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    NEUENDORF

    Das kleine Wirtschaftswunder von Neuendorf

    Frühere Unternehmen: Fast aus dem Nichts entstanden in der Nachkriegszeit in Neuendorf die Schreibfedernfabrik Willert und Kartonagen Lommes. Erinnerungen an eine Zeit, als Gesang noch zur Arbeit gehörte.
    Ortsbildprägend und für viele Arbeitssuchende ein Segen: die „Schreibfedernfabrik Otto und Viktor Willert” und die gegenüberliegende Fabrik „Kartonagen Lommes“.
    Ortsbildprägend und für viele Arbeitssuchende ein Segen: die „Schreibfedernfabrik Otto und Viktor Willert” und die gegenüberliegende Fabrik „Kartonagen Lommes“. Foto: Familie Willert

    Der Krieg war verloren. Deutschland lag am Boden. Es fehlte an fast allem und die Städte und Orte waren voller Flüchtlinge, die integriert werden mussten. Auch in Neuendorf gehörten Hunger und Knappheit zum Alltag. Ein Lichtblick war deshalb die Gründung zweier neuer Unternehmen: Die „Schreibfedernfabrik Willert“ und „Kartonagen Lommes“ gaben vielen Einheimischen Arbeit und Hoffnung.

    Viktor Willert, geboren 1897 in Altstadt im Sudetenland, hatte nach seiner Ausbildung als Werkzeugmacher eine Schreibfedernfabrik in seinem Heimatort gegründet, die er gemeinsam mit seinem Sohn Otto (geboren 1925) betrieb. In den Jahren 1945/46 wurde er wie drei Millionen Sudetendeutsche gewaltsam enteignet und zum Verlassen der Heimat gezwungen. Mit Frau und Tochter kam Viktor Willert im Frühjahr 1946 nach langem, beschwerlichem Weg nach Neuendorf. Otto Willert, im Krieg an der Ostfront eingesetzt, stieß im Herbst 1946 dazu: „Wir waren so dankbar, dass wir den Krieg überlebt haben. Und dass die Familie wieder zusammen war.“

    Produktion im Gasthaus „Zum Schönrain“

    Resignieren war nicht ihr Ding. Die Familie hatte einen Schatz mitgebracht: das Wissen und Können um die Herstellung von Schreibfedern. Im Gasthaus „Zum Schönrain“ erhielten Willerts eine kleine Fläche zur Fertigung, die sie sich mit Familie Lommes teilten. Auch Berta Lommes, im September 1944 nach Unterfranken evakuiert, war Unternehmerin. In Kaldenkirchen an der niederländischen Grenze hatte ihre Familie einen Kartonagen-Betrieb, der auf Feldpostschachteln und Munitionsverpackung spezialisiert war. Gemeinsam mit ihren Kindern wurde die Kriegerwitwe nach Neuendorf zugeteilt und nahm hier eigenständig die Fertigung ihrer Waren im Rahmen der Möglichkeiten wieder auf.

    Auf engstem Raum und mit wenigen Arbeitsmitteln begann im Tanzsaal des Dorfgasthofs somit die neue Geschichte zweier Familienbetriebe. Im Jahr 1946 heirateten Schreibfedernfabrikant Otto Willert und Erika Lommes, die Tochter der Kartonagenherstellerin; im Jahr 1947 kam Sohn Wilfried zur Welt. Die Nachfrage wuchs und die Räumlichkeiten wurden bald zu klein. Auch die in den Biergarten gebaute Bretterhütte brachte nur vorübergehend zusätzlichen Platz. Nun wurde richtig gebaut.

    Neubauten 1951 und 1953 am Ortsrand

    Am damaligen Ortsrand entstanden die Firmengebäude für Willert (1951) und Lommes (1953). Die ausgediente Bretterhütte erwarb übrigens die Kirchengemeinde, die sie im Pfarrgarten viele Jahre als Jugendheim weiter nutzte. „Kartonagen Lommes“, geführt von Berta Lommes und Sohn Josef, beschäftigte zehn Arbeitskräfte. Hier entstanden Schuhkartons, Verpackungen für Lebensmittel und für Spielwaren – und natürlich Kartons für Schreibfedern.

    Die gegenüberliegende „Schreibfedernfabrik Otto und Viktor Willert“ mit 70 Beschäftigten – größtenteils Frauen aus Neuendorf – entwickelte sich ebenfalls prächtig. Der Leiter des Versandhauses Schwab zählte zu den Jagdfreunden von Viktor Willert; die Werbung im Schwab-Katalog kurbelte den Umsatz an. Annoncen in den in den Deutschen Botschaften ausliegenden Exportzeitschriften vermittelten außerdem geschäftliche Kontakte zu Kunden im Ausland wie Pakistan, Indien, Kolumbien und Italien. Noch gut erinnert sich Birgit Wellhöfer, die Tochter von Otto Willert, an die große Weltkarte im Büro ihres Vaters und Großvaters, die mit kleinen Nadeln markiert war: In all diesen Ländern waren die Schreibfedern des Familienbetriebs im Einsatz.

