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    Lohr

    Brutkasten für Musiker und Bands

    Beim Death/Trash Metal von "Fragmentory" ging im Lohrer Jugendzentrum die Post ab.  Foto: Thomas Josef Möhler

    Zurück zu den Wurzeln – auf diesen Weg hat sich das Jugendzentrum am Samstag mit einem Konzert "Ehemaliger" zu seinem 40-jährigen Bestehen gemacht. Denn der Wunsch vieler Jugendlicher nach eigenen Probe- und Konzerträumen war eine der Triebkräfte, die zur Entstehung der Einrichtung geführt haben.

    Ende der 1960er-/Anfang der 1970er-Jahre trafen der Zeitgeist (mehr Freiheit und Mitverantwortung) und die Unzufriedenheit über die Freizeitsituation in Lohr zusammen. Konkreter Auslöser für die Forderung nach eigenen Räumen war der Weps-Ball, benannt nach der Schülerzeitung des Gymnasiums. Für ihn wollten Gymnasiasten die Stadthalle mieten und bekamen sie nicht.

    1973 entstand die Aktionsgemeinschaft Jugendzentrum, die sich für ein selbstorganisiertes Jugendzentrum in Lohr einsetzte. Die jungen Leute trafen sich am Brunnen auf dem unteren Marktplatz, in der Küferstube und im Gasthaus Günder (heute Richards Weineck).

    Auftritt auf Lastwagen

    "Oft waren 60 bis 80 Jugendliche dabei, das waren echt viele", erinnert sich Sozialpädagogin Mathilde Lembach im Gespräch mit unserem Medienhaus zurück. Stundenlang sei diskutiert worden. "Wir haben auf einem Lastwagen in der Fußgängerzone Musik gemacht, um zu zeigen, was ginge, wenn wir ein Jugendzentrum hätten", ergänzte Sozialpädagoge Heinz Schwaiger.

    Michael Lembach (Lemmi) spielte und sang eigene und fremde Songs aus dem Blues-, Folk- und Jazzgenre. Foto: Thomas Josef Möhler

    Für beide waren die Ereignisse in Lohr Anlass, Sozialpädagogik zu studieren. "Konzerte mit Livemusik in allen Stilrichtungen gehörten von Anbeginn zum festen Programm des Jugendzentrums", so Schwaiger. Schlagzeuger Peter Wirth, Klavierspieler Alexander Görlich und die Folkband "Moenus" haben dort ihre Wurzeln.

    Hinaus in die große Welt

    Nach dem Einbau eines Bandprobenraums zusammen mit den Musikern hat das Jugendzentrum nach Schwaigers Worten den perfekten Rahmen für die Förderung der Jugendkultur in Sachen selbst gemachter Musik geboten.

    "Probe im Proberaum, erstes Konzert im Jugendzentrum, dann hinaus in die große Welt", formulierte der Sozialpädagoge. Fast jede Lohrer Band sei diesen Weg gegangen.

    Das Konzert am Samstag hat Roland Wagner mitorganisiert. Den Auftakt mit eigenen und fremden Songs aus den Bereichen Blues, Folk und Jazz machte Michael Lembach (Lemmi) an der Sologitarre, der beim Blick ins Publikum vom "großen Wiedersehen der Ehemaligen" sprach. Der Musiker, Komponist und Texter ist nach Band- und Filmmusikprojekten heute selbstständiger Instrumentallehrer für Gitarre, Trompete, Ukulele, Bass, Mandoline und Banjo in Düsseldorf. Der Auftritt des Duos Grasharfe mit Martin Schwab und Christian Komorowski (Komo) musste krankheitsbedingt abgesagt werden. Schwab ist heute Buchhändler im Schwarzwald, Komorowski weiterhin in Sachen Musik in Essen aktiv. Er war unter anderem mit der Violine Begleitmusiker bei Livekonzerten von Deine Lakaien und spielt mit der Band Das Holz, die er mitgegründet hat.

    Nach den Männern mit Bärten (siehe Infobox) standen zu vorgerückter Stunde für die jüngeren Bands, die im Juze ihren Anfang genommen haben, "Fragmentory" mit Death/Trash Metal und "Mount Logan" mit instrumentalem Noisecore auf der Bühne. "Fragmentory", gegründet 2003, ist in letzter Zeit nicht mehr aufgetreten. Thomas Wissel (Bass) spielt bei "Final Breath", Kevin Seubert (Gitarre) bei "Sling Shot".

    Energie im Vordergrund

    "Mount Logan" ist nach rund 15 Jahren immer noch aktiv. Im Mai war die Band beim Umsonst & Drinnen-Festival in der Stadthalle zu hören. Nur ein Bandmitglied lebt noch in Lohr, die beiden anderen in Nürnberg und Fürth. Das Trio macht nur noch Instrumentalmusik, früher gab es "noch etwas Geschrei". Ihnen gehe es vor allem um die Energie der Musik, war zu hören.

    Die Band "Männer mit Bärten"
    Etwa von 1980 bis 1990 gab es die Band "Männer mit Bärten", die am Samstag in der Besetzung Joachim Scheiner (Scheinus, Gitarre und Gesang), Stefan Feser (Fesl, Gitarre und Gesang), Ron Henseler (Ronnie, Bass und Gesang) und Guido Benkart (Schlagzeug) mit erkennbar viel Freude auf der Bühne stand. Die Musikrichtung beschrieb Stefan Feser in einem Gespräch mit unserem Medienhaus als "Proto-Punk mit Elementen der Improvisation und des Aktionstheaters. Wir haben während der Auftritte Sketche gemacht." Die Band war nach Fesers Worten schon beim Aufbau des Jugendzentrums dabei. "Ich habe es immer unser erweitertes Wohnzimmer genannt." So hätten die Männer mit Bärten viele Silvesterkonzerte bestritten. Der Bandname stand am Anfang nicht fest. "Wir haben uns vor jedem Auftritt einen neuen Namen gegeben", berichtete Joachim Scheiner. Laut Feser war die Band bis etwa 1985 in wechselnder Besetzung noch in Lohr aktiv. Nach Scheiners Angaben wurde daraus wegen Wegzügen eine "Berlin-Hamburger Band".
    Stefan Feser ist heute Software-Projektleiter in Hamburg und bezeichnet sich als Hobbymusiker. Er tritt noch im privaten Rahmen auf.
    Joachim Scheiner arbeitet an der TU Dortmund als außerplanmäßiger Professor in der Fakultät für Raumplanung, Verkehrswesen und Verkehrsplanung. Mit Michael Lembach ist er später einige Male aufgetreten, "heute mache ich zu Hause viel Musik, aber nicht mehr öffentlich".
    Ron Henseler lebt seit 1981 in Hamburg und arbeitet dort als Produzent, Studio- und Livetontechniker. Momentan betreibt er in der Hansestadt das K-Klangstudio und spielt als Bassist in der Band "Belgrad".
    Guido Benkart, der in Aalen lebt, ist seit über 15 Jahren ist für die Tontechnik beim Kabarettisten und Musiker Willy Astor verantwortlich. Er hatte bereits am Freitag die Tontechnik im Juze-Altbau eingerichtet und sagte zu seinen Schlagzeug-Künsten: "Na ja." (tjm)
    Die "Männer mit Bärten" in der Besetzung Ron Henseler, Joachim Scheiner, Guido?Benkart und Stefan Feser (von links). Für einige scheint der erste gemeinsame?Auftritt nach vielen Jahren ein befreiender Akt gewesen zu sein. Foto: Thomas Josef Möhler

    Bearbeitet von Thomas Josef Möhler

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