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    Lohr

    Die Arbeit im Weinberg fasziniert

    Der Hobbywinzer Bertolt Wagner beim Rebenschnitt im Weinberg am Beilstein.
    Der Hobbywinzer Bertolt Wagner beim Rebenschnitt im Weinberg am Beilstein. Foto: Wolfgang Weismantel

    Wenn man bei einem Spaziergang am Beilstein Richtung Partenstein unterwegs ist, kommt man auch an einem kleinen Weinberg vorbei. Er erinnert daran, dass vor langer Zeit hier in der Gegend auf großen Flächen Weinreben gewachsen sind. Vor fast zwanzig Jahren begann eine Gruppe von Naturfreunden, diese alte Tradition erfolgreich wieder zu beleben. Wir sprachen mit Bertold Wagner darüber, der zu den ersten gehörte, die dieses ungewöhnliche Naturprojekt mit angeschoben haben und noch heute aktiv dabei ist.

    Wie kamen die Lohrer auf die Idee, als Hobbywinzer den alten Weinberg am Beilstein wieder zu beleben?

    Bei einem Agenda21-Arbeitskreis machte Helmut Larösch diesen Vorschlag. Die Idee fand Beifall bei den Teilnehmern und der Umweltreferent der Stadt Lohr bot uns auch gleich ein städtisches Grundstück an, das gerade von Gebüsch gesäubert worden war. Ich selbst war ebenfalls von dem Projekt sehr begeistert, zumal Verwandte schon Jahrhunderte Weinbau betreiben und ich auf deren Hilfe zählen konnte. Tatkräftige Unterstützung kam auch vom BUND Naturschutz, dessen Vorsitz in der Ortsgruppe Lohr ich gerade übernommen hatte. Die rechtlichen Fragen waren schnell geklärt und das Gelände konnte 2002 maschinell für die Pflanzung vorbereitet werden.

    Wie entstand der Name des edlen Lohrer Tropfens?

    Als Rebsorte wählten wir die Neuzüchtung "Regent", da sie als pilzresistent galt und einen geschmacklich wie farblich sehr ansprechenden Rotwein versprach. Der Künstler Roland Schaller entwarf das sinnige und vielfach bewunderte Etikett mit einem ruhenden feisten Bacchus, der ein Steinbeil in der Hand hält, das von einem Rebenzweig voller Trauben umwunden ist. So war mit "Regent vom Beilstein" sowohl die Lage wie auch die Rebsorte schön umschrieben und gestaltet.

    Was waren die Erfahrungen und Pläne der Winzergruppe während den ersten Jahren?

    Das Pflanzjahr bot ideale Wachstumsbedingungen, die hohe Erwartungen weckten. In dem trockenen Sommer 2003 mussten wir aber mehrfach bewässern, damit die jungen Pflanzen nicht verdorrten. Die wenigen Trauben ergaben einen herrlichen Erstlingswein. Bei der Verkostung durch den Stadtrat kam spontan die Frage, ob man Lohr nicht wieder zu einer richtigen Weinbaustadt machen könnte, was jedoch aus rechtlichen wie auch praktischen Gründen nicht möglich ist. Aus den anfangs sieben Hobbywinzern wurden bald zehn und wir bauten alte Weinbergmauern wieder auf, deren Steine geplündert worden waren. So nutzten wir die nach dem Hobbywinzergesetz vorgegebenen Freiräume. Damit entwickelte sich allmählich das Bild eines geschlossenen Weinbergs. Doch unser Ziel war auch, die Fauna und Flora wieder zu beleben. Bald blühten wieder die Weinbergstulpe und andere seltene Pflanzen, aber auch Eidechsen, Blindschleichen, Ringel- und Schlingnattern fühlten sich hier wieder wohl. Ein besonderes Problem stellen die Wespen und schillernden Fliegen dar, die sich an den reifenden Trauben gütlich tun wollen. Daher müssen die Trauben vier Wochen vor der Lese eingenetzt werden. Dass die Natur auch selbst reagierte, zeigte sich daran, weil die Fressfeinde der Wespen sich schnell vermehrten. So machten wir immer neue Erfahrungen und es vergingen ein paar Jahre, bis der Weinberg so aussah, wie wir ihn uns vorgestellt hatten.

    Läuft das Projekt nach fast 20 Jahren noch gut und wie arbeitet die Truppe im Weinberg?

    Leider wurden die Hobbywinzer nicht jünger und das Projekt schien 2010 in eine Krise zu rutschen, als über die Hälfte der Gründer nicht mehr dabei sein konnte. Zum Glück verjüngte sich mit dem neuen BN-Vorsitzenden Torsten Ruf und anderen Interessierten das Team, in dem die Zusammenarbeit mit den "Alten" ausgezeichnet läuft. Es wurden sogar 2012 drei neue Parzellen angelegt. Die Arbeitsverteilung im Weinberg ist so geregelt, dass jeder Winzer die Pflegearbeiten wie Schneiden, Hacken und Binden selbst erledigt. Das gilt auch für die Laubarbeit mit dem Einkürzen der Rebtriebe und dem Ausdünnen des Laubes in der Traubenzone. Wer Hilfe dabei braucht, bekommt sie von einem anderen Winzer. Gemeinsam werden Neuanlagen und Reparaturen ebenso wie das Abrappen der Trauben und Keltern erledigt. Insgesamt ist die Arbeit im Weinberg ein faszinierendes Hobby, denn wir genießen die Mischung aus Gemeinschaftsleistung und persönlichem Einsatz.

    Wo werden die geernteten Trauben dann weiterverarbeitet und wie groß ist der Ertrag?

    Anfangs kamen unsere frisch gelesenen Trauben direkt zu einem Profiwinzer, der alles Weitere bis zum fertigen Wein in den Flaschen erledigte. Da wir viel dazugelernt haben und maschinell inzwischen gut ausgestattet sind, wird der Beilstein Tropfen jetzt hier vor Ort unter interessierter Anteilnahme der Winzerschar bis zur Abfüllreife fertiggestellt. Nur die Filtrierung und Abfüllung muss dem Profi überlassen bleiben, da wir uns die dazu nötige technische Ausrüstung weder leisten wollen noch können. Insgesamt ernten wir für uns eine bescheidene Menge, aber darauf kommt es nicht an. Das Arbeiten in der Natur, die spannende Erwartung der Lese und das Erlebnis jedes neuen Jahrgangs lassen einen einfach nicht mehr los. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es den Weinberg Beilstein noch lange geben wird.

    Weinbau in Lohr
    Der Weinbau begann in Lohr bereits im 14. Jahrhundert. Mit seinen Anbauflächen und den Weinwirtschaften spielte er lange eine große Rolle. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts kam er allmählich zum Erliegen. Wesentliche Gründe dafür waren die Reblaus aus Amerika, wetterbedingte katastrophale Erntejahre und der Eisenbahnbau, der besonders die beste Weinlage am Beilstein zerschnitt.  An die Stelle der Weingärten (Wengerte) traten Baumgärten (Bangerte) und die Zeit der Lohrer Mostwirtschaften begann. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging auch der Obst- und Gartenbau immer mehr zurück, so dass viele Gärten verwilderten. Es bedurfte großer Anstrengungen, eine kleine Fläche mit Weinbergmauern wiederherzurichten und so dem historischen Weinbau ein lebendiges Denkmal zu setzen.
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