehlt auf ihm ein Wort.
    Ich mein halt so: Ihr Gockelhahn,
    der wär‘ der Höchst‘ im Ort!

    Der Vers der würzburgischen Urspringer für ihre badischen Nachbarn aus Ansbach lautete so:
    „Es Osbi, es Osbi,
    dös leit so olber am Re.
    Und wenn der Schulz `n Seufzer lässt,
    so hört’s die ganz Gemee!“
    (Anmerkung: Böse Mäuler sagten statt Seufzer meist etwas anderes).

    Die Karbacher trugen den Spitznamen „badische Schecken“ oder kurz „Schecken“, weil sie meist Scheckvieh hielten, das sie auf den Viehmärkten in Wertheim ankauften. Derartige Uzereien färbten auch auf die Schulbuben ab. Die Hafenlohrer Buben schrien beim Baden im Main hinüber: „Ihr Korbier badische Saure-Milch-Bauer!“ Die prompte Antwort der Karbacher: „Wir fürchten uns nit vor euch dürre Dünnsuppenlöffler!“

    Grafik Badisches Amt Steinfeld Foto: Sebastian Ruppert

    Auch die nur ein Kilometer voneinander entfernten Dörfer Steinfeld und Hausen gehörten zu verschiedenen Herrschaftsgebieten. Wie die älteren Zeitzeugen noch wissen, blieb es da nicht bei Neckereien. Noch bis in die 1950er Jahre hinein kam es auf den zwischenliegenden Wiesen zu regelrechten Schlägereien zwischen den „Steefelder Russe“ und „Haüsemer Türke“. Diese Raufereien haben gottlob mit der gemeinsamen Beschulung der Kinder und der Eingemeindung Hausens ihr Ende gefunden.

    Zehnt, Frondienste und Krieg belasteten die Bauern

    „Unheimlich schwer belastet mit Abgaben aller Art war die Bauernschaft auch im Amte Steinfeld. Denn die adeligen und sonstigen Grundherren wollten ihren Lehnsträgern, den Bauern, keine Erleichterungen gewähren, um nicht auch noch ihr eigenes Fortkommen zu gefährden“. 

    Apfelbacher führt ein Beispiel aus Karbach an. „Der Bauer war nicht Eigentümer von Grund und Boden, Gebäuden und Vieh, er war nur eine Art Pächter“. So bildeten in Karbach fünf Häuser „unter dem Namen Fronhof zusammen eine einzige geschlossene Hofriet mit fünf Wohnhäusern und zwei Scheunen sowie 120 Morgen Grundstücken. Grundherr war das Hochstift Würzburg“. Diesem mussten die beliehenen fünf Bauern jährlich neun Malter Korn und fünf Malter Haber als Lehen oder Gült geben. So gab es in Karbach u. a. noch den Juliusspitalhof, den Sickingenschen Freihof oder den Erlenbacher Hof.

    Keinem Bauern war es möglich, vom Grund und Boden etwas zu verkaufen. Wollte die Familie nach dem Tod des Bauern auf der Hofriet bleiben, musste die Witwe beim Grundherrn um Neubelehnung bitten. Dafür hatte der Bittsteller als Zeichen der Unterwürfigkeit das sogenannte „Besthaupt“, das beste Stück Vieh abzugeben. So holten sich in den Dörfern mehrere Grundherrschaften das Jahr über nach der Ernte und um Martini und Fastnacht ihre Gefälle ein. „Es gab nichts zwischen Himmel und Hölle, was nicht mit einer Abgabe belastet war.“

    Mehrere Grundherren in einem Dorf

    In den anderen Dörfern des Amtes Steinfeld war es ähnlich. So gab es in Steinfeld den Schafhof und den Echterhof, dem früheren Neustadter Klosterhof. Er wurde auch „Echtersches hohes Haus“ genannt und befand sich nach Barthels vermutlich im Pfarrgarten oberhalb der Zehntscheune. Alte Steinfelder Flurnamen wie „Gräfliche Hofäcker“, „Pfaffenwiese“ und „Fürstenläng“ erinnern noch heute an die Zeit der Grundherren.

    Die Zehntscheune in Steinfeld, von der heute nur noch die Grundmauern stehen, wurde 1627 vom Kloster Neustadt errichtet. Heute erinnern nur noch die Grundmauern und die originale Bautafel an das historische Gebäude. Foto: Franz Schaub

    Zusätzlich hatten die Bauern den zehnten Teil ihrer Ernten des Getreides, der Rüben, der Kartoffeln und der Baum- und Gartenfrüchte abzugeben. Der Steinfelder Flurname „Hiefenzehnt“ ist Beleg dafür, dass man sogar auf Hagebutten den Zehnt erhob. Die Bauern konnten ihre eigene Ernte nicht eher einfahren, bis sie die Abgaben für die Grundherren in die Zehntscheune gebracht hatten. In Steinfeld war die Zehntscheune ein mächtiger Bau, den schon das Kloster Neustadt 1618 errichten ließ und den später auch die badischen Herren und das Löwensteinische Fürstenhaus nutzten.

    Eine Dorfordnung von Steinfeld belegt, dass die Herrschaften die Bauern zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch wie Leibeigene behandelten. Im „Steinfelder Weistum über seine schuldigen Herrenfrohnden" aus dem Jahr 1813 regelte die badische Herrschaft die Frondienste, die Nutzung von Wald, Weide und Wasser sowie die Besetzung, Zuständigkeit und Strafgewalt des dörflichen Gerichts. Vergleichbare „Dorfordnungen“ liegen unter anderem auch für Greussenheim, Birkenfeld und Karbach vor.

    Frondienste auf der Burg Rothenfels

    Die lehenspflichtigen Bauern im Amt Steinfeld mussten – „aus ihrer eigenen Arbeit oft unbarmherzig herausgerissen“ – als Frondienste außerdem Reparaturen an der Burg Rothenfels vornehmen, Scheitholz zur Burg bringen, Treiber für die wochenlange Jagd der adeligen Herren abstellen, die Spessartwege unterhalten, die Schlossweinberge auf Rothenfels bebauen, bei der Traubenlese mithelfen und Gespanne für die Fahrten der Herrschaften stellen.

    Zusätzlich stark belastet waren die Dorfbewohner damals während der vielen Kriege in der Napoleonischen Zeit durch Kriegssteuern, tagelange Einquartierungen durchziehender Truppen und Abstellung von Soldaten. Zahlreiche Soldaten aus dem badischen Amt Steinfeld, die in Napoleons Armee 1812 am Russlandfeldzug teilnehmen mussten, kehrten nicht mehr zurück. (Fortsetzung folgt)

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