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    Lohr

    Bei Urmel läuft es in Lohr wie am Schnürchen

    Kurz vor seinem großen Auftritt mit der Augsburger Puppenkiste in Lohr hängt das Urmel noch ein bisschen hinter der Bühne ab. Ganz gelassen baumelt es da an einem Haken – von Lampenfieber keine Spur. Urmel ist am Sonntag zusammen mit Waran Wawa, Mama Wutz, Professor Habakuk Tibatong und anderen berühmten Marionetten von Augsburg nach Lohr gereist. Vier Puppenspieler helfen den allseits bekannten und beliebten Figuren bei den beiden Vorstellungen in der Alten Turnhalle auf die Sprünge.
    Urmel, Mama Wutz und Waran Wawa machen Faxen auf der Bühne. Hans Kautzmann, Melanie Marschall und Phil Bierbrauer haben die Puppen fest im Griff. Foto: Boris Dauber

    Kurz vor seinem großen Auftritt mit der Augsburger Puppenkiste in Lohr hängt das Urmel noch ein bisschen hinter der Bühne ab. Ganz gelassen baumelt es da an einem Haken – von Lampenfieber keine Spur. Urmel ist am Sonntag zusammen mit Waran Wawa, Mama Wutz, Professor Habakuk Tibatong und anderen berühmten Marionetten von Augsburg nach Lohr gereist. Vier Puppenspieler helfen den allseits bekannten und beliebten Figuren bei den beiden Vorstellungen in der Alten Turnhalle auf die Sprünge.

    Das Urmel ist ein absoluter Profi: Bereits im Jahre 1969 stand es mit seinen Freunden vor der Fernsehkamera. Seitdem hat es unzählige Bühnenshows und Serienauftritte gemeistert. Wundersamerweise sieht der kleine Dino heute noch genauso knuffig und jung aus wie vor 50 Jahren. Klar, dass er für die insgesamt 300 Zuschauer in Lohr mit Freude auf "große Reise" geht.

    Die Fäden in der Hand

    Puppenspieler Hans Kautzmann und seine drei Kollegen haben dabei die Fäden in der Hand. Sie sind Ensemblemitglieder der Augsburger Puppenkiste und damit nicht nur Marionettenspieler, sondern auch als Puppenschnitzer, Kostümschneider, Maler und Kulissenbauer im Einsatz, um nur einige ihrer Aufgaben zu nennen. "Eine Produktion der Augsburger Puppenkiste kommt komplett aus dem Haus – von den Puppen bis zu den Kulissen und Requisiten", erläutert der 52-Jährige.

    Florian Moch hat schon als Jugendlicher Puppen nachgebaut, die er in den Fernsehserien der Augsburger Puppenkiste gesehen hatte. Seine letzte Marionette schnitzte der 33-Jährige für das Kabarett-Programm 2020, das an Silvester Premiere feierte und Politsatire, gespielte Witze, Musik und Akrobatiknummern mit Puppen bietet. "Das war Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie wurde gerade einmal drei Tage vor der Premiere eingefädelt", erzählt er. In der Realität wird AKK politisch gerade wieder ausgefädelt. Es sei absehbar, dass sie nicht für die Ewigkeit mitspielt, sagt Moch achselzuckend.

    Fans wollen Fotos mit Urmel

    Das Urmel hat aber viel schwerwiegendere Probleme: Zumindest im Stück "Urmels große Reise", das in Lohr aufgeführt wurde. Es muss ein Rhinozeros auftreiben, um Mama Wutz zu helfen, die unter Verstopfung leidet. Eigentlich hat der Professor zwar von Rizinus gesprochen, doch Urmel hat "Rizinüsse" verstanden und Waran Wawa Rhinozeros daraus gemacht. Deshalb bricht Urmel zu einer abenteuerlichen Reise nach Afrika auf, um ein Nashorn als Heilmittel aufzutreiben.

    Doch bevor das Urmel auftritt, vertritt es sich noch schnell ein bisschen in der Lohrer Anlage die Beine. Frech kuschelt es sich an das Schneewittchen, das dort regungslos auf der Bank sitzt. Das Treffen dieser zwei berühmten Märchenfiguren nimmt eine Frau, die mit ihrem Hund Gassi geht, zum Anlass, das Urmelchen um ein Foto mit sich zu bitten. Als volksnaher Fernsehheld willigt der kleine Dino gerne ein. Schneewittchen bleibt verlegen auf der Bank hocken, gegen so viel Starpower kann sie nicht anstinken.

