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    Gänheim

    Biobauer beklagt Steinwüsten in Vorgärten

    Engagiert und streitbar: Der Gänheimer Biobauer Johannes Keidel. Foto: Günter Roth

    Mit dem Volksbegehren "Rettet die Bienen" wollen verschiedene Organisationen gemeinsam nicht nur die Bienen, sondern auch andere Insekten retten und insgesamt strengere Regeln für den Artenschutz durchsetzen. Viele Menschen unterstützen diesen Vorstoß, doch andere - insbesondere Landwirte - üben heftige Kritik. Der Bio-Bauer Johannes Keidel aus Gänheim hat dazu eine klare Meinung. Im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt er, was ihn besonders stört.

    Frage: Herr Keidel, wie kann sich gerade ein so engagierter Biolandwirt wie Sie gegen das Vorhaben der Initiative wenden?

    Johannes Keidel: Ein wichtiger Punkt, der mir aufstößt, ist, dass hier ausschließlich gegen die Landwirtschaft geschossen wird, ohne auch nur im Geringsten den Verbraucher mit in die Verantwortung zu nehmen. Für den braucht es gerade zwei Mal zwei Minuten, sich einzutragen und dann ist er aus der Verantwortung entlassen.

    Kommen die Verbraucher wirklich so einfach davon?

    Keidel: Ich meine ganz sicher: Ja! Ich finde im Flyer der Initiative keinen Hinweis auf die Mitverantwortung der Bürger. Hier steht wörtlich: "Es dauert für Sie nur zwei Minuten, aber Sie retten das Leben bedrohter Arten...!" Das ist Quatsch, mit zwei Minuten ist das Problem nicht gelöst. Es müsste hier deutlich heißen: "Liebe Verbraucher, wir brauchen eure Unterschrift, aber wir alle müssen dafür auch Geld und Zeit investieren."

    Was erwarten Sie vom Verbraucher selbst?

    Keidel: Ich sage es jetzt einmal überspitzt: Jeder, der hier unterschreibt, müsste sich verpflichtet fühlen, diese Forderungen in seinem privaten Bereich selbst umzusetzen und vor allem ab sofort nur noch biologisch oder zumindest regional erzeugte Lebensmittel kaufen."

    Bio-Ware wird aber doch schon fast überall angeboten. Haben Sie Probleme mit dem Absatz?

    Keidel: Es ist in der Tat so, dass wir beispielsweise mit dem Getreide oder mit der Milch oft nicht wissen wohin und massiv unter Preisdruck stehen. Kurz gesagt, der eigentlich notwendige Absatz ist in vielen Bereichen einfach nicht in ausreichendem Umfang da.

    Wird denn gegenwärtig so viel Bio erzeugt?

    Keidel: Das müssen wir wieder von der anderen Seite betrachten. Eigentlich wird in Europa Bio nur hauptsächlich in Deutschland, Österreich und in der Schweiz nachgefragt. Erzeugt wird aber viel im europäischen oder sonstigen Ausland und mit diesen Preisen können wir nicht gleichziehen, weil dort andere Produktionsbedingungen herrschen. Und wenn's ums Geld geht, gilt leider auch bei Umweltfreunden oft der Spruch: "Die Moral endet am Regal!"

    Aber es gibt doch mittlerweile europaweite Vorschriften und Regeln.

    Keidel: Weitgehend ja, aber es werden dort beispielsweise keine Kleinstrukturen, keine Hecken und keine anderen Auflagen, wie im gegenwärtigen Entwurf, gefordert. In vielen Bereichen sind dort einfach die Rahmenbedingungen und vor allem die Produktionsstandards anders; angefangen bei den Löhnen, den Transportkosten und womöglich auch bei den Kontrollen.

    Der Keidelhof war nach der Flurbereinigung fast ohne grünen Umgriff. Mittlerweile wurden dort gezielt Hecken und grüne Naturflächen angepflanzt. Foto: Günter Roth

    Das Volkbegehren will auch in der landwirtschaftlich genutzten Flur mehr Raum schaffen für bunte Feldraine und Blühstreifen zugunsten der Wildtiere. Wieso werden gerade die Raine gar so bald im Frühjahr, meist vor der Blüte gemäht?

    Keidel: Oft muss das wirklich nicht in diesem Maße sein. Manche Pflanzen, beispielsweise die Neophyten, muss man kurzhalten. Aber ansonsten könnte man diese Randstreifen blühen lassen oder mit gezielt ausgewählten Dauerpflanzen aufwerten und somit auch Lebensraum für Insekten schaffen.

    Gefordert wird auch, dass zehn Prozent der Wiesen deutlich später gemäht werden.

