• aktualisiert:

    Neustadt am Main

    Die Gage heißt Applaus: Wie entsteht eine Bütt?

    Seit 2014 stehen Silke und Christian Reckentin beim Neustädter Fasching auf der Bühne im Rampenlicht. Sie erzählen: Was ist witzig? Und was nicht? Und woher weiß man das?
    Küchentisch-Kabbeleien auf der Faschingsbühne: Silke Reckentin und ihr Mann Christian aus Neustadt beim Bunten Abend 2015 als "geiferndes Ehepaar".  Foto: Roland Pleier

    In Neustadt am Main trägt Patrick Swayze dicke Hornbrille, Hosenträger und Bart. Als beim bunten Abend des Neustädter Carneval Clubs die Anfangstöne von "The time of my life" erklingen, beginnen er und sein "Baby" auf der Bühne zu tanzen: Hölzern, akrobatisch, fulminant. Nach der Hebefigur ist Schluss. Der Saal bebt.

    Seit 2014 sind Christian und Silke Reckentin als das geifernde Ehepaar auf der Faschingsbühne des Neustadter Carnevalsclub ein Erfolgsmodell. Er, der devote bis aufmüpfige Ehemann. Sie, die dominante Ehefrau mit Haaren auf den Zähnen. Viermal hintereinander haben sie sich in der Rolle auf der Bühne getroffen. Doch was in einer viertel Stunde so unterhaltsam rüber kommt, bedeutet richtig Arbeit.

    Im Normalzustand und nicht auf der Bühne: Silke und Christian Reckentin auf der Festwoche.  Foto: Reckentin

    "Egal, wann man anfängt, zum Ende hin wird es immer stressig."

    "Wir fangen immer so Ende September mit der Planung an", beschreibt Silke Reckentin. "Aber egal, wann man anfängt, zum Ende hin wird es immer stressig." Als ganz normales Ehepaar sitzen die beiden Neustädter an diesem Montagmittag bei sich am Küchentisch. In ihrem Arbeitsalltag sind  beide bei der Polizei. Sie in Lohr und er in Würzburg. Heute aber erzählen sie, wie es ist, wenn man jedes Jahr vor rund 300 Leuten auf der Bühne steht und etwas abliefern soll. Etwas, das im besten Fall genauso einschlägt wie die Dirty Dancing Nummer. "In den ersten beiden Jahren haben wir Standing Ovations bekommen", erzählt Christian Reckentin.

    Stets vergnügt - auch nach einem ausgefallenen Faschingszug: Silke Reckentin Foto: Roland Pleier

    2007 zog der gebürtige Bayreuther mit seiner Frau Silke in ihren Heimatort Neustadt. Im Gegensatz zu ihr, einem bekennenden Faschings-Fan, hatte er mit der fünften Jahreszeit bisher kaum was zu tun. "In Neustadt bin ich erstmals mit Fasching in Berührung gekommen, aber immer nur als Zuschauer", erzählt er. 2014 dann kam den beiden die Idee für den Bühnenauftritt: "Durch unsere unterschiedliche Herkunft, Ober- und Unterfranken, haben wir uns schon immer gekabbelt: Wo sind die Klöß‘ größer, besser?", erzählt sie.

    Untermalt mit dem entsprechenden Outfit - er mit Hornbrille und Bauchansatz, sie mit wattierten Hängebrüsten - und überspitzt dargestellt, brachten sie die Küchentisch-Kabbeleien dann auf die Bühne. Und waren daraufhin ein Muss im Programm.

    Welchen Humor braucht es auf einer Faschingsbühne? "Wir machen nur Dinge, die wir auch lustig finden", so Christian Reckentin. Dabei dürfe es auch schon mal derb werden - aber nicht unter die Gürtellinie gehen. "Wenn wir uns unsicher sind, fragen wir auch schon mal Bekannte im Vorfeld, wie sie das finden", erzählt Silke Reckentin. So haben sie das letzte Mal zum Beispiel die Flüchtlingsproblematik eingebaut.

    Die Fußball-Weltmeister aus Neustadt. Mittendrin (Zweiter von rechts) Christian Reckentin. Foto: Roland Pleier

    "Früher sind die Bütten-Reden in der Dorfkneipe entstanden."

    Immer schwieriger werde es das Programm mit Dorf-Kolorit zu spicken. "Früher sind die Bütten-Reden in der Dorfkneipe entstanden", so die Reckentins. Mittlerweile hat auch die letzte Gastwirtschaft in Neustadt zu gemacht.

    Aktentaschen-Percussion: Schon bei ihrem ersten Auftritt 2014 untermalte Christian Reckentin die Show musikalisch mit der Aktentasche.   Foto: Roland Pleier

    Die Eheleute sind beide auch im Vorstand des NCC. Hier geht es um das Gesamt-Programm und auch für das wird es nicht gerade einfacher Leute zu finden, die sich engagieren. Wer auf die Bühne will, muss bereit sein, Zeit zu investieren. Auch der viertelstündige Dialog des "geifernden Pärchens" wird vorher minutiös aufgeschrieben und dann heißt es: Üben, üben, üben.

    Und das ist bei den Reckentins oft nicht nur verbal, sonderlich auch schweißtreibend: Denn in der Dramaturgie ihres Auftritts gibt es immer kurz vor Schluss einen Überraschungseffekt, sozusagen der Brüller zum Finale: "Im ersten Jahr haben wir gesungen und das mit Aktentaschen-Percussion untermalt", so Silke Reckentin. Das Jahr darauf kam Dirty Dancing. Stundenlang übte das Paar daraufhin mittels Youtube-Tutorials Hebefiguren. "Ein anderes Jahr haben wir für den Auftritt sogar Step-Unterricht genommen."

    Zwischendurch im Publikum: Silke Reckentin mit Tochter.  Foto: Roland Pleier

    Ganz anders kam es im vergangenen Jahr, 2019. Nur einige Tage vor dem Bunten Abend kam eine gute Freundin aus dem Ort ums Leben. "Sie war auch bei den Sitzungen immer dabei, hat im Hintergrund unheimlich viel mitgewirkt", erzählt Silke Reckentin. Die Verantwortlichen sagten die Veranstaltung daraufhin ab.    

    "Jede Rolle hat auch mal ein Ende und ist aufgebraucht"

    Ist sich für keine Rolle zu schade: Christian Reckentin. Foto: Roland Pleier

    Diese Jahr nun? Wieder ein Neustart für die Reckentins: Zum ersten Mal gehen sie nicht in ihrer Nummer als geiferndes Ehepaar, sondern als Moderatoren auf die Bühne. "Jede Rolle hat auch mal ein Ende und ist aufgebraucht", erklären sie. Dann muss was Neues her. In diesem Fall die Rolle der Moderatoren. "Das ist noch einmal eine ganz andere Art der Vorbereitung", erzählen sie. Fünf Tänze und vier Büttenreden gilt es an dem Abend möglichst knackig anzukündigen - ohne zu viel vorweg zu nehmen. Das Motto des Abends lautet "Walt Disney". Insofern werden auch die Reckentins als berühmtes Zeichentrick-Pärchen auftreten. Als welches? Das bleibt ein Geheimnis. 

    Am 15. Februar veranstaltet der Neustädter Carnevals Club (NCC) seinen Bunten Abend. Einlass ist ab 18.30 Uhr. Karten können bereits am 9. Februar zwischen 11 und 13 Uhr in der Turnhalle Neustadt erworben werden oder an der Abendkasse. Die Karte kostet 9 Euro.  

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!