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    Lohr

    Bunte Socken und Taschen statt Plastik

    Michaela Benkart-Weyer (li) und einige Strickerinnen und Häklerinnen zum Tag der Handarbeit im Alten Rathaus Foto: Henrietta Hartl

    "Stricken ist genauso tiefenentspannend wie Yoga", meint Michaela Benkart-Weyer. Natürlich müsse man es erstmal lernen, aber wenn dann die Nadeln wie von selbst klapperten, habe das eine sehr beruhigende Wirkung. Dazu gebe es wissenschaftliche Studien, und sie hat das auch schon selbst erfahren: "Ich bin schon öfters mal beim Stricken eingeschlafen", erzählt die Leiterin der Strick- und Häkelrunde der VHS zum "Tag der Handarbeit" am Samstag im Alten Rathaus.

    Schon seit einer Woche hatte sie als Werbung für die Veranstaltung im Fenster des Alten Rathauses einige selbstgehäkelte Taschen ausgehängt. Diese hat sie für die Aktion "Make Me Take Me" zur Plastikvermeidung angefertigt (siehe Kasten), für die auch am Samstag eifrig gearbeitet wurde. Immer wieder mal kommen Interessierte herein und fragen, ob sie diese schönen Taschen kaufen könnten. Doch die sind nicht zu verkaufen, "hier muss man selber stricken", meint Benkart-Weyer lächelnd. Dafür hat sie viele Muster und Tipps bereit.

    Männerfreie Runde

    Es ist ein lockeres Kommen und Gehen, rund ein halbes Dutzend Damen sitzen zusammen, stricken, häkeln, plaudern oder tauschen Tipps aus. Männer haben sich nicht hergetraut, auch keine jungen Frauen sind dabei. "Die haben halt wenig Zeit", meint Marlene Frommelt aus Neuendorf. Sie hat von ihrer Strick-Freundin Ingrid Zeidler aus Frammersbach von dem Handarbeitstag erfahren. Die beiden machen auch bei anderen Strick- und Häkelgruppen mit. Davon gebe es einige in der Region, erzählen sie, zum Beispiel bei der Lohrer Awo, in Sendelbach oder in Partenstein. "Es sollte noch mehr geben", meint Zeidler, "und vor allem müssten sie noch bekannter sein."

    Vom Söckchen bis zur Jacke

    Michaela Benkart-Weyer und eine ihrer bunten Trachtensocken Foto: Henrietta Hartl

    Sie strickt und häkelt viel, von flauschigen Babysöckchen bis zu bunten Jacken, und hilft auch anderen bei "wolligen" Problemen. Dabei ist das Stricken ihre liebste Handarbeit: "Das kann man blind, beim Häkeln dagegen muss man aufpassen und genau hinschauen."

    Auch Ulla Menzel, Vorsitzende des Lohrer TSV, ist mit Wolle und Nadeln gekommen und erklärt, dass sie schon seit ihrer Jugend die entspannende Wirkung des Strickens schätzt. Die meisten hier sind also ziemliche Strick- und Häkel-Profis, es gesellt sich aber auch eine Frau hinzu, die komplizierte Schnitte und Muster vermeidet: "Ich stricke einfach nur geradeaus, und möglichst nur rechte Maschen." Trotzdem hat sie schon für die Aktion "Knit a Square" viele einfache Quadrate gestrickt, die zu Decken für Afrika zusammengenäht werden. Sie möchte jetzt aber einen Pullover stricken und sucht nun Tipps oder sogar jemanden, der das für sie macht, "so am Hals und so, wo es schwierig wird."

    Benkart-Weyer, die verschiedene Handarbeitskurse bei der VHS gibt, ist ein echter Strickfan. Sie strickt viele Socken, auch spezielle wie Yoga-Socken ohne Ferse und Spitze. Für die Muster hat sie zuhause "ganz viele Handarbeitsbücher". Im Internet gebe es inzwischen zwar auch viele Tipps, aber das findet sie nicht so praktisch, weil man beim Arbeiten immer wieder nachschauen und vergleichen müsse: "Da muss ich mir das Handy danebenlegen, und dann geht das immer wieder aus – da arbeite ich viel lieber mit Büchern."

    Ihre Produkte verschenkt sie oft, verkaufen will sie sie aber nicht, das rechne sich überhaupt nicht. Sie erzählt von einer Freundin, die kürzlich auf Bestellung ein Paar besondere Trachtensocken gestrickt habe, für 70 Euro. Das scheint im ersten Moment viel – aber wenig, wenn man erfährt, dass die Strickerin vom Recherchieren bis zum Nachstricken der komplizierten Muster daran rund 80 Stunden gearbeitet hat, vom Materialpreis ganz zu schweigen.

    "Das macht nur Sinn für jemanden, der den Wert so einer kreativen Handarbeit auch schätzen kann." Doch Stricken mache Spaß, "und man kann es ja überall machen, auch unterwegs."

    "Make-me-take-me"-Initiative
    Taschen und Einkaufsnetze nähen, stricken oder häkeln nach dem Motto: "Stoff statt Plastik oder Papier": Das ist die Mission des 2008 in den USA gestarteten Projekts Green-Bag-Lady, für das weltweit laut Aussage des deutschen Flyers schon über 50000 Taschen in Handarbeit angefertigt wurden.
    In Deutschland hat sich 2019 die "Initiative Handarbeit" dem Projekt angeschlossen. Dieser Verband der führenden Anbieter der Handarbeitsbranche aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bietet mit der Aktion "Make Me Take Me" kostenlose Anleitungen für die Taschen. Außerdem versendet die Initiative nummerierte Labels zum Annähen an die Taschen, die den Stand der Aktion dokumentieren. Ursprüngliches Ziel waren 10 000 Taschen in Deutschland bis Ende 2019, doch das wurde weit übertroffen, laut Webseite sind es jetzt schon über 20 000 Taschen. Diese sollen an Freunde, Verwandte und weitere Menschen verteilt werden, die versprechen, dafür auf Plastiktüten zu verzichten.
    Dazugehörige Hashtags:#MakeMeTakeMe, #noplastic und #mehrnachhaltigkeit. Internetseite mit Infos und Anleitungen: www.initiative-handarbeit.de.

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