    Keidel: Das ist dann das Gras, das zur Fütterung für Milchkühe nicht mehr geeignet ist. Es gibt ja durchaus Wiesen, die dafür geeignet sind, wenn sie für Pferdeheu genutzt werden. Eine feste Regel von zehn Prozent – egal ob auf unserer fränkischen Trockenplatte, im Spessart oder im eher feuchten Allgäu ohne Rücksicht auf die örtliche Situation – ist sehr, sehr problematisch. Wenn der Volksentscheid durch ist, gilt das Gesetz. Und das hat mit der Natur dann nichts mehr zu tun. Schon bei der jetzigen Rechtslage können oftmals eigentlich vernünftige Lösungen nicht mehr umgesetzt werden.

    Biobauer Johannes Keidel aus Gänheim. Foto: Günter Roth

    Manche Landwirte stören sich auch an der Regel, dass Ackerland nicht mehr als solches genutzt werden darf, wenn es mehr als fünf Jahre als Grünland stillgelegt war.

    Keidel: Die Folge wird wohl sein, dass kein Bauer mehr solches Grünland einplanen wird, weil er davon ausgehen muss, damit es nicht in den Status Dauergrünland fällt und es für ihn verloren sein wird.

    Wie könnte eine bessere Regel aussehen?

    Keidel: Lasst uns doch das Problem gemeinsam angehen und gestalten, aber nicht verordnen – mit wechselnden Blühstreifen im Rahmen der natürlichen Fruchtfolge. Das hätte den Nutzen, dass diese Flächen nicht verunkrauten und später wieder mit Chemie bearbeitet werden müssen.

    Johannes Keidel (Zweiter von rechts) zeigt seinen Offenstall, in dem sich die Tiere frei bewegen können. Foto: Günter Roth

    Das Volksbegehren fordert mehr Fläche für die Natur.

    Keidel: Wo soll die herkommen? Fläche für die Natur, das heißt doch ohne Wenn und Aber diese Fläche aus der Produktion zu nehmen. Dann aber werden wir alle mit unseren bisherigen Lebensgewohnheiten - oder besser Verzehrgewohnheiten - (macht eine lange Pause) womöglich noch weniger in der Lage sein, uns selbst zu ernähren und dann aufgrund unserer Wirtschaftsmacht verstärkt den Armen dieser Welt deren Nahrungsmittel wegnehmen. Wir alle müssen umdenken: Das heißt weniger Fleischverzehr, weniger leben aus dem Vollen, anderer Wohlstand, andere Wertigkeiten. Und aus dieser Problematik möchte ich mich selbst gar nicht ausnehmen. Mit dem Ökoanbau kriegen wir das Land nicht satt.

    Was erwarten Sie als Biobauer jetzt vom einzelnen Bürger?

    Keidel: Zunächst ist mir wichtig, dass er weiß, was er unterschreibt. Und wenn der Bürger eine Bio-Quote von 30 Prozent fordert, gehe ich davon aus, dass er zu 100 Prozent Bio einkauft. Wenn aber jemand sagt, ich habe durch meine Unterschrift meinen Anteil geleistet, dann hat er für mich versagt.

    Noch mal zur Mitwirkung aller Bürger am Umdenken. Wie sehen Sie deren Bereitschaft dazu?

    Keidel: Wir müssen alle bereit sein, Artenschutz schon zu Hause zu praktizieren. Da sind die Mähroboter unterwegs, die nichts stehen lassen, da werden ganze Vorgärten mit Steinen in Gabionen zugeschüttet, wo mit Sicherheit nichts, aber auch gar nichts wächst und gewiss auch kein Insekt überleben kann. Koniferen und Thujen könnten durch blühende Hecken ersetzt werden und in privaten Gärten dürften auch mehr Obstbäume stehen. Kommunen sollten auf brachliegenden Flächen gezielt Blühkonzepte umsetzen und Straßenränder gezielt mulchen.

    Der Biohof Keidel
    Der Keidelhof in Gänheim östlich von Arnstein ist als Aussiedlerhof etwa zwei Kilometer vom Ort entfernt. Gegründet wurde er 1958 vom Vater des jetzigen Bauern als erster Biobetrieb in Unterfranken. Schon damals hat die Familie ihre Aufgabe als Landwirte hinterfragt und ihre Erzeugnisse als "Lebens-Mittel" verstanden. Der Familienbetrieb umfasst 110 Hektar Ackerfläche mit dem Anbau von gemischtem Getreide und Gemüse.
    Außerdem gibt es eine Ammenkuh-Haltung. Dabei säugen die 23 Ammenkühe jeweils zwei bis drei Kälber, die so bis zu ein halbes Jahr lang aufgezogen werden. Daneben hält die Familie zwei Bullen und 40 Ochsen im Offenfrontstall, der den Tieren auch im Winter Luft und Freiraum für Bewegung lässt. Auf dem Hof wird kaum Kraftfutter gegeben und Homöopathie angewandt.

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