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    Lohr

    Die Gesellschaft und ihre Widersprüche

    Kabarettist Hagen Rether mit den Requisiten Bananen und Steinway-Flügel, auf dem der gelernte Pianist an diesem Abend keinen einzigen Ton spielt. Foto: Thomas Josef Möhler

    »Noch gar nicht Mitternacht, geht doch.« Mit diesem Satz hat Kabarettist Hagen Rether am Freitag rund 400 Zuhörer in der Stadthalle entlassen. Vorangegangen waren (mit Pause) dreieinhalb Stunden, in denen der gelernte Pianist sein Publikum mit einem fast unaufhörlichen, oftmals dahingemurmelten Gedankenfluss, nun ja: unterhalten hat? Oder malträtiert?

    Wo andere bereits aufhören, macht Hagen Rether Pause: Nach eineinhalb Stunden konnten sich die Zuschauer etwas erholen von seinem Dauerprogramm »Liebe«. Seit 2003 ist der in Bukarest geborene Rether damit unterwegs, baut es immer wieder um und aktualisiert es.

    Um die romantische Liebe geht es Rether nicht. Seine Intention schimmert in dem Satz durch, »Herzenswärme ist wichtiger als Argumente«. Rether leidet an der kalten Gesellschaft, am Turbokapitalismus und vor allem daran, dass der Großteil der Menschen den »linksliberalen Multikulti-Ökospinnern« (O-Ton) einfach nicht folgen mag, obwohl diese es doch besser wissen.

    Flügel und Bananen

    Den ganzen Abend lümmelt er in einem Chefsessel vor einem Steinway-Flügel, der nur als Ablage für mehrere Bananen dient, von denen er eine isst und den Rest ins Publikum wirft. Er spielt keinen Ton auf dem Instrument, das er erst am Ende, beim Bühnenabgang, wahrzunehmen scheint: »Jetzt habe ich gar nicht gespielt.«

    Zu wichtig sind die Gedanken, die er seinem Publikum mitzuteilen hat, als dass er sie für ein Stück auf dem Klavier unterbrechen könnte. Ihm geht es nach eigenen Worten nicht um Personen, sondern um Muster, vor allem um die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die von der Gesellschaft zwar erkannt, aber akzeptiert wird.

    Tödliche Traditionen

    Wenn irgend etwas Tradition sei, sei die Gesellschaft bereit, »es zu akzeptieren, egal, was es kostet«. Drei Amokläufer der letzten Jahre seien Mitglieder in Schützenvereinen gewesen, »da hat kein Schützenhaus gebrannt«. Seit Jahrzehnten würden Insektenvernichtungsmittel auf Felder gespritzt, »jetzt wundern wir uns, dass die Insekten vernichtet sind«.

    Auch die Kanzlerin sei nicht frei von diesen Widersprüchen: Angela Merkel habe Bilder von Emil Nolde abhängen lassen, weil dieser urplötzlich als Antisemit enttarnt worden sei. »Und im Sommer geht's nach Bayreuth zu den Wagner-Festspielen. Demnächst finden sie heraus, dass Plastik im Meer ist. Dieses Jahr haben sie herausgefunden, dass der Wald wichtig ist.«

    Pelzmäntel seien verpönt, »wir tragen Daunenjacken, weil die auf Daunenbäumen wachsen«. Deutschlandweit fehlten Polizisten, aber für Bundesligaspiele würden Hundertschaften eingesetzt, um die Hooligans zu trennen. Diese solle man »sich klopfen lassen, dann ist schon mal die Hälfte weg«. Nach fünf Wochen sei das Problem gelöst, »man wird ja mal träumen dürfen«.

    Warum müssen bei klassischen Konzerten keine 600 Polizisten aufmarschieren, »weil die Tschaikowski-Fans die Chopin-Fans totschlagen wollen«? Das könnte an Bildung liegen, »aber das ist nur so ein Gedanke von mir«. Bildung und Schamgefühl seien auf dem Rückzug: »Wer drei Sätze sagen kann ohne Arschloch drin, gilt als Teil der arroganten Elite.«

    Immer in der Komfortzone

    Rethers Sorge ist, dass sich die liberale Demokratie von innen heraus zerlegt: »Mit dem eigenen Wahnsinn kommt man gut zurecht.« Kann man dagegen etwas tun? Selbstverständlich: »Der Einzelhandel wird zerstört? Dann geh' halt nicht zu Amazon!« Visionen hörten die Menschen gerne, aber nur, »wenn ich mich keinen Millimeter aus der Komfortzone herausbewegen muss«.

    Bearbeitet von Thomas Josef Möhler

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