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    Karlstadt

    Des "Gfredd mit dar buckliche Verwandtschaft"

    Vom Alkohol enthemmt zwingt der Familienvater Hans (Peter Daumberger) seinen "Bub"(Dominik Eckstein), Schnaps zu trinken. Foto: Günter Roth

    Das fränkische Lustdrama "Schweig Bub" von Fitzgerald Kusz gehört mittlerweile schon zum Theater in der Gerbergasse wie "der Mee zu Karscht". Seit 1984 wagen sich die Theaterleute alle zehn Jahre an dieses kernige, oft derbe, aber auch nachdenklich stimmende Stück. Als besonderer Leckerbissen sind mit Gerlinde Heßler, Peter Daumberger und Hanni Graf gleich drei Schauspieler von 1984 mit dabei.

    Gleich vorweg: Wer geglaubt hat, dass nach dem vierten Aufguss der Dampf in der Gerbergasse raus sein könnte, sah sich getäuscht. Sowohl das Premierenpublikum im fast vollen Haus als auch das achtköpfige Ensemble auf der Bühne steigerten sich gewissermaßen gegenseitig in einen skurrilen Rausch mit gelegentlichem bitteren Beigeschmack.

    Anlässlich der Konfirmation von Fritz ist mal wieder die bucklige Verwandtschaft um den Familientisch versammelt. Die umtriebig, stets besorgte Hausfrau Grete wäre wahrscheinlich heute die Hubschraubermutter. Ansonsten ist alles versammelt, was zum Schreckensszenario der Familie aus der Nachkriegszeit gehört: Der Vater Hans versucht den Familienpascha, kann aber dem Alkohol nicht widerstehen, ebenso wie der ewig nölende Onkel Willi, mit seinen Kriegsgeschichten und dem Dauerclinch mit seiner Frau Anna. Das Paar Gerda und Manfred will sich durch vornehmes Verhalten von den anderen abheben. Dann mischt noch die vorlaute, frivole und doch unendlich frustrierte Cousine Hannelore die Familie gründlich auf.

    Wichtig ist's, den Schein zu wahren

    Mit Hanni Graf (Mitte) und Toni Wittmann liefern sich zwei Grantler erbitterte Duelle. Foto: Günter Roth

    Schnell wird klar, dass der opulent gedeckte Tisch mit Braten, Torte und Bratwürsten nur aufgesetzte Fassade ist. Eigentlich hat man sich nicht wirklich etwas zu sagen, selbst der Konfirmand ist weitgehend nebensächlich. Wenn der etwas fragen oder gar einen vernünftigen Beitrag leisten will, kommt stets die stereotype, barsche Antwort "Schweig Bub!" - oder noch derber "Halts Maul!". Wichtig ist nur, dass der Schein gewahrt ist, vor allem wenn der Pfarrer womöglich kommt.

    Einmal mehr hat der Regisseur Werner Hofmann sein Ensemble bestens ausgesucht. Die Vollblutschauspielerin Hanni Graf ist in ihrem Element als ewig mit vollem Mund grantelnden "Raaf". Sie und Wittmann schenken sich gegenseitig nichts – er ist ihr perfektes Gegenstück im Jammern über die verpassten Chancen des Lebens. Diese Leere füllt er mit Bier und Schnaps. Auf dem Höhepunkt der familiären Eskalation läuft Gerlinde Heßler zur Hochform auf. Wie sie die Trostlosigkeit der Mutter, den Weinkrampf und die Enttäuschung über die sich offenbarende Leere spielt, sorgt für Gänsehaut.

    Alkohol enthemmt und entblößt

    Auf der anderen Seite hat man auch wohl den sonst so besonnenen und wohlmeinenden Peter Daumberger noch kaum erlebt. Der viele Alkohol, die Zwangsjacke zwischen Beruf, Stellung in der Familie und gesellschaftliche Zwänge überfordern ihn und lassen ihn verzweifeln. Seine Rolle als "Vater Hans" überzeugt, berührt und stimmt nachdenklich. Zwiespältig präsentiert auch Waltraud Flederer die Figur der Cousine Hannelore. Scheinbar voller Lebensfreude, locker, kokett. Doch auch das ist Maskerade: der Ehemann geht fremd, sie hat menschlich und beruflich so viel versäumt. Das alles will sie offenbar abwerfen, wenn sie sich am Ende ansatzweise die Kleider vom Leib reißt.

    Sehr schön sind die beiden Kontrapunkte des scheinbar intakten Ehepaares Gerda und Manfred. Herrlich überdreht und gespreizt spielt Jutta Waßmann die gebildete, auf gepflegte Sprache achtende Frau, die mit ihrer "Tarm-Infektion" oder den Tantz-Tamen für Lacher sorgt. Volker Eckstein der "Aufsteiger-Ehemann" fühlt sich bei dem Getue seiner Frau nicht so richtig wohl und luhrt allzu gerne auch mal in den tiefen Ausschnitt der Cousine.

    Lebensfreude oder Verzweiflung? Waltraud Flederer legt einen gewagten Striptease hin. Foto: Günter Roth

    Die eigentlich Hauptfigur, der "Bub" muss fast immer schweigen oder den Katechismus rezitieren. Weitere Äußerungen werden grundsätzlich herunter gebügelt, sogar von der Mutter. "Sei ruhig und ess'!" Dominik Eckstein meistert die schwierige Rolle prima, köstlich verklemmt und um bestmögliche Anpassung bemüht. So gar nicht von dieser Welt von heute.

    Von "Rieweleskoche" und "Pritschen"

    Deftig, kernig und gelegentlich auch recht derb sind Gags und Sprache von "Schweig Bub". - Also schwierig für ganz zarte Gemüter. Der Regisseur hat den ursprünglich mittelfränkischen Dialekt köstlich auf Karlstadt übertragen. Da spricht Hanni Graf vom "Rieweleskoche" (Streuselkuchen) oder von der "Pritsche" (leichtes Mädchen), Toni Wittmann lässt gleich zweimal seinen derben Spruch über "Weiber verrecke und Göll" (Pferde) los und Daumberger heißt seinen Bub als "zu blöd' zum Saufe". Heimat pur? Dazu spielt Wittmann auf seinem Akkordeon das bekannte "Klöassele" und "Maloche, Maloche". Zum Schluss gabs langen und begeisterten Applaus vom Premierenpublikum.

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