    Täglich bis zu 200 000 Schreibfedern

    Schon 1953 war eine Erweiterung des Fabrikgebäudes erforderlich. 200 000 Federn konnten täglich an der Stanzmaschine hergestellt werden, in acht Arbeitsgängen wurde jede einzelne Feder per Hand bearbeitet. Die aus hochwertigem Stahlblech gestanzten Vorlagen wurden gespalten, gepresst, gebogen und gestaucht. Und je nach Modell auch vergoldet. In kleinen Schachteln mit jeweils 144 Exemplaren ging die Lieferung mit einem Feder-Stückpreis von zwei bis drei Pfennigen aus dem Werk. Viktor Willert baute die Werkzeuge, das Wissen um die Elektronik brachte sein Sohn Otto ein.

    „Wir waren ein gutes Team“, bestätigt Otto Willert. „Wir konnten improvisieren, es war eine perfekte Mischung – und es hat funktioniert.“ Der heute 93-Jährige kann sich gut an die fröhliche Atmosphäre in der Großraumwerkstatt erinnern: „Die Mädels haben immer gesungen, den ganzen Tag über.“ Seinem Vater Viktor lag viel daran, dass das Arbeitsklima passte; die Frauen konnten je nach Möglichkeit ihre Arbeitsstunden einbringen. Wichtig war die Aufnahmeprüfung für die Maschinenbediener: Das Anspitzen eines Bleistifts gehörte dazu. Daran erkannte Willert das handwerkliche Geschick der Bewerber und setzte sein Personal entsprechend ein.

    Montag war der Tag der Schlager

    „Und Singen musste jeder können – und die Neuendorfer haben ein ausgezeichnetes Musikgefühl“, ergänzt Willert schmunzelnd. Auffällig sei gewesen, dass vor allem montags viele Schlager und Volkslieder zu hören waren. Die Verwaltung des Betriebs verantwortete Otto Willert, unterstützt von der „sehr fleißigen“ Sekretärin Karola Hoffmann aus Neuendorf, die sich akribisch um die Buchhaltung kümmerte.

    Als 1958 Viktor Willert keine weiteren Investitionen tätigen wollte, startete sein Sohn Otto mit einer ganz anderen Geschäftsidee: Im Skiurlaub in Österreich kam ihm der Gedanke, auf dem Rhöner Kreuzberg einen Skilift zu betreiben. Er recherchierte, kaufte Grundstücke und wurde Betreiber des ersten Skilifts in Nordbayern, des „Blicklifts“. In den folgenden Jahren kamen der „Rothanglift“ sowie der „Dreitannenlift“, mit 1400 Metern der längste Skilift der Rhön, hinzu.

    Übermächtige Konkurrenz aus den USA

    Die Produktion der „Schreibfedernfabrik Otto und Viktor Willert“ reduzierte sich Ende der 1960er Jahre langsam: Die Konkurrenz aus den USA, die vollautomatische Fertigungsmaschinen betrieb, machte sich bemerkbar. Dazu kam der starke Dollar. Wilfried Willert: „Das Geschäft war nicht mehr lukrativ, wir waren nicht mehr wettbewerbsfähig.“ Nach dem Tod von Viktor Willert 1970 lief die Firma noch ein weiteres Jahr, doch nur für Aufträge von Privatkunden. „Kartonagen Lommes“ hatte bereits 1963 aufgrund familiär bedingter geänderter Geschäftsausrichtung seine Tore in Neuendorf geschlossen.

    Zwei Familien, die die Entwicklung der Gemeinde Neuendorf prägten, hinterließen hier ihre Spuren, ihre Geschichten und erinnern an eine Zeit, die langsam in Vergessenheit gerät.

    Firmengründer Viktor Willert (links) und Familienangehörige vor der Fabrik in Neuendorf.
    Firmengründer Viktor Willert (links) und Familienangehörige vor der Fabrik in Neuendorf. Foto: Familie Willert
    Die Federn von Willert, die Verpackung von Lommes: perfekte Zusammenarbeit der beiden Neuendorfer Familienbetriebe.
    Die Federn von Willert, die Verpackung von Lommes: perfekte Zusammenarbeit der beiden Neuendorfer Familienbetriebe. Foto: Martina Imhof
    Auch um ausländische Kunden wurde erfolgreich geworben.
    Auch um ausländische Kunden wurde erfolgreich geworben. Foto: Familie Willert
    Zwei Unternehmer erinnern sich an längst vergangene Zeiten: Otto Willert und Josef Lommes.
    Zwei Unternehmer erinnern sich an längst vergangene Zeiten: Otto Willert und Josef Lommes. Foto: Martina Imhof
    Erinnerungsfoto vom Betriebsausflug mit dem Fabrikanten mittendrin.
    Erinnerungsfoto vom Betriebsausflug mit dem Fabrikanten mittendrin. Foto: Familie Willert
    Ein Blick auf Beschäftigte bei der Arbeit bei „Kartonagen Lommes” in Neuendorf.
    Ein Blick auf Beschäftigte bei der Arbeit bei „Kartonagen Lommes” in Neuendorf. Foto: Familie Lommes
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