• aktualisiert:

    PARTENSTEIN

    Der Partensteiner und sein „Pony“: Pilgerreise unterbrochen

    Wie weit er denn auf dem Jakobsweg pilgern wolle, hatte der Bischof in Le-Puy-en-Velay Rüdiger Staab gefragt. So weit, wie sein Pferd ihn trage, hatte Staab geantwortet. Am nächsten Tag brach er seine Reise ab.

    Der 61-jährige Staab und sein „Indianerpony“, die Appaloosa-Stute Wenona, starteten Ende Juli in Partenstein. Etwa 35 Kilometer am Tag wollte Staab zurücklegen, einen Teil auf Wenonas Rücken, einen größeren Teil jedoch auf den eigenen Füßen. Über den Bodensee, durch die Schweiz und Südfrankreich sollte sein Weg ihn führen. Doch schon der Anfang war holprig.

    Ohne GPS zum Bodensee

    Bereits in den ersten Tagen fällt Staabs GPS aus. „Ab da habe ich vorerst mit dem Handy navigieren müssen“, erzählt Staab. In Biberach macht er Station bei Freunden, lässt sich dorthin ein Ersatzgerät liefern. „Doch die Speicherkarte, auf der die Deutschlandkarte gespeichert war, passte nicht in das neue Gerät.“ Bis zum Bodensee muss er sich also ohne durchschlagen.

    „Der erste Tag, der mir wirklich zu schaffen gemacht hat, war aber der Tag der Bodenseeüberfahrt“, sagt Staab. Ob sein Pferd die Bootsfahrt vertragen würde? Besorgt organisiert er einen Pferdeanhänger, in dem Wenona die Überfahrt verbringen kann – eine unnötige Vorsichtsmaßnahme, wie sich herausstellt. „Ich hatte das Gefühl, Wenona hat sogar bewusst die Nase in den Wind gehalten“, erzählt Staab glücklich.

    Der Tag sollte aber doch noch stressig werden: Wenona braucht ein Visum für die Schweiz. „Man hat mich von Zollstation zu Zollstation geschickt, niemand wusste, was zu tun war.“ Schließlich bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Hauptzollstation an der Autobahn aufzusuchen. „Das wollte ich eigentlich um jeden Preis vermeiden, die Lautstärke, der Gestank und die Hektik der Autobahn sind ein Alptraum für Wenona“, so Staab. Er hat Glück, trifft auf eine freundliche Schweizer Zollbeamtin, die die Angelegenheit auf einem kurzen Dienstweg klärt. „Ihr Vorgesetzter hat den ganzen Papierkram verflucht und mir kurzerhand ein Dokument ausgestellt“, erzählt Staab. Die Reise kann weiter gehen.

    Nachtlager im Pferdestall

    Unterwegs führt Staab ein bescheidenes Leben. Er kommt in Pilgerherbergen unter, findet Pferdepensionen oder manchmal Privatpersonen, die ihn für eine Nacht aufnehmen. Oft bekommt er dort auch ein kleines Abendessen günstig angeboten oder geschenkt. Nur selten geht er in einem Restaurant essen. Auch nachts ist er genugsam: „Insgesamt habe ich bestimmt 20 Nächte direkt bei Wenona im Stall oder in der Reiterstube geschlafen“, erzählt er.

    Mitte August ist Staab im Schweizer Kanton Schwyz unterwegs – und schlägt versehentlich den falschen Weg ein. Um seinen Fehler zu korrigieren, will er mit Wenona eine Viehalm durchqueren. „Das hatten wir im Vorfeld schon öfter getan, problematisch war das nie“, sagt Staab. In diesem Tag aber schon: „Die Rinder wurden sofort hektisch und stürmten mit aufgestelltem Schwanz und laut brüllend auf uns zu gerannt“, erinnert er sich. Die Tiere kreisen Pferd und Reiter ein, beide bekommen Panik. „Ich habe die längsten 20 Minuten meines Lebens hier erlebt“, schreibt er später auf seinem Blog. Wenona tritt um sich und auch Staab versucht, die Rinder zu verscheuchen – keine Chance. Ein Jogger kommt ihnen schließlich zu Hilfe: Er hält die Rinder mit einem Ast in Schach, Staab und sein Pferd können sich hinter einen Zaun retten. Beide haben Schürfwunden – und aus Wenonas hinterem Huf ist ein großes Stück herausgebrochen. Staab hat neben seinem früheren Hauptberuf als Werkzeugmeister auch einen Meister als Hufschmied gemacht, weiß also, was diese Verletzung für das Pferd bedeute: „Da war mir eigentlich klar, dass unsere Reise nicht mehr lange gehen würde.“

    Doch er findet im nächsten Ort einen Schmied, der sich sogar am Sonntagmorgen Zeit nimmt, um Wenona so gut es geht neu zu beschlagen. Und die Stute hält durch: „Knapp 600 Kilometer haben wir danach noch zurückgelegt“, sagt Staab stolz.

    Steile Pfade, extreme Temperaturen

    Trotzdem wird die Reise mühsamer: „Im flachen Rhonetal kamen wir noch gut voran, doch dann folgte das Vorgebirge mit bis zu 1200 Höhenmetern.“ Tagsüber schwitzen Mensch und Tier, nachts liegen die Temperaturen jedoch nur um zehn Grad. „Da habe ich angefangen, mir Sorgen um Wenonas Gesundheit zu machen“, gibt Staab zu. Er geht jetzt mehr selbst, reitet manchmal nur 15 Minuten am Tag, um sein Pferd zu schonen. Leicht fällt ihm das nicht: „Ich habe selbst eine alte Knieverletzung, die ich mit jedem Tag mehr gespürt habe.“ Die Wege sind steil und schmal, oft mit runden, rutschigen Kieselsteinen belegt. Das zehrt an den Kräften, die Konzentration schwindet im Laufe des Tages, Staab stolpert häufig.

    Ende August erreichen die Partensteiner das französische Le Puy. Staab versorgt wie immer zunächst sein Pferd, dann geht er in die Stadt und zum Pilgertreffen in der Kathedrale von Le Puis. Die langgezogenen Treppen hoch zur Kathedrale sind ein Qual für Staabs Knie, aber es lohnt sich.

    „Pferdepilger aus dem Spessart“

    „Bei dem Treffen kamen Pilger aus aller Welt zusammen, man hat direkt eine Verbindung gespürt“, erzählt Staab. Viele haben seine und Wenonas Spuren auf dem „Camino“ verfolgt und sich über seine Einträge in die Gästebücher der Kirchen und Herbergen gefreut: „Der Pferdepilger aus dem Spessart“. Er will so weit gehen, wie Wenona in trage, das erzählt er der Pilgergemeinschaft; der Bischof schreibt es so in sein Pilgerbuch.

    Nach der Messe am nächsten Tag macht sich Staab über die Treppen auf den Rückweg in die Stadt. Er ist erschöpft, aber beseelt von dem Gottesdienst – und übersieht eine Stufe der Treppe. „Ab da hatte ich Schmerzen im Knie, wie ich sie noch nie erlebt habe“, sagt Staab. Er spricht mit seiner Frau Monika und sie beschließen gemeinsam das vorzeitige Ende der Reise. Mit Auto und Pferdeanhänger holt Monika ihn ab; am ersten September sind sie zurück in Partenstein.

    Fortsetzung geplant

    Entlang der offiziellen Stecke des Jakobswegs sind Staab und Wenona etwa 1300 Kilometer in den 37 Tagen seit ihrem Aufbruch gewandert. „Oft mussten wir aber Umwege machen, weil der Weg für Wenona nicht geeignet war“, so Staab. An die 200 Kilometer dürften sie zusätzlich zurückgelegt haben, schätzt er. Nach Santiago de Compostela möchte er es aber dennoch irgendwann schaffen: „Ich könnte mir gut vorstellen, irgendwann von Le Puy aus noch einmal zu starten“, sagt Staab. „Dann aber gerne in Begleitung.“

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!