    Puppenspieler sind sichtbar

    Bei dem Gastauftritt in Lohr gibt es eine Besonderheit: Die Puppenspieler sind mit auf der Bühne, ziehen dort sichtbar die Fäden statt hinter den Kulissen zu agieren. "Im Endergebnis ist das aber wurscht, weil man auch dabei innerhalb kürzester Zeit für die Kinder unsichtbar ist – und für die meisten Erwachsenen genauso", sagt Hans Kautzmann.

    Mit Puppen zu spielen, hört sich erst einmal wie ein Kinderspiel an, doch der Job kann ganz schön beschwerlich sein. Melanie Marschall, die Urenkelin des Puppenkisten-Gründers Walter Oehmichen, berichtet, dass "ein langer Auftritt in einer Hauptrolle vor allem für den Rücken sehr anstrengend ist". Laut Kautzmann wiegen die Puppen normalerweise zwischen 800 und 1200 Gramm. "Das spielt man am langen Arm, was ein bisschen so ist wie kunstvolles Maßkrugstemmen", sagt der 52-Jährige.

    Da Urmel mit seinen geschätzt zwei Kilo ein echtes Schwergewicht ist, wechseln sich die Marionettenspieler bei ihrem Auftritt ab. Jeder darf mal der Bewegungsapparat des grünen Hauptdarstellers sein. Um die Puppen zum Tanzen zu bringen, bewegen die Marionettenspieler je nach Figur einen bis 130 Fäden.

    "Bis man mittlere Rollen spielen kann, dauert es drei Jahre. Bis man Hauptrollen spielen kann, sind es sechs Jahre", sagt Kautzmann. Das hänge aber bei jedem Einzelnen davon ab, wie talentiert er ist und wie viele Übungsstunden er bekomme, schiebt der Augsburger, der im Stück auch eine heiße Rolle als Vulkan übernimmt, hinterher.

    Märchenhaft: Urmel schmiegt sich ans Lohrer Schneewittchen. Foto: Boris Dauber

    Das Lohrer Publikum ist begeistert von den vier Puppenspielern und ihren hölzernen Fabelwesen. Swetlana Rausch, die mit ihrem fünfjährigen Sohn Darius zugeschaut hat, war das erste Mal live bei der Augsburger Puppenkiste. Es habe sich auf jeden Fall gelohnt, sagt die Pflochsbacherin. Wie realistisch die Marionetten auf Kinder wirken, zeigt eine Frage, die Darius ihr nach der Vorstellung gestellt hat. "Mama, sind die Figuren echt?", wollte der Fünfjährige wissen.

    Wer sich im Zuschauerrang umguckt, dem fällt auf, dass jedes Alter vertreten ist: Die Augsburger Puppenkiste, die vor fast genau 72 Jahren mit dem Märchen vom gestiefelten Kater Premiere feierte, ist ein generationenübergreifender Spaß. Für Eleonore Ziemainz, Hausmeisterin in der Alten Turnhalle in Lohr, war das Urmel früher schon das Höchste. "Da hat man sich als Mutter bei den Kindern dazugesetzt und mitgeschaut", erzählt die 60-Jährige. Helen und Hans Stengl aus Michelrieth hatten ihren vierjährigen Enkel Emil dabei. "Wir hätten uns sonst ein Kind ausgeliehen, um hinzugehen", sagt Helen Stengl und schmunzelt.

    Hat das Puppentheater Zukunft?

    Im Fernsehen ist die Augsburger Puppenkiste aktuell kaum mehr zu sehen. Computeranimierte Trickfilme beherrschen das Kinderprogramm. Doch Hans Kautzmann hat keine Bedenken, dass er bald ohne Job dasteht: Besonders Live-Auftritten bescheinigt er eine ganz besondere Faszination. "Es ist völlig wurscht, ob man das mit Marionetten, Handpuppen, Stabpuppen, einem Knetmassebollen oder einem Kuscheltier macht. Sobald dieser sonst tote Gegenstand bewegt wird, fasziniert er die Kinder", erklärt der Puppenspieler.

    In Lohr hat auf der Bühne alles wie am Schnürchen geklappt. Davor mussten sich die Kinder, um das Geschehen gut sehen zu können, teilweise auf die Stühle stellen oder im Mittelgang näher heranpirschen. Das Urmel und seine Freunde sind zwar große Stars, messen in Wirklichkeit aber gerade mal rund 40 Zentimeter. Mehr braucht es auch nicht, damit sich alle Köpfe nach ihnen umdrehen.

    Bearbeitet von Boris Dauber

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