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    Lohr

    "Behinderung ist kaum Thema"

    Wenn es nach Jürgen Dusel, dem Behindertenbeauftragten der Bundesregierung ginge, müssten Unternehmen, die keine Menschen mit Behinderung beschäftigen, künftig eine höhere Ausgleichsabgabe zahlen. Derzeit sollen Firmen mit über 20 Arbeitsplätzen mindestens fünf Prozent davon an Menschen mit Schwerbehinderung vergeben, sonst ist eine Ausgleichsabgabe fällig. Wie sieht es bei der Umsetzung der Quote in Main-Spessart aus?

    Laut der Beschäftigungsstatistik Schwerbehinderter Menschen der Bundesagentur für Arbeit liegt Main-Spessart über der geforderten Quote von fünf Prozent. Von den 34310 zu zählenden Arbeitsplätzen sind 1844 Pflichtarbeitsplätze besetzt. Das entspricht einer Quote von 5,4 Prozent. Wie der Beauftragte für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Zentrums Bayern Familie und Soziales, als zuständige Behörde in Bayreuth, Michael Neuner, gegenüber der Redaktion erklärt, sei die Tendenz im Landkreis sogar steigend. Man liege auch höher als der Landesschnitt in Bayern. Im Land beläuft sich die Quote laut der Gebietsstandserhebung vom März 2019 auf 4,6 Prozent, den gleichen Wert wie im Bund.

    "Wenn jemand Vorurteile gegenüber behinderten Menschen hat, ist das nur schwer zu ändern", sagt Neuner. Dabei beweise die Statistik: "Menschen mit Behinderung bringen volle Leistung und sind weniger krank." Trotzdem liege die Arbeitslosigkeit bei Menschen mit einem Behinderungsgrad ab 50 Prozent höher als bei Nichtbehinderten.

    Als einen Lohrer Betrieb, der die Pflichtquote seit Jahren überdurchschnittlich erfüllt und Menschen mit Behinderung beschäftigt, nennt Neuner die Bosch- Rexroth AG in Lohr, die bundesweit 940 und in Lohr rund 340 Menschen mit Behinderung beschäftigt.

    Das Thema Inklusion sei für Bosch Rexroth sehr wichtig, erklärt Pressesprecherin Nicole von Killisch-Horn auf Nachfrage. "Unser Ziel ist es, auch Menschen mit Behinderung eine berufliche Perspektive zu geben." Dafür arbeitet das Unternehmen sowohl eng mit den Schwerbehindertenvertretungen an den Standorten und auf Unternehmensebene zusammen, als auch mit Behinderteneinrichtungen und -werkstätten. Die Integration von schwerbehinderten Mitarbeitern in die betrieblichen Abläufe eines Unternehmens sei dabei für beide Seiten eine wertvolle Bereicherung, so Killisch-Horn.

    Am Standort Lohr engagiert sich Bosch Rexroth laut Killisch-Horn zusätzlich für das Projekt "Inklusiv – Gemeinsam arbeiten" der Mainfränkischen Werkstätten. In diesem Rahmen ermöglicht das Unternehmen entsprechend geeignete Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung und integriert diese ihren Begabungen entsprechend in betriebliche Abläufe. Das familiengeführte Furnier- und Sägewerk Mehling & Wiessmann in Lohr hat unter seinen 48 Mitarbeitern seit vielen Jahren zwei Schwerbehinderte, teilt die Assistentin der Geschäftsleitung, Diana Paul, gegenüber der Redaktion mit. "Unsere Erfahrung bei Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz zeigt, dass bei uns die Behinderung der Mitarbeiter kaum Thema ist", so Paul. Dass einer der beiden Mitarbeiter zu den besten Mitarbeitern in der Furnierproduktion zähle, zeige, dass aus Arbeitgebersicht Fachwissen, Verlässlichkeit oder Einsatz viel mehr zählen als der Grad einer Behinderung.

    Weltweit beschäftigt die Warema Group mit Sitz in Marktheidenfeld über 3800 Mitarbeiter. Mehr als fünf Prozent haben eine anerkannte Schwerbehinderung beziehungsweise Gleichstellung erhalten, berichtet Sandra Mairon, zuständig für die Unternehmenskommunikation des Betriebes.

    "Als Familienunternehmen sehen wir es als selbstverständlich an, auch kranken und behinderten Menschen einen Arbeitsplatz zu geben." Eine Schwerbehindertenvertretung, die sich um alle Belange der schwerbehinderten Menschen kümmert und deren Eingliederung in den Betrieb fördert, sei installiert.

    Auch von den Kollegen gelebt

    Gemeinsam mit dem Vorgesetzten werde definiert, wie die Arbeitsumgebung oder der Arbeitsablauf für den betroffenen Mitarbeiter gestaltet werden könne, damit dieser seiner Arbeit nachgehen kann. Darüber hinaus werde, so Mairon, die Inklusion bei Warema auch von den Kollegen gelebt.

    "Wir haben bereits viele positive Erfahrungen mit Menschen mit Handicap gemacht", resümiert Mairon. "Viele behinderte Mitarbeiter sind gut ausgebildet, was sich in Zeiten des Fachkräftemangels positiv bemerkbar macht.2 Sowohl für die Kollegen als auch für das Unternehmen seien diese Mitarbeiter eine Bereicherung.

    Diana Paul hat ähnliche Erfahrungen: "Ob jemand eine Behinderung hat oder nicht, ist doch in ganz vielen Bereichen des Lebens nicht die wichtigste Frage", sagt sie, "zumindest erlebe ich das hier unter unseren Mitarbeitern so."

    "Inklusion als Prozess erfordert vom Unternehmen und insbesondere auch von den beteiligten Führungskräften und Beschäftigten Engagement, aber es ist eine bereichernde Erfahrung", hat meint auch Nicole von Killisch-Horn abschließend.

    Ausgleichsabgabe
    Laut Jürgen Dusel, dem Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, verweigern sich in Deutschland ein Viertel aller Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten – insgesamt rund 41000 Firmen – der Inklusion komplett. Der aktuellen Regelung zufolge sollen Unternehmen mit mehr als 20 Arbeitsplätzen mindestens fünf Prozent davon an Menschen mit Schwerbehinderung vergeben. Eine Ausgleichsabgabe zwischen 125 und 320Euro pro Monat – abhängig von Betriebsgröße und Unterschreitung der Quote – für jeden unbesetzten Pflichtarbeitsplatz bezahlt derjenige, der die Quote nicht erfüllt. Laut Dusel kämen so jährlich 500 Millionen Euro zusammen. Geld, das über Inklusionsämter zur Förderung behindertengerechter Arbeitsplätze verwendet wird